Politik | 11.09.2013

Die “Lumpini” im Saastal

Text von Martin Germann | Bilder von Martin Germann
Politiker von Rechts- und Mitteparteien fordern seit einiger Zeit immer wieder ein Kopftuchverbot. Ein Kopftuch sei diskriminierend und behindere die Integration. Dabei geht nur allzu oft vergessen, dass das Tragen eines Kopftuchs auch in der Schweizer Kultur Tradition hat.
Ein Blick auf die Vielfalt der Saaser Kopftücher.
Bild: Martin Germann

Wer sich an diesem Sonntag in Saas-Fee aufhielt, sah sie in Scharen – Frauen von jung bis alt, die ein Kopftuch trugen. Nein, es war nicht die schleichende Islamisierung, die so viele kopftuchtragende Frauen nach Saas-Fee brachte, sondern die achte Durchführung der nostalgischen Genussmeile. Der Genuss stand an diesem Tag im Zentrum. Dreissig verschiedene Menüs und diverse Walliser Weine warteten darauf, von den zahlreichen Gästen probiert zu werden. Neben der Schlemmerei stand aber auch die Nostalgie im Zentrum der Veranstaltung.

 

Teil des wehmütigen Gedenkens war auch das Kopftuch. Das  Tragen von Kopftüchern hat im Saastal eine lange Tradition. Auch wenn diese langsam verloren geht und immer weniger Frauen im Alltag noch ein Kopftuch tragen. Der Chronist und Heimatforscher Werner Imseng veröffentlichte ein Buch mit dem Titel “Das Trachtenwesen im Saastal”. In einem grossen Teil des Buches geht es um die Saaser Kopftücher, oder wie man sie im Saastal nennt, “die Lumpini”. “Lumpini”, oder in Einzahl “Lumpi”, stammt aus dem Walliserdeutschen und bedeutet so viel wie Tuch, Lumpen. Detailliert beschreibt Imseng in seinem Buch, wie die Kopftücher ins Tal kamen.

 

Die Geschichte der Lumpini

Ursprünglich stammen die Lumpini aus Italien. Die Saaserinnen und Saaser trieben früher regen Handel mit Domodossola. Teil davon war auch der Einkauf der bunten Kopftücher, der sogenannten “Italienerlumpini”. Später wurde man unabhängig vom Einkauf in Domodossola, da ein Berner Handelsmann anfing, das Saastal mit eigens produzierten Kopftüchern zu beliefern, den “Knerlumpini”.

 

Erstaunlich ist die grosse Vielfalt und Bedeutung der verschiedenen “Lumpini”. So hat jedes Kopftuch seinen eigenen Zweck. Während manche Kopftücher ganz normale Alltagskopftücher, also “Wärtagslumpini”, sind, haben andere eine tiefere Bedeutung. So gibt es spezielle Kopftücher für die Trauerzeit oder Fastenzeit. Manche Kopftücher waren auch nur für spezielle Tage, wie etwa den Karfreitag, bestimmt.

 

Der Fauxpas von Christophe Darbellay

In ebendiesem Saastal, genauer gesagt in Saas-Balen, hielt CVP-Präsident Christophe Darbellay am Vorabend des diesjährigen Nationalfeiertages eine Rede. Brisant dabei ist die Tatsache, dass Darbellay laut dem Newsportal 1815.ch in seiner Rede für ein Kopftuchverbot warb. Dass der Nationalrat dabei vor allem auf muslimische Kopftuchträgerinnen abzielte, ist klar. Doch im Eifer des Gefechts scheint der CVP-Parteipräsident vergessen zu haben, dass es auch Schweizer Traditionen gibt, die das Tragen eines Kopftuchs miteinschliessen.

 

Auf Anfrage von Tink.ch bestätigte Christophe Darbellay den Inhalt seiner Rede. Er betont jedoch, dass sich seine Rede explizit auf das Urteil des Bundesgerichts, betreffend einem Fall aus dem Kanton Thurgau beziehe. Dort sollte zwei mazedonischen Mädchen das Tragen eines Kopftuchs im Unterricht verboten werden, das Bundesgericht gab den Mädchen jedoch Recht. Darbellay weist zudem darauf hin, dass seine Rede in Saas-Balen sehr gut angekommen sei. Das mag durchaus stimmen. Doch wenn ein Kopftuchverbot nicht für alle, sondern nur für Personen aus bestimmten Kulturkreisen gelten soll, gibt das erst recht zu denken.