Gesellschaft | 27.09.2013

Schulverträge in der ganzen Schweiz?

Die heutigen Schulen sind nicht mehr die gleichen Autoritätsbetriebe wie vor einigen Jahrzenten. Die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen wird zunehmend anspruchsvoller. Rufe nach Schulverträgen für die ganze Schweiz werden laut. Ein praktisches Hilfsmittel oder ein weiterer administrativer Mehraufwand?
Sind Schulverträge bald in der ganzen Schweiz Standart?
Bild: zvg/Konstantin Gastmann

In der Schweiz sind nach den Sommerferien alle Stühle in den Klassenzimmern wieder besetzt. Fast alle. Es gibt Eltern, die zwecks billigerer Rückflügen aus den Ferien ihre Kinder erst nach dem offiziellen Schulbeginn starten lassen.

 

Dies ist eines unter vielen Phänomenen, mit denen sich das heutige Schulsystem auseinandersetzen muss. “Ich stelle oft fest, dass Eltern zu spät an öffentliche Schulveranstaltungen und Infoabenden eintreffen und währenddessen an ihren Handys herumdrücken. Dass stört mich!”, meint die zweifache Mutter Renate Widmer aus Affolter i.E. gegenüber Tink.ch. “Zudem habe ich den Eindruck, dass die Elternabende bei uns immer schlechter besucht werden.”

 

Klar ist, dass es heute schwieriger ist, als Lehrperson zu unterrichten als vor 10 Jahren. Damals wurde kaum eine Entscheidung eines Lehrkörpers in Frage gestellt. Ein Beispiel dafür ist ein am 19. August 2013 veröffentlichter Bericht von “20 Minuten”. Eltern eines 14-jährigen Mädchens wollten eine Strafe fürs Nachsitzen nicht akzeptieren. Sie zogen Ihre Beschwerde bis ans Bundesgericht. Wer so viel Zeit und Energie gegen eine erzieherische Massnahme einsetzt, nimmt die Kompetenz von Lehrpersonen nicht ernst. Nun regt sich Widerstand gegen solche Entwicklungen.

 

 

Das kommt auf Eltern zu

“Ich bin dafür, dass wir Elternverträge in allen Kantonen einführen, wobei die Hoheit bei den Kantonen liegt”, meint Christian Amsler, Präsident der Konferenz der Erziehungsdirektion der Deutschschweiz, zum Sonntagsblick. Generell will Herr Amsler damit Eltern wieder vermehrt an ihre Pflichten erinnern. Verbindliche Verträge zwischen Schulen und Eltern sollen eine neue Basis der Zusammenarbeit ermöglichen. Elternabende würden damit zum Pflichtprogramm werden. Ein angemessener Arbeitsplatz für die Hausaufgaben, ausgeruhte Schülerinnen und Schüler und Eltern, die über die Leistungen Ihrer Kinder im Bilde sind, würden somit erreicht.

 

Es scheint zu funktionieren. “Seit wir die Verträge haben, nehmen 80 Prozent der Eltern an den Veranstaltungen teil. Vorher waren es nur 60 Prozent”, sagt Stephan Hug, Schuldirektor in Zuchwil SO zu “Blick”. Diese Form von gegenseitiger Einvernahme scheint zwar auf den ersten Blick etwas unromantisch, könnte aber durchaus eine verbesserte Form der Zusammenarbeit ermöglichen.

 

Für fremdsprachige Eltern bietet dieser Vertrag eine besondere Chance. Unabsichtliche Fehler, die oft aus fehlendem Wissen gegenüber einer anderen Kultur passieren, können vermieden werden. Der Vertrag fungiert in diesem Fall auch als eine Art Integrationshilfe.

 

Natürlich kann ein solcher Vertrag auch Stress bedeuten und für Eltern bevormundend wirken. “Für mich ist klar, dass meine Kinder ihre Hausaufgaben erledigen und auch zu einer anständigen Zeit zu Bett gehen. Ich überlasse ihnen einen gewissen Freiraum, wenn die Leistungen stimmen. Dafür benötige ich keinen Vertrag”, erklärt Widmer. “Die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrpersonen kann nicht erzwungen werden. Alle beteiligten Parteien verlieren nur noch mehr”, meint Sefika Garibovic, Erziehungsexpertin, gegenüber dem Blick. Dieser Vorwurf scheint nicht haltlos.

 

Eltern, die ihre Pflichten bereits erfüllen, sehen diese Verträge als unnötigen Aufwand an. Was ist dran am Vorwurf, dass durch solche Vereinbarungen nur mehr Bürokratie betrieben wird? “Der administrative Aufwand nimmt wegen der Schulvereinbarung nicht zu”, sagt Schuldirektor Stephan Hug auf Anfrage vonTink.ch

 

Vertrag oder Vereinbarung?

“Es ist ein Papier, das von einer paritätischen Arbeitsgruppe von Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonal ausgearbeitet worden ist und deshalb eine Vereinbarung darstellt und nicht ein diktierter Vertrag”, ist Hug überzeugt.

 

In Solothurn ist die Zusammenarbeit ein wichtiger Faktor. Eine von allen Betroffenen ausgearbeitete Vereinbarung kann von der Mehrheit der Beteiligten eher akzeptiert werden. Es scheint so, als wären diese Verträge mehr gemeinsame Vereinbarungen und nicht diktatorisch vorgegebene Verträge eines jeden Schuldirektoriums.

 

Zukunftsaussichten

Es darf nicht vergessen werden, dass viele Eltern auch ohne Schulverträge ihre Kinder gut auf die Schule vorbereiten und ihnen die Bildung ihrer Schützlinge am Herzen liegt. Schliesslich ist Bildung wichtig für späteren beruflichen Erfolg. Es ist indes abzuwarten, ob in ein paar Jahren sämtliche Eltern von Kindern in Schweizer Schulen zum Schuljahresbeginn eine Vereinbarung mit den jeweiligen Schulen abschliessen müssen.