Gesellschaft | 27.09.2013

Blaue Kärtchen und goldene Sterne

Text von Veronika Henschel | Bilder von Raoul Pellaton
Das lang ersehnte Ziel ist erreicht: Ich darf mitbestimmen in dem Land, in dem ich seit über zehn Jahren lebe. Doch was bedeutet es eigentlich, eingebürgert und Schweizerin zu sein? Muss ich mich jetzt nie wieder mit der Bürokratie herumschlagen? Und bin ich jetzt irgendwie anders?
Endlich Schweizerin - aber nicht nur. Die EU-Bürgerschaft hätte die Autorin nie für den Schweizer Pass aufgegeben.
Bild: Raoul Pellaton

“Sehr geehrte Frau Henschel, die Regierung hat Ihnen heute das Bürgerrecht des Kantons St. Gallen erteilt. Damit tritt auch die Bürgerrechtsaufnahme in der st.gallischen Heimatgemeinde in Kraft, und Sie erwerben gleichzeitig das Schweizer Bürgerrecht.” Diese Zeilen, die ich noch vor dem Briefkasten stehend lese, lassen meinen Bauch zum schnellen Klopfen meines Herzens tanzen. Erfolglos suche ich nach dem obligaten Einzahlungsschein, der bis jetzt fast jeden Brief der Gemeinde, des Kantons und des Bundes begleitete. Das Schweizer Bürgerrecht. Endlich.

 

Tauglich für den Geldbeutel

Wer denkt, die unendliche Geschichte und das Geldausgeben seien mit diesem Brief am Schluss angelangt, liegt falsch. Denn was ist eine Schweizerin ohne kleines blaues Kärtchen, ohne ID? Also wird wieder ein Formular ausgefüllt, diesmal per Internet und bald habe ich einen Termin beim Migrationsamt. Dort geht alles erstaunlich schnell. Guten Tag, Vorhang zu, Stuhl einstellen, hinsetzen, gerade gucken, nicht lächeln, Foto machen, Vorhang auf, 65 Franken bitte, auf Wiedersehen.

 

Ganz perplex stehe ich nach fünf Minuten wieder vor der Tür. Einige Tage später liegt der Umschlag mit der Karte im Briefkasten. Endlich ein Ausweis in Portemonnaiegrösse. Ich stecke ihn zu Führerschein und Bankkarte und im nächsten Moment habe ich ihn auch schon wieder vergessen. Komisch, ich hatte gedacht, dass sich das irgendwie anders, bedeutsamer anfühlen würde. Vielleicht ist man nach so einem langen Kampf auch einfach abgestumpft von der Bürokratie und nicht mehr so sensibel für die eigentliche Sache.

 

Angekommen?

Nach eineinhalb Jahren, über 2000 Franken, unzähligen Briefen und endlosen Warteschleifen darf ich mich endlich eine Eidgenossin nennen. Ich habe die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen mit dem roten Pass. Ich bin jetzt eine von denen. Fast jedenfalls. Der Unterschied: Ich habe noch den Deutschen Pass. Ein Pass, der mit zwölf goldenen Sternen in Verbindung steht. Im Gegensatz zu den Schweizern bin ich auch Bürgerin der Europäischen Union. Meine deutschen Verwandten nennen mich “die kleine Schweizerin”, in der Schweiz bin ich die “Deutsch-Schweizerin”.

 

Gefühlt würde ich mich jedoch am ehesten als Europäerin bezeichnen. Gewissermassen bin ich immer noch in den gleichen Rollen und Bildern wie vor zwei Jahren gefangen. Zwischen den Ländern, zwischen den Kulturen. Das Gefühl zu Hause zu sein, kann mir eine kleine blaue Karte nicht geben, das weiss ich jetzt. Vielleicht ist es aber ganz gut, nicht nur eine Heimat zu haben. So kann ich an einen anderen Ort ausserhalb der Schweiz gehen, beispielsweise wenn weiterhin so merkwürdige Initiativen und bedenkliche Abstimmungsergebnisse zustande kommen. Denn dadurch fühlen sich Leute wie ich immer unwillkommener. Und bei allem Respekt vor der Schweiz. Das “Gebiet” mit den zwölf Sternen bietet genug Alternativen. Mit dem Schweizer Pass kann man mich zwar nicht aus dem Land ausschaffen – aber selber gehen, das darf ich. Bei oben genannten Umständen werde ich das auch zweifelsohne tun. Zweitausend Franken Einbürgerungsgebühren hin oder her.

 

 

Zur Autorin


Veronika Henschel ist einundzwanzig Jahre alt. Sie lebt und studiert in Basel. Als Kind deutscher Eltern ist sie mit neun Jahren in die Schweiz gezogen. In der Ostschweiz zur Schule gegangen, spricht sie zwar breitesten Toggenburger Dialekt, hatte aber bis anhin nicht die Schweizerische Staatsbürgerschaft inne. Auf Tink.ch berichtet sie in einer losen Serie von ihren Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, der Schweiz und mit sich selber. Dies ist der neunte und letzte Teil dieser Serie.

 

 

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