Gesellschaft | 10.09.2013

Kinder mit der Rute “korrigieren”

Text von Rahel Butt | Bilder von imago
Kinder mit dem Stock zu schlagen oder Babys bewusst schreien zu lassen - das sind Erziehungsmethoden, die von einigen evangelikalen Sekten gelehrt werden. Auch hierzulande. Mit der Kinderrechtskonvention vereinbar ist diese Züchtigung aber nicht.
Über 40 Prozent der Schweizer Kinder unter vier Jahren haben Erfahrungen mit körperlicher Bestrafung in der Erziehung.
Bild: imago

Wie bringt man ein achtmonatiges Baby davon ab, sich an einem Bücherregal hochzuziehen? Ganz einfach: Man schlägt es mit einem Stock. So heisst es in “Eltern – Hirten der Herzen”, einem auf dem Alten Testament beruhenden und vom amerikanischen Autor Tedd Tripp verfassten Erziehungsratgeber. In der Schweiz bildet er die Grundlage für viele Erziehungskurse. Angeboten werden diese von gewissen evangelikalen Gemeinschaften. Und nein, wir befinden uns nicht im 18. Jahrhundert.

 

Gewalt als Erziehungsmittel

Doch wie ist es möglich, dass in einem fortschrittlichen Land wie der Schweiz – wo die Kinderrechtskonvention seit 1997 verbindlich ist, laut welcher jedes Kind ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung hat – heutzutage noch solche Züchtigungsmethoden gelehrt und womöglich auch praktiziert werden?

 

Laut dem Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte (SKMR) existiert seit 1987 zwar kein elterliches Züchtigungsrecht mehr. Anders als in Deutschland oder Schweden gibt es hierzulande aber auch keine gesetzlichen Vorschriften, welche die Anwendung von Gewalt an Kindern in der Erziehung explizit verbieten.

Erziehungsmassnahmen, die auf körperlicher Gewalt beruhen, sind in der Schweiz nicht selten: Laut einer Studie der Universität Freiburg zum Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz (2004) wird Gewalt hierzulande oft als Erziehungsmittel angewandt. Über 40 Prozent der Kinder unter vier Jahren haben Erfahrungen mit körperlichen Bestrafungen. Die Studie definiert “Gewalt in der Erziehung” als “körperliche Bestrafung durch physische Gewalt” sowie als “gewisse Arten psychologischer Bestrafung wie zum Beispiel Erniedrigung, Herabwürdigung oder Vernachlässigung”.

 

Durch die Bibel gerechtfertigt

Wie die Psychologin und Projektleiterin der Stiftung Kinderschutz Schweiz, Katrin Meier, im Gespräch erklärt, werden Ohrfeigen gemäss einem Bundesgerichtsentscheid im “gesellschaftlich üblichen Ausmass” toleriert. Für Meier ist eine Ohrfeige als Akt jedoch grundsätzlich eine Tätlichkeit. Eine strafrechtliche Verfolgung sei dem Schutz der Kinder dennoch nicht dienlich. Die Psychologin möchte aber keine “Ohrfeigendiskussion” führen. Vielmehr strebt sie eine Bewusstseinsveränderung an, die ein Umdenken bewirken und alternative Handlungen fördern soll.

 

Während sich für Meier Tätlichkeiten in der Erziehung nicht vertreten lassen, rechtfertigt der eingangs zitierte Autor Tedd Tripp jeden Akt der Gewalt durch die Bibel. Verletze ein Kind den Anspruch Gottes, müsse es zurück auf den Pfad des Gehorsams gebracht werden, schreibt er. Dazu solle man sein Kind mit der Rute “korrigieren” und “heilen”. Und weiter: “Während die Züchtigung schmerzhaft ist, verbirgt sie die friedvolle Frucht der Gerechtigkeit.”

 

Babys einfach schreien lassen

Tripp ist keineswegs der einzige Autor, der zu umstrittenen pädagogischen Erziehungsmethoden rät. Auch Gary und Anne-Marie Ezzo, ein amerikanisches Autorenpaar, das in der Schweiz grossen Erfolg hat, verfasst diese Art von Ratgeber. Ihr bekanntestes Werk: “Schlaf gut, mein kleiner Schatz”.

 

Die beiden Evangelikalen schlagen darin das “elterngelenkte Füttern” vor, das nach dreitägiger Praxis das Durchschlafen des Kindes garantieren soll. Bei dieser Erziehungsmethode stillt die Mutter ihr Baby nicht nach seinem Bedürfnis, sondern legt selbst einen Rhythmus fest. Sobald das Baby diesen verschläft, soll man es wecken. Falls es zu einer nicht angeordneten Zeit Hunger hat, soll man bis zu der festgelegten warten. Während laut den Ezzos das 15- bis 20-minütige Schreien einem Kind nichts ausmacht, warnen Experten aus der Medizin vor möglichen negativen Folgen wie Dehydration, Untergewicht oder Rückstände in der Entwicklung.

 

Mögliche politische Folgen

Wie in der NZZ (5. 4. 2013) berichtet, publizierte die Schweizer Fachstelle für Sektenfragen, Infosekta, zusammen mit dem Kinderschutz Schweiz vergangene Woche einen Bericht über 21 evangelikale Ratgeber und Kurse, in dem bestimmte Erziehungsverständnisse kritisiert wurden. So zum Beispiel das dogmatisch-machtorientierte, welches die totale Unterwerfung eines Kindes vorsieht. Die Schweizerische Evangelische Allianz als Dachverband distanzierte sich daraufhin von körperlichen Züchtigungsmethoden.

Der Bericht dürfte dennoch ein politisches Nachspiel haben. Denn: Nachdem Jacqueline Fehr, Präsidentin der Stiftung Kinderschutz Schweiz und Zürcher SP-Nationalrätin, bereits im Jahr 2011 eine Interpellation aufgrund des Buches von Tedd Trip 2011 eingereicht hat, wird sie in der Sondersession im April laut dem Beobachter erneut an den Bundesrat gelangen. Die Schweizer Konsumenten- und Beratungszeitschrift zitiert Fehr mit den Worten: “Es ist Zeit, dass der Bundesrat anfängt, die evangelikale Bewegung kritisch zu beobachten. Gerade zum Schutz der betroffenen Kinder.”

 


 

Young Reporters

Dieser Artikel entstand als Teil des Jugendjournalismus-Projekts “Young Reporters”. Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren lernen an einem eintägigen Trainingstag die Grundlagen des Journalismus kennen und arbeiten zusammen mit Medienprofis an ihren Artikeln zu Kinderrechten in der Schweiz. Organisiert wird das Projekt vom Hilfswerk Plan International Schweiz. Tink.ch publiziert alle im Projekt entstandenen Texte in einem Dossier. Der Text von Rahel Butt erschien erstmals am 12. April 2013 in der Online Ausgabe der NZZ.

 

Die Young Reporters stellen sich vor

Mein Name ist Rahel Butt, ich bin 14 Jahre alt. In Biberist im Kanton Solothurn bin ich zu Hause. Im Moment besuche ich die 3. Bezirksschule, und im Sommer beginne ich eine Lehrstelle als Kauffrau. Mein Wunsch ist es, eine Journalistenschule zu besuchen und später als Journalistin in London zu arbeiten. Bei den Young Reporters habe ich mich beworben, weil ich sehr gerne schreibe und mich für den Journalismus stark interessiere.