Gesellschaft | 14.09.2013

Die Wolfsdiskussion im Schafspelz

Der Wolf ist in der Schweiz ein Politikum der besonderen Art geworden. Ist der Wolf ein böser Schafskiller, oder doch eher ein schützenswertes Tier? Wieso setzt man nicht vermehrt Herdenschutzhunde oder Hirten ein? Auch in den Medien wird häufig über den Wolf berichtet. Ein etwas anderer Versuch, dem Wolf auf die Schliche zu kommen: Man begleitet den Sohn eines Schafhalters aufs Glishorn (2525 m.ü.M.) und hilft, die 17 Schafe wieder sicher ins Tal (650 m.ü.M.) zu führen.
Jonas Amherd zieht seine 17 Schwarznasenschafe vom Glishorn ab.
Bild: zvg Unterwegs bleibt Zeit für Diskussionen über den Wolf. Ein Herdenschutzprogramm ist auf dem Glishorn nicht möglich. Das Gebiet ist zu gross und die Kosten sind zu hoch.

Der 24-Jährige Student Jonas Amherd und seine drei unerfahrenen Neuhirten machen sich frühmorgens auf den Weg. Die Mission: Die 17 Schwarznasenschafe seines Vaters, der sich erst kürzlich an der Schulter verletzte, sollen auf dem weitläufigen Bergrücken des Glishorns gefunden und sicher ins Tal geführt werden. Das Motto: Niemand wird zurückgelassen. Es geht steil bergauf, der Berg muss erst einmal bezwungen werden. In der morgendlich unberührten Natur spricht man, sofern der Schnauf ausreicht, auch bald einmal über den Wolf. Umrahmt wird die Diskussion von diversen Wildtieren und vom fantastischen Ausblick ins Tal hinab.

 

Die Schafe verbringen den Sommer in der Höhe, da ihnen die Hitze im Tal nicht bekommt. Und genau auf solchen Alpen sind auch in diesem Jahr immer mal wieder Wölfe zu Gast, die aus dem Graubünden, Italien oder Frankreich “einwandern”. Mit verschiedenen Herdenschutzmassnahmen soll das Problem gelöst werden. Eine dieser Massnahmen wäre ein Herdenschutzhund. Doch diese Hunde seien recht aggressiv gegenüber Wanderern, sagt Jonas. Das schrieb auch der Ständerat und Hundehalter Rene Imoberdorf in einem Artikel im “Schweizer Bauer”. Das ist natürlich wiederum nicht optimal für den Tourismus im Wandergebiet Wallis.

 

Also eher ein Hirte auf dem Glishorn, der auf die Schafe aufpassen könnte? Jonas schüttelt den Kopf: “Mit dem Auto erreicht man das Weidegebiet nicht, es gibt kein fliessend Wasser und eine Unterkunft natürlich auch nicht.” Ein Herdenschutzprogramm ist hier nicht möglich. Das Gebiet ist zu gross und die Kosten sind zu hoch, auch weil die meisten Halter der insgesamt über 100 Schafe, die auf dem Glishorn den Sommer verbringen, keinen grossen kommerziellen Nutzen aus der Schafhaltung ziehen. Für einen grossen Abfallsack voll Schafswolle, die dafür extra noch gewaschen werden muss, gibt es fünf Franken.

 

“Chumm Bääh, chumm Bääh”

 

Auf dem Bergrücken erstrecken sich grosse, hügelige Weiden, auf denen wir die Schafe letztlich finden. Jonas lockt sie mit altem Brot und “Chumm Bääh, chumm Bääh”-Rufen an. Zuerst scheint es, als wollen sie lieber noch hier bleiben. Doch als das Leitschaf Jonas lieblichen Zurufen erliegt und ihm folgt, glauben auch die anderen Schafe an unsere friedlichen Absichten. Ein Verhalten, welches man manchmal auch von uns Menschen kennt. Wir kesseln die Schafe ein und führen sie hinunter zum Weg. Ein Verhalten, welches man von Polizisten in den Nachrichten kennt. Erst einmal auf dem echten Wanderweg, fügen sich die Schafe und trotten in Reih und Glied talwärts zu ihrem Stall. Ein Verhalten, welches man… Lassen wir das.

 

Innert rund einem Sommermonat wurden im Wallis 39 Schafe von Wölfen gerissen. Erst vor einigen Tagen wurde deshalb ein Wolf von der Walliser Regierung zum Abschuss freigegeben und kurz darauf erlegt. Eine Massnahme, die heftige Kritik provozierte. Kurt Eichenberger vom WWF Oberwallis meinte gegenüber dem Tagesanzeiger: “Im Wallis vertraut man offenbar noch immer auf die Flinte. Doch damit versperrt sich der Kanton nur den Weg für nachhaltige Lösungen.”

 

“Abschiessen kann nicht die Lösung sein”

 

“Abschiessen kann nicht die Lösung sein. Aber es muss eine Lösung geben”, sagt Jonas während der Wolfsdebatte. Vor einigen Jahren hat auch er gesehen, was der Wolf anrichten kann: Drei Schafe seiner Herde wurden gerissen. Die Wut über den Wolf und Bundesbern mancher Schafhalter kann er verstehen. Es gehe für viele auch um ihre Existenz; nicht zu vergessen den Nutzen der Tierhaltung für die Natur und damit den Tourismus. Bis es eine zufriedenstellende Lösung für alle Parteien gibt, wird es wohl noch eine Weile dauern. An vielen Orten im Wallis scheinen die bisher vorgeschlagenen Herdenschutzmassnahmen aus logistischen und finanziellen Gründen nicht realisierbar zu sein. Müssen Bund und Kantone die Schafhalter mehr unterstützen? Die Umweltministerin Doris Leuthard sieht ein konsequentes Abschiessen oder Schützen des Wolfes als falsch an. Ihre Lösung: Gespräche und eine Anpassung des Wolfkonzepts.

 

Am späten Nachmittag kommen wir im Tal an. Alle 17 Schafe haben es bis zur Weide vor ihrem Stall geschafft. Ihr Lohn: Erfrischendes Wasser und Schatten zum Ausruhen. Unser Lohn: Ein Fläschchen Wein, ein Apéro, später noch eine Pizza. Wir verdrängen, dass das eine oder andere Schaf bald zum Wolf – äh Metzger natürlich – gebracht wird. Einen Wolf und eine einfache Antwort auf die Wolfsdiskussion erblickten wir nicht. Vielleicht gelingt uns das bei einem nächsten Mal.

 

 


 

Das Wolfskonzept der Schweiz

 

Der Wolf, in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch kurz vor der Ausrottung, ist in Europa streng geschützt. In den letzten Jahren wanderten immer mehr Wölfe in die Schweiz ein. Da sah auch das Bundesamt für Umwelt (BAFU) ein, dass es ein Wolfskonzept braucht. Man will damit den Herdenschutz (Hirten, Schutzhunde) fördern, Rollen und Abläufe klar definieren, und auch die finanzielle und beratende Hilfe des BAFU ist im Konzept aufgeführt. Wolfsschäden werden vom Bund und vom Kanton entschädigt. In den letzten Tagen wurde auch im Ständerat intensiv über den Wolf diskutiert. Mehr Informationen zum Wolfskonzept hier