Kultur | 19.09.2013

Über Jäger und Geister

Text von Fabian Frei | Bilder von Katharina Good
«Wie bringt Kunst uns weiter?" Unter diesem Titel trafen unterschiedliche Akteure aus Kunst und Kultur im Hotel Castell in Zuoz Engadin zusammen. Anlässlich des jährlich stattfindenden Art-Weekends wurde nach dem Nutzen von Kunst gefragt.
Seit dem Jahr 1996 finden im Hotel Castell in den Engadiner Bergen die sogenannten Art-Weekends statt. Zeitgenössische Kunst bildete den Rahmen für angeregte Gespräche, wie etwa das Werk von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger. Die Sängerin Truike van der Poel machte in ihrer Performance James Turrells "Sky Space Piz Uter" neu erlebbar.
Bild: Katharina Good

Dorothea Strauss, Kuratorin des Art-Weekends, die den Titel “Wie bringt Kunst uns weiter?” gemeinsam mit dem Initiator und Kunstsammler Rudi Bechtler erarbeitet hatte, wagte sich mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern an die schwer zu beantwortende Frage heran. Mit anschaulichen Beispielen eröffnete sie den Besuchenden des Seminars einige Möglichkeiten, sich einem möglichen Nutzen von Kunst anzunähern. Angefangen wurde mit zwei Filmen des deutschen Künstlers Christian Jankowski. Weitere Ansätze zur Beantwortung der Frage boten die Arbeiten der anwesenden Kunstschaffenden Olaf Nicolai, Philippe Rahm und Truike van der Poel.

 

Eine der Grundprämissen des Weekends war die philosophische These von Gefangenschaft innerhalb gesellschaftlicher Realität. Die Realität, wie wir sie kennen, wird als Kunstprodukt der Gesellschaft verstanden. Etabliert durch den Konsens und die gemeinsame Absprache, sind die Grenzen der Realität klar gesetzt. Innerhalb dieser Grenzen werden eine Orientierung in der Welt und das gemeinsame Zusammenleben erst ermöglicht, indem die individuellen Weltsichten einander angeglichen werden. Dieses Gleichgewicht, das sich zwischen der individuellen Beschreibung der Welt und der künstlich geschaffenen Realität der Gesellschaft einstellt, ist allerdings auch störungsanfällig.

 

Lebensmittel jagen

Mit Jankowskis Film “Die Jagd”, der 1992 in dessen Zeit als Student entstand, präsentiert Strauss eine Arbeit, die den Besuchenden einen ersten Zugang eröffnet. Der Film zeigt Jankowski als Jäger in einem Supermarkt. Mit Pfeil und Bogen bewaffnet schiesst er sich sein Essen von den Regalen. Seine Beute präsentiert er schliesslich der scheinbar unbeeindruckten Kassiererin, die die mit Pfeilen versehenen Lebensmittel teilnahmslos über den Strichcodeleser zieht.

 

Jankowskis Arbeitsprinzip ist die Dekonstruktion, mit der er nach den Logiken und Strukturen von institutionalisierten Formen des Verhaltens und der Wahrnehmung fragt. In der professionellen Zusammenarbeit mit etablierten Institutionen gelingt ihm der Brückenschlag zwischen Reflektion, Bewusstmachung und zugleich ironisierendem Kommentar, der die meist langwierigen Filmarbeiten als kurzweilige Unterhaltung präsentiert. Indem Jankowsi seinen üblichen Einkauf durch das Abschiessen von Pfeilen zumindest teilweise dem Zufall übereignet, bewirkt er einen Bruch in die Struktur seiner alltäglichen Handlungsweise des Einkaufs.

 

Einen Nagel ins Wasser schlagen

Der ebenfalls anwesende Künstler Olaf Nicolai präsentierte einige seiner vielfältigen Arbeiten, in denen er sich professionell mit dem Bruch von Verhaltens- und Wahrnehmungsmustern beschäftigt. Sei es, indem er durch seine 1994 installierten “Schwellen der Kunsthalle” die Besuchenden und sogar den damaligen Direktor der Kunsthalle Basel zum Stolpern brachte oder durch die filmische Dokumentation von Alexis Rodakis Leben. Rodakis gilt als Urvater der modernen Architektur, über dessen Geschichte allerdings nur wenig bekannt ist. Ein Gespenst, meinte Olaf Nicolai, das als solches zu behandeln ist. Für die Rekonstruktion des Lebens von Rodakis arbeitete Nicolai schliesslich mit einer Wahrsagerin zusammen.

 

Seine Jagd nach einem Gespenst mit Mitteln des Kontaktes zum Jenseits provozierte entsprechende Reaktionen der Besuchenden auf den Aspekt der Geisterkommunikation. Eine Störung von gewohntem Verhalten, Wahrnehmen und Denken lässt vermeintliche Realitäten und Weltbilder erschüttern. Die Menschen suchen dann eine neue Orientierung in der Welt, eine Ordnung in Form einer Realität. Sie versuchen gleichsam, einen Nagel ins Wasser zu schlagen.

 

Gestaltung der Leere

Einen weiteren Ansatz präsentierte der Architekt Philippe Rahm, der einige seiner Projekte anlässlich des Art-Weekends präsentierte. Ihn interessiert die Gestaltung der Leere, die sich innerhalb der architektonischen Form auftut. Zur Einsparung von Wärmeverlusten – wenn wir heizen steigt die warme Luft nach oben, unten bleibt es kühler – setzt er verschiedene Räumlichkeiten in verschiedenen Höhen des Hauses an. Die Ergebnisse sind entsprechend unkonventionell, experimentell und sogar verstörend. So schwebt in einem Entwurf über eine Leiter erreichbare Badewanne drei Meter über dem Boden.

 

Auf der Brücke

Der Jäger im Supermarkt oder die Geisterbeschwörung von Rodakis zeigten den Besucherinnen und Besuchern Möglichkeiten anderen Verhaltens, alternativer Wahrnehmung oder Denkens. Die Ansätze zwangen zur Reflektion eines anderen Umgangs mit den eigenen Gewohnheiten. Indem man sich bewusst wird, dass man immer denselben Pullover anzieht, erhält man die Chance, seine Routine und die alltäglichen Rituale als solche zu erkennen und dadurch entsprechend zu ändern. Jankowskis Sinnbild steht für die Jagd auf die eigenen Gewohnheiten. Der Jäger jagt sich selbst. Nur durch die Veränderung der angeeigneten Verhaltensmuster, durch die Unterbrechung von Gewohnheit, kann er sich selbst entkommen. Was dann noch bleibt, ist ein Zustand des Schwebens über der Brücke zwischen Ordnung und Chaos.