Kultur | 27.08.2013

Zwei sichere Werte

Text von David Schneider | Bilder von Lara Wschiansky
Auch die mittlerweile 38. Ausgabe der Winterthurer Musikfestwochen trumpfte - nebst einem abwechslungsreichen kostenlosen Programm - mit einer handverlesenen Auswahl an kostenpflichtigen Konzerten auf. Das Freitagsprogramm stellte sich als genauso vielversprechend heraus, wie man es bei Namen wie Sophie Hunger und Element of Crime erwarten konnte. Aber es gab auch eine Entdeckung.
  • Auch die mittlerweile 38. Ausgabe der Winterthurer Musikfestwochen trumpfte - nebst einem abwechslungsreichen kostenlosen Programm - mit einer handverlesenen Auswahl an kostenpflichtigen Konzerten auf.

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  • Der Freitagabend lockte die Musikfans auf die Winterthurer Steinberggasse.

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  • Singer-Songwriter Milky Chance lässt verschiedene Musikstile ineinander verschmelzen.

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  • Für den 20-Jährigen aus Kassel war es der erste Auftritt in der Schweiz

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  • Nicht mehr als seine Gitarre und stimmige Samples waren nötig, um die Leute zum Tanzen zu animieren.

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  • Sophie Hunger zeigte einmal mehr ihr Können.

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  • Hungers Band zauberte eindrückliche Klanggebilde.

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  • Sven Regener erstrahlte in vollem Glanz.

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  • Melancholie wechselte sich mit Lebensfreude ab.

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  • Die deutsche Band überzeugte musikalisch und textlich.

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  • Die Element of Crime sind Meister ihres Faches.

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  • Regener gibt auch mit Trompete in der Hand den Ton an.

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Man soll sich ja nicht nach dem Wetter richten. Doch die von Sonnenstrahlen getränkte Steinberggasse im Herzen von Winterthur liess auf einen sommerlichen Konzertabend hoffen. Und als wären zünftig Sonnenschein und hohe Temperaturen nicht genug, liess als erster Künstler des Abends der deutsche Singer-Songwriter Milky Chance die Gemüter der Zuhörer erstrahlen. „Voller Gegensätze und trotzdem rund“, erklärte die Moderatorin der Festwochen die Musik des Newcomers aus Kassel. Kassel, eine Stadt in der Mitte Deutschlands, die ausnahmsweise nicht unzählige bekannte Musiker beheimatet.

Dies hat sich jedoch im Verlauf des letzten Jahres geändert. Denn Clemens Rehbein, so der bürgerliche Name von Milky Chance, sorgte vor einem Jahr für Furore, als er seinen ersten eigenen Song „Stolen Dance“ auf Youtube stellte. Und als hätte die Welt darauf gewartet, verzeichnete das Video innerhalb eines Jahres 1 Million Klicks. Es folgten Auftritte an Festivals in Deutschland, im Frühjahr 2013 eine Tour quer durchs Heimatland und nun, am 23. August dieses Jahres, der erste Auftritt in der Schweiz.

Erwartungsdruck gemeistert

Die Erwartungen waren hoch, sowohl die des Publikums, als auch jene der Band. „Ich finde es recht idyllisch hier in der Winterthurer Innenstadt, aber ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass es am Abend eine dicke Sause geben wird“, so Milky Chance am Nachmittag vor seinem Auftritt zu Tink.ch. Doch da hatte der 20-jährige Musiker noch keine Ahnung, wie viele Leute ihn als Eröffnungsact begrüssen würden. Umso erstaunter war Milky Chance, als er um halb Acht die Bühne betrat: Bereits mehrere hundert Zuschauer hatten sich vor der Bühne versammelt und jubelten seinem ersten Auftritt in der Schweiz entgegen.

So legte der Musiker mit seinem Bandkollegen, der die Drum-Samples und Turntables bediente, nach einem schüchternen «Hallo« gleich los. Die Lieder seines Ende Mai erschienenen Debütalbums „Sadnecessary“ bildeten einen lockeren Einstieg in einen sonnenerfüllten Abend auf der Steinberggasse. Noch bestand der Kern des Publikums aus Jugendlichen, die wohl über Youtube oder Joiz den Namen des deutschen Singer-Songwriters aufgegriffen haben. Aber nach und nach füllte sich die Gasse und bereits beim zweiten Stück, dem Titelsong „Sadnecessary“, wippten zahlreiche Köpfe im Takt der Basslinie. Stimmige Gesänge im Stil von Jack Johnson trafen auf zum Mitwippen einladende Reggaeklänge.

Die Kombination verschiedener Musikstile zeigt sich auch in Liedern wie „Down by the River“ oder dem wummernden „Flash Junked Mind“, welches zudem mit eingängigem Songwriting auftrumpft. Als Milky Chance zum Schluss mit seinem Sommerhit „Stolen Dance“ das begeisterte Publikum verabschiedete, konnte sich weder Alt noch Jung still halten. „Noch viel Spass und bis im Oktober“, verkündete Clemens mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Denn wer den Newcomer für sich entdeckt hatte, hat die Möglichkeit Milky Chance auf seiner Clubtour in der Schweiz wiederzusehen. Und so gelang nicht nur der erste Auftritt des Kasselers in der Schweiz, sondern auch der Einstieg in einen hochkarätigen Konzertabend.

Zurück in der Heimat

An diesem Abend voller deutscher Musiker – neben Milky Chance waren die Deutschpoeten von Element of Crime als Freitagshauptact gesetzt – hatte eine gewisse Sophie Hunger einen grossen Auftritt in ihrem Heimatland. Und wie bereits am Gurtenfestival einen Monat zuvor waren die Erwartungen an den Liebling der Schweizer Musikszene ziemlich hoch. Doch Sophie Hunger wäre nicht bereits zu Auftritten auf der halben Welt gekommen, hätte sie nicht auch zu Hause in der Schweiz die nötige Präsenz. Diese war von Beginn weg zu spüren: In gedimmtes Rotlicht gehüllt bestieg die Band die Bühne auf dem mittlerweile proppenvollen Platz. Anmoderiert wurde die Dame aus Bern als „unberechenbar und voller Geheimnisse“. So lag gehörig Spannung in der Luft, als sich Sophie Hunger zu treibenden Paukenklängen an ihr Klavier setzte. Nach einem herzlichen „Hallo Winti“ griff sie kraftvoll in die Tasten – die Zuschauer hatte sie auf ihrer Seite. Es bahnte sich grosse Musik an. Dies liess schon das elegant gewählte schwarze Kleid der Sängerin vermuten.

Doch Sophie Hunger ist nicht nur Sängerin, sie ist auch Vollblutmusikerin. So griff sie beim zweiten Stück nicht mehr in die Tasten, sondern haute in die Saiten. Die Songs ihrer mittlerweile drei Alben zeugen von Blues-, Folk- und Countryklängen, die Musikerin setzt die Eindrücke ihrer Zeit in den Staaten auch musikalisch um. Zu den blues-erfüllten Klängen gesellen sich teils deutsche Texte und beim „Lied vor Freiheitsstatue“ sogar schweizerdeutsche Phrasen. So gesehen könnte man Hungers Musik als Weltmusik beschreiben, denn so vielschichtig wie ihre Lieder, sind auch die dazugehörigen Texte, welche sicherlich zum internationalen Erfolg Sophie Hungers beitrugen. Vor allem die Lieder ihres dritten Werkes „The Danger of Light“, welches 2012 via das Lausanner Label Two Gentlemen Records erschien, sind von eindrücklicher Qualität. Lieder wie „LikeLikeLike“ stehen stimmlich und musikalisch Werken ähnlicher Künstlerinnen wie Katie Melua oder Norah Jones in nichts nach.

Nach mehr als einer Stunde hallten zu guter Letzt Trompetenklänge durch die Gasse, welche kurz darauf vom gebührenden Applaus für die Schweizerin abgelöst wurden. Sophie Hunger wurde ihrem Ruf als Heimatmusikerin mit internationaler Ausstrahlung gerecht.

Poesie im Klangkleid

Nachdem sich Sophie Hunger auf Englisch, Deutsch, Schweizerdeutsch und Französisch auf der Bühne ausgetobt hatte, war es nun Zeit für die klassisch deutschen Wortspielereien Sven Regeners, dem Mastermind der Element of Crime. Die Herren aus Deutschland sind seit über 25 Jahren im Geschäft und bekannt für Regeners melancholisch-schöne Texte, sowie die dazugehörige Musik zwischen Folk, Pop, Chanson und Blues. So hatte auch um zwanzig vor Elf noch keiner der Besucher das Gelände verlassen. Vielmehr standen über 3000 Personen eng aneinander und warteten auf die vierköpfige Truppe.

„Und immer wieder die Schweiz“, steht auf dem Tourplan von Element of Crime. Und immer wieder freuen sich die Schweizer auf sie. So auch als Sven Regener wie aus dem Nichts nun ans Mikrofon trat. Los ging die Fahrt durch Texte voller Melancholie, Ironie, Lebensfreude, aber auch gehörig Lebenstrauer. Wie Klangregen plätscherten die Gitarrenklänge auf die Massen nieder und vermischten sich mit der Poesie des Sängers und Texters Sven Regener. Das Set bestand sowohl aus englischen Stücken ihrer frühen Scheiben Ende der Achtziger-Jahre, als auch aus zahlreichen Nummern der letzten Alben wie „Romantik“ oder „Immer da wo du bist bin ich nie“. Deren deutschen Zeilen sang das Publikum gekonnt mit und bei Liedern wie „Am Ende denke ich immer nur an dich“ bot sich der Band ein Chor voller glücklicher Fans. Der Applaus fiel, wie zu erwarten, kräftig aus. Jedes Element of Crime-Konzert ist ein persönliches Erlebnis.

Die Band hat ihr gewisses Etwas auch nach mehr als zehn Alben nicht verloren. Sie zeigt ihre Vielschichtigkeit, schmückt die Arrangements mit Violinenspiel aus und Sänger Sven Regener greift beherzt zu seiner Trompete. Ein Ohrwurm jagt den nächsten, während zwischen den Stücken auch einmal ein wenig Alltagspoesie Platz hat. Und triefen die Texte manchmal voller inbrünstiger Gefühle, so geht die zufriedene Stimmung in keinem Moment verloren. Lieder wie „Kaffee und Karin“ plätschern wie Sommerregen aufs Publikum, und sind so mitfühlend wie wahr. Auch wenn Regener nicht tanzen kann, mitschunkeln tut man allemal.

Als sich als letztes Stück „Immer da wo du bist bin ich nie“ ankündigte, setzten die zahlreichen Menschen zum Mitsingen an. So trällerten über 3000 Stimmen diesen Element of Crime-Klassiker, der Wut, Freude und Trauer vereint. Doch herrschte letztlich nicht Trauer, sondern Freude und ausgiebiger Applaus.