Blaue Kärtchen und goldene Sterne

“Sehr geehrte Frau Henschel, die Regierung hat Ihnen heute das Bürgerrecht des Kantons St. Gallen erteilt. Damit tritt auch die Bürgerrechtsaufnahme in der st.gallischen Heimatgemeinde in Kraft, und Sie erwerben gleichzeitig das Schweizer Bürgerrecht.” Diese Zeilen, die ich noch vor dem Briefkasten stehend lese, lassen meinen Bauch zum schnellen Klopfen meines Herzens tanzen. Erfolglos suche ich nach dem obligaten Einzahlungsschein, der bis jetzt fast jeden Brief der Gemeinde, des Kantons und des Bundes begleitete. Das Schweizer Bürgerrecht. Endlich.

 

Tauglich für den Geldbeutel

Wer denkt, die unendliche Geschichte und das Geldausgeben seien mit diesem Brief am Schluss angelangt, liegt falsch. Denn was ist eine Schweizerin ohne kleines blaues Kärtchen, ohne ID? Also wird wieder ein Formular ausgefüllt, diesmal per Internet und bald habe ich einen Termin beim Migrationsamt. Dort geht alles erstaunlich schnell. Guten Tag, Vorhang zu, Stuhl einstellen, hinsetzen, gerade gucken, nicht lächeln, Foto machen, Vorhang auf, 65 Franken bitte, auf Wiedersehen.

 

Ganz perplex stehe ich nach fünf Minuten wieder vor der Tür. Einige Tage später liegt der Umschlag mit der Karte im Briefkasten. Endlich ein Ausweis in Portemonnaiegrösse. Ich stecke ihn zu Führerschein und Bankkarte und im nächsten Moment habe ich ihn auch schon wieder vergessen. Komisch, ich hatte gedacht, dass sich das irgendwie anders, bedeutsamer anfühlen würde. Vielleicht ist man nach so einem langen Kampf auch einfach abgestumpft von der Bürokratie und nicht mehr so sensibel für die eigentliche Sache.

 

Angekommen?

Nach eineinhalb Jahren, über 2000 Franken, unzähligen Briefen und endlosen Warteschleifen darf ich mich endlich eine Eidgenossin nennen. Ich habe die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen mit dem roten Pass. Ich bin jetzt eine von denen. Fast jedenfalls. Der Unterschied: Ich habe noch den Deutschen Pass. Ein Pass, der mit zwölf goldenen Sternen in Verbindung steht. Im Gegensatz zu den Schweizern bin ich auch Bürgerin der Europäischen Union. Meine deutschen Verwandten nennen mich “die kleine Schweizerin”, in der Schweiz bin ich die “Deutsch-Schweizerin”.

 

Gefühlt würde ich mich jedoch am ehesten als Europäerin bezeichnen. Gewissermassen bin ich immer noch in den gleichen Rollen und Bildern wie vor zwei Jahren gefangen. Zwischen den Ländern, zwischen den Kulturen. Das Gefühl zu Hause zu sein, kann mir eine kleine blaue Karte nicht geben, das weiss ich jetzt. Vielleicht ist es aber ganz gut, nicht nur eine Heimat zu haben. So kann ich an einen anderen Ort ausserhalb der Schweiz gehen, beispielsweise wenn weiterhin so merkwürdige Initiativen und bedenkliche Abstimmungsergebnisse zustande kommen. Denn dadurch fühlen sich Leute wie ich immer unwillkommener. Und bei allem Respekt vor der Schweiz. Das “Gebiet” mit den zwölf Sternen bietet genug Alternativen. Mit dem Schweizer Pass kann man mich zwar nicht aus dem Land ausschaffen – aber selber gehen, das darf ich. Bei oben genannten Umständen werde ich das auch zweifelsohne tun. Zweitausend Franken Einbürgerungsgebühren hin oder her.

 

 

Zur Autorin


Veronika Henschel ist einundzwanzig Jahre alt. Sie lebt und studiert in Basel. Als Kind deutscher Eltern ist sie mit neun Jahren in die Schweiz gezogen. In der Ostschweiz zur Schule gegangen, spricht sie zwar breitesten Toggenburger Dialekt, hatte aber bis anhin nicht die Schweizerische Staatsbürgerschaft inne. Auf Tink.ch berichtet sie in einer losen Serie von ihren Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, der Schweiz und mit sich selber. Dies ist der neunte und letzte Teil dieser Serie.

 

 

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Schulverträge in der ganzen Schweiz?

In der Schweiz sind nach den Sommerferien alle Stühle in den Klassenzimmern wieder besetzt. Fast alle. Es gibt Eltern, die zwecks billigerer Rückflügen aus den Ferien ihre Kinder erst nach dem offiziellen Schulbeginn starten lassen.

 

Dies ist eines unter vielen Phänomenen, mit denen sich das heutige Schulsystem auseinandersetzen muss. “Ich stelle oft fest, dass Eltern zu spät an öffentliche Schulveranstaltungen und Infoabenden eintreffen und währenddessen an ihren Handys herumdrücken. Dass stört mich!”, meint die zweifache Mutter Renate Widmer aus Affolter i.E. gegenüber Tink.ch. “Zudem habe ich den Eindruck, dass die Elternabende bei uns immer schlechter besucht werden.”

 

Klar ist, dass es heute schwieriger ist, als Lehrperson zu unterrichten als vor 10 Jahren. Damals wurde kaum eine Entscheidung eines Lehrkörpers in Frage gestellt. Ein Beispiel dafür ist ein am 19. August 2013 veröffentlichter Bericht von “20 Minuten”. Eltern eines 14-jährigen Mädchens wollten eine Strafe fürs Nachsitzen nicht akzeptieren. Sie zogen Ihre Beschwerde bis ans Bundesgericht. Wer so viel Zeit und Energie gegen eine erzieherische Massnahme einsetzt, nimmt die Kompetenz von Lehrpersonen nicht ernst. Nun regt sich Widerstand gegen solche Entwicklungen.

 

 

Das kommt auf Eltern zu

“Ich bin dafür, dass wir Elternverträge in allen Kantonen einführen, wobei die Hoheit bei den Kantonen liegt”, meint Christian Amsler, Präsident der Konferenz der Erziehungsdirektion der Deutschschweiz, zum Sonntagsblick. Generell will Herr Amsler damit Eltern wieder vermehrt an ihre Pflichten erinnern. Verbindliche Verträge zwischen Schulen und Eltern sollen eine neue Basis der Zusammenarbeit ermöglichen. Elternabende würden damit zum Pflichtprogramm werden. Ein angemessener Arbeitsplatz für die Hausaufgaben, ausgeruhte Schülerinnen und Schüler und Eltern, die über die Leistungen Ihrer Kinder im Bilde sind, würden somit erreicht.

 

Es scheint zu funktionieren. “Seit wir die Verträge haben, nehmen 80 Prozent der Eltern an den Veranstaltungen teil. Vorher waren es nur 60 Prozent”, sagt Stephan Hug, Schuldirektor in Zuchwil SO zu “Blick”. Diese Form von gegenseitiger Einvernahme scheint zwar auf den ersten Blick etwas unromantisch, könnte aber durchaus eine verbesserte Form der Zusammenarbeit ermöglichen.

 

Für fremdsprachige Eltern bietet dieser Vertrag eine besondere Chance. Unabsichtliche Fehler, die oft aus fehlendem Wissen gegenüber einer anderen Kultur passieren, können vermieden werden. Der Vertrag fungiert in diesem Fall auch als eine Art Integrationshilfe.

 

Natürlich kann ein solcher Vertrag auch Stress bedeuten und für Eltern bevormundend wirken. “Für mich ist klar, dass meine Kinder ihre Hausaufgaben erledigen und auch zu einer anständigen Zeit zu Bett gehen. Ich überlasse ihnen einen gewissen Freiraum, wenn die Leistungen stimmen. Dafür benötige ich keinen Vertrag”, erklärt Widmer. “Die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrpersonen kann nicht erzwungen werden. Alle beteiligten Parteien verlieren nur noch mehr”, meint Sefika Garibovic, Erziehungsexpertin, gegenüber dem Blick. Dieser Vorwurf scheint nicht haltlos.

 

Eltern, die ihre Pflichten bereits erfüllen, sehen diese Verträge als unnötigen Aufwand an. Was ist dran am Vorwurf, dass durch solche Vereinbarungen nur mehr Bürokratie betrieben wird? “Der administrative Aufwand nimmt wegen der Schulvereinbarung nicht zu”, sagt Schuldirektor Stephan Hug auf Anfrage vonTink.ch

 

Vertrag oder Vereinbarung?

“Es ist ein Papier, das von einer paritätischen Arbeitsgruppe von Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonal ausgearbeitet worden ist und deshalb eine Vereinbarung darstellt und nicht ein diktierter Vertrag”, ist Hug überzeugt.

 

In Solothurn ist die Zusammenarbeit ein wichtiger Faktor. Eine von allen Betroffenen ausgearbeitete Vereinbarung kann von der Mehrheit der Beteiligten eher akzeptiert werden. Es scheint so, als wären diese Verträge mehr gemeinsame Vereinbarungen und nicht diktatorisch vorgegebene Verträge eines jeden Schuldirektoriums.

 

Zukunftsaussichten

Es darf nicht vergessen werden, dass viele Eltern auch ohne Schulverträge ihre Kinder gut auf die Schule vorbereiten und ihnen die Bildung ihrer Schützlinge am Herzen liegt. Schliesslich ist Bildung wichtig für späteren beruflichen Erfolg. Es ist indes abzuwarten, ob in ein paar Jahren sämtliche Eltern von Kindern in Schweizer Schulen zum Schuljahresbeginn eine Vereinbarung mit den jeweiligen Schulen abschliessen müssen.

Fussballerweisheiten

In den ersten 45 Minuten erkämpft sich der FC Thun einige Chancen, jedoch vergibt Christian Schneuwly. Seine Teamkollegen bemühen sich ihm nachzueifern. Die Teams gehen torlos in die Halbzeit.

In der zweiten Hälfte ersetzt Philipp Degen, der heute das Spiel überraschenderweise auf der Auswechselbank begann, Arlind Ajeti auf der rechten Abwehrseite. In der 56. Minute wird Thun Opfer einer vielzitierten Fussballerweisheit: Wer sie vorne nicht macht, bekommt sie hinten. 1:0 für den FCB, Valentin Stocker trifft nach einem Freistoss.

Thun versucht in der Folge durch Wechsel das Spiel zu ihren Gunsten zu drehen. Die offensiven Einwechslungen von Thun kontert Murat Yakin, der FCB Trainer, durch den argentinischen Abwehrspieler Gaston Sauro. Eine Taktik, die aufgeht. In der neunzigsten Minute verwandelt Marcelo Diaz eine Vorlage von Fabian Schär zum 0:2 zugunsten der Basler. Drei Minuten Nachspielzeit später ist der sechste Sieg in Folge für den FCB im Trockenen.

Wenn alle Vernunft vergessen geht

Im Historischen Museum in Bern steht sie, die Guillotine die am 18.Oktober 1940 das Leben von Hans Vollenweider beendete. Es war die letzte zivile Hinrichtung in der Schweiz. Doch der Fall von Fabrice A, der in Genf seine Sozialtherapeutin ermordete, hat die Diskussion über die Todesstrafe neu entfacht und diese Diskussion geht in eine gefährliche Richtung. So hat der Walliser SVP-Grossrat Jean-Luc Addor eine Facebook-Seite lanciert, welche die Todesstrafe für gefährliche Wiederholungstäter fordert. Ein Bild von Fabrice A. ziert diese Facebook-Seite. Das ist aus ethischer Sicht sehr problematisch, mag man noch so viel Abscheu für den Mörder und Vergewaltiger empfinden.

 

Dass die Todesstrafe inzwischen mehr als nur eine Forderung von einigen wirren Köpfen ist, zeigt sich am grossen Zuspruch, den sie inzwischen erhält. Knapp 20’000 Facebook-Nutzer haben der Seite von Jean-Luc Addor inzwischen ihr “Gefällt mir” gegeben. Eine Umfrage des Onlineportals 1815.ch, die im „Walliser Boten“ vom 20. September veröffentlicht wurde, verdeutlicht die wachsende Zustimmung für die Todesstrafe. In der nicht repräsentativen Umfrage gaben 41 Prozent der Teilnehmenden an, die Todesstrafe zu befürworten, 52 Prozent waren dagegen. Dieses Ergebnis ist beunruhigend und wirft Fragen auf.

 

Worüber sollen wir entscheiden können?

Schweizerinnen und Schweizer haben durch die direkte Demokratie die Möglichkeit, grossen Einfluss auf den Staat zu nehmen. Dadurch könnte die Wiedereinführung der Todesstrafe wieder Realität werden. Zwar wird angenommen, dass der Bundesrat eine entsprechende Initiative für ungültig erklären würde, da sie gegen das Menschenrecht verstösst. Doch theoretisch liesse sich auch dieses mittels einer Initiative abschaffen. Vom deutschen Philosoph Karl Jaspers stammt das Zitat “Die Demokratie setzt die Vernunft im Volke voraus, die sie erst hervorbringen soll.” Die Frage, die wir uns stellen müssen ist, ob die Vernunft in der Schweizer Bevölkerung tatsächlich so weit voran geschritten ist, um über das Leben von anderen Menschen entscheiden zu können.

 

Neben der Problematik, dass immer wieder Unschuldige zum Tode verurteilt werden, ist die Todesstrafe eines modernen Staates wie der Schweiz schlichtweg unwürdig. Die Idee, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, einen Mörder also hinzurichten, ist über 2000 Jahre alt. Sie gehört zum alten Eisen und dort sollte sie auch bleiben: auf dem Müllhaufen der Geschichte.

 

Dass auch die Opfer von Vergewaltigungen längst nicht immer für eine möglichst harte Bestrafung der Täterinnen oder Täter sind, hat der Fall der vergewaltigten Schweizerin in Indien gezeigt. Die 39-jährige Lehrerin aus Lausanne wurde vor den Augen ihres Freundes von sechs Männern vergewaltigt. Obwohl für diese Tat die Todesstrafe möglich gewesen wäre, erklärte das Paar, es wolle, dass die Täter gerecht bestraft würden. Es lehne die Todesstrafe jedoch ab. Die 39-jährige Lausannerin muss den Rest ihres Lebens mit den traumatischen Folgen dieser Tat leben. Trotzdem wünschte sie ihren Tätern nicht den Tod. Man kann nur hoffen, dass einige Menschen in diesem Land, vielleicht bald zur Erkenntnis kommen, dass auch der Tod eines Täters die Folgen seiner Tat nicht rückgängig machen kann.

“What the hell is going on here?”

Die Bühne des Stadttheaters weicht einem Zirkus. Auf engen Raum gepresst stehen ein schrottreifes Auto, ein etwas eigenartiger Königspalast, ein Tischtennis-Tisch und weitere Konstruktionen. Bereits vor Vorstellungsbeginn wird Musik gespielt und auf dem Seil getanzt. Der Cirque de Loin lädt zur Vorstellung ein.

 

Zeitgenössische Unterhaltung

Wer nun einen Zirkus im herkömmlichen Sinne erwartet, der täuscht sich. Cirque de Loin verbindet Musik, Akrobatik, Tanz und Schauspiel. Nouveau Cirque nennt sich das, oder auch zeitgenössischer Zirkus. Die herkömmliche Manege wird weggelassen und Pferdedressuren haben nichts im zeitgenössischen Zirkus mehr zu suchen. Dafür entsteht Raum für Improvisation, Emotionen und das Erzählen einer Geschichte. Als Grundlage für „The Fool an the Princesses“ dient, wie auch schon bei den letzten beiden Produktionen des Cirque de Loin „Knus“ und „Marasa“, eine Liebesfabel. Diese hat Michale Finger, der seit 2010 künstlerischer Leiter des Cirque der Loin ist, in Co-Produktion mit Reto Finger und Antoinette Karuna geschrieben.

 

Viele, viele bunte Kinder

Die Bäuerin (Marian Amstutz) hat genug. Sie habe kaum etwas zu Essen und sei schon wieder schwanger. Das Entzücken der Königin (Newa Grawit) über die Schwangerschaft versteht sie nicht. “Viele, viele bunte Kinder – und nume no drü Härdöpfu!”, erklärt sie ihr sarkastisch. Sie werde dem Leid ein Ende bereiten, meint die Königin stolz. Der nächste Sohn der Bäuerin soll vom kinderlosen Königspaar adoptiert werden. Dass Widerrede zwecklos ist, zeigt die nächste Szene: Auf unangebracht obszöne und brutale Weise umtanzt das Königspaar die schwangere Bäuerin und greift ihr unter den Rock, wie um ihr den Fötus zu entreissen. Die Bäuerin wehrt sich nicht. Dass sie Zwillinge zur Welt bringt, war aber nicht geplant. Ihr Junge wird in der Folge zum Prinzen erklärt, die Tochter bleibt bei ihrer Bauernfamilie.

 

Glückliches Wiedersehen?

Jahre später treffen sich der Prinz (Noah Egli) und die Bauerntochter (Océane Pelpel). Es kommt, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich. Erst bei der Verlobungsfeier treffen die Eltern der beiden Verliebten aufeinander und erkennen sich. “What the hell is going on here?”, schreit der König (Bart David Soroczynski) und bereitet dem Fest ein abruptes Ende. Dass die Zwillinge sich von nun an nicht mehr sehen sollen, lassen die beiden nicht auf sich sitzen. Trotz Blutsverwandtschaft wollen sie ihre Liebe nicht aufgeben und brennen durch. Das Ende der Geschichte bleibt ungewiss.

 

Weniger ist manchmal mehr

Die Vorstellung des Cirque de Loin ist vor allem eines: laut. In der ersten Reihe zu sitzen, empfiehlt sich nicht sonderlich. Mehr als einmal passiert es, dass Zuschauer nass gespritzt wurden oder Requisiten in die Sitzreihen flogen. Ob das geplant passierte, ist unklar. Die zusammengewürfelte Theatergruppe aus Schauspielenden, Komödianten und Akrobaten hat das Stück drei Monate lang geprobt. Dennoch gebe es bei jeder Vorstellung Sachen, die anders laufen, erzählt Océan Pelpel, die die Bauerntochter spielt und selbst eine Zirkusausbildung durchlaufen hat. “Die Struktur bleibt gleich, doch es passieren immer wieder lustige Unfälle”, meint sie grinsend. “The Fool and the Princesses” sprüht von Kreativität, was dem Werk aber gleichzeitig zum Verhängnis wird.  Die Bühne ist überfüllt, die Ohren werden überstrapaziert und der rote Faden ist längst verloren gegangen. Sollte es Michael Finger bei seiner nächsten Produktion gelingen, die Energie der Mitwirkenden zu bündeln und ihr Talent auf sanftere Weise zur Geltung kommen zu lassen, könnte daraus eine sehens- und hörenswerte Unterhaltung entstehen.

Über Jäger und Geister

Dorothea Strauss, Kuratorin des Art-Weekends, die den Titel “Wie bringt Kunst uns weiter?” gemeinsam mit dem Initiator und Kunstsammler Rudi Bechtler erarbeitet hatte, wagte sich mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern an die schwer zu beantwortende Frage heran. Mit anschaulichen Beispielen eröffnete sie den Besuchenden des Seminars einige Möglichkeiten, sich einem möglichen Nutzen von Kunst anzunähern. Angefangen wurde mit zwei Filmen des deutschen Künstlers Christian Jankowski. Weitere Ansätze zur Beantwortung der Frage boten die Arbeiten der anwesenden Kunstschaffenden Olaf Nicolai, Philippe Rahm und Truike van der Poel.

 

Eine der Grundprämissen des Weekends war die philosophische These von Gefangenschaft innerhalb gesellschaftlicher Realität. Die Realität, wie wir sie kennen, wird als Kunstprodukt der Gesellschaft verstanden. Etabliert durch den Konsens und die gemeinsame Absprache, sind die Grenzen der Realität klar gesetzt. Innerhalb dieser Grenzen werden eine Orientierung in der Welt und das gemeinsame Zusammenleben erst ermöglicht, indem die individuellen Weltsichten einander angeglichen werden. Dieses Gleichgewicht, das sich zwischen der individuellen Beschreibung der Welt und der künstlich geschaffenen Realität der Gesellschaft einstellt, ist allerdings auch störungsanfällig.

 

Lebensmittel jagen

Mit Jankowskis Film “Die Jagd”, der 1992 in dessen Zeit als Student entstand, präsentiert Strauss eine Arbeit, die den Besuchenden einen ersten Zugang eröffnet. Der Film zeigt Jankowski als Jäger in einem Supermarkt. Mit Pfeil und Bogen bewaffnet schiesst er sich sein Essen von den Regalen. Seine Beute präsentiert er schliesslich der scheinbar unbeeindruckten Kassiererin, die die mit Pfeilen versehenen Lebensmittel teilnahmslos über den Strichcodeleser zieht.

 

Jankowskis Arbeitsprinzip ist die Dekonstruktion, mit der er nach den Logiken und Strukturen von institutionalisierten Formen des Verhaltens und der Wahrnehmung fragt. In der professionellen Zusammenarbeit mit etablierten Institutionen gelingt ihm der Brückenschlag zwischen Reflektion, Bewusstmachung und zugleich ironisierendem Kommentar, der die meist langwierigen Filmarbeiten als kurzweilige Unterhaltung präsentiert. Indem Jankowsi seinen üblichen Einkauf durch das Abschiessen von Pfeilen zumindest teilweise dem Zufall übereignet, bewirkt er einen Bruch in die Struktur seiner alltäglichen Handlungsweise des Einkaufs.

 

Einen Nagel ins Wasser schlagen

Der ebenfalls anwesende Künstler Olaf Nicolai präsentierte einige seiner vielfältigen Arbeiten, in denen er sich professionell mit dem Bruch von Verhaltens- und Wahrnehmungsmustern beschäftigt. Sei es, indem er durch seine 1994 installierten “Schwellen der Kunsthalle” die Besuchenden und sogar den damaligen Direktor der Kunsthalle Basel zum Stolpern brachte oder durch die filmische Dokumentation von Alexis Rodakis Leben. Rodakis gilt als Urvater der modernen Architektur, über dessen Geschichte allerdings nur wenig bekannt ist. Ein Gespenst, meinte Olaf Nicolai, das als solches zu behandeln ist. Für die Rekonstruktion des Lebens von Rodakis arbeitete Nicolai schliesslich mit einer Wahrsagerin zusammen.

 

Seine Jagd nach einem Gespenst mit Mitteln des Kontaktes zum Jenseits provozierte entsprechende Reaktionen der Besuchenden auf den Aspekt der Geisterkommunikation. Eine Störung von gewohntem Verhalten, Wahrnehmen und Denken lässt vermeintliche Realitäten und Weltbilder erschüttern. Die Menschen suchen dann eine neue Orientierung in der Welt, eine Ordnung in Form einer Realität. Sie versuchen gleichsam, einen Nagel ins Wasser zu schlagen.

 

Gestaltung der Leere

Einen weiteren Ansatz präsentierte der Architekt Philippe Rahm, der einige seiner Projekte anlässlich des Art-Weekends präsentierte. Ihn interessiert die Gestaltung der Leere, die sich innerhalb der architektonischen Form auftut. Zur Einsparung von Wärmeverlusten – wenn wir heizen steigt die warme Luft nach oben, unten bleibt es kühler – setzt er verschiedene Räumlichkeiten in verschiedenen Höhen des Hauses an. Die Ergebnisse sind entsprechend unkonventionell, experimentell und sogar verstörend. So schwebt in einem Entwurf über eine Leiter erreichbare Badewanne drei Meter über dem Boden.

 

Auf der Brücke

Der Jäger im Supermarkt oder die Geisterbeschwörung von Rodakis zeigten den Besucherinnen und Besuchern Möglichkeiten anderen Verhaltens, alternativer Wahrnehmung oder Denkens. Die Ansätze zwangen zur Reflektion eines anderen Umgangs mit den eigenen Gewohnheiten. Indem man sich bewusst wird, dass man immer denselben Pullover anzieht, erhält man die Chance, seine Routine und die alltäglichen Rituale als solche zu erkennen und dadurch entsprechend zu ändern. Jankowskis Sinnbild steht für die Jagd auf die eigenen Gewohnheiten. Der Jäger jagt sich selbst. Nur durch die Veränderung der angeeigneten Verhaltensmuster, durch die Unterbrechung von Gewohnheit, kann er sich selbst entkommen. Was dann noch bleibt, ist ein Zustand des Schwebens über der Brücke zwischen Ordnung und Chaos.