Kultur | 28.08.2013

Zerbrechlich leise bis entfesselnd laut

Wie manch anderer grosser Folkmusiker hat auch Glen Hansard seine Karriere als Strassenmusikant eingeläutet. An den Winterthurer Musikfestwochen spielte er zwar nicht direkt auf der Strasse, dafür aber auf der Bühne der prall gefüllten Steinberggasse.
Ob schreiend, flüsternd oder frohlockend - Glen Hansard fesselte das Publikum.
Bild: Lara Wschiansky Der Ire bezauberte mit Gitarre und grosser Stimme. Hansards Band setzte die gefühlvollen Lieder gekonnt um.

Der Eröffnungsact Sea + Air spielte bereits für, Gott möge sie schützen, Whitney Houston im Vorprogramm und wusste durch seinen luftig-leichten Pop zu überzeugen. Doch es wurde schnell klar, auf wen der Grossteil des Publikums gewartet hatte. Kein geringerer Name als Glen Hansard stand als zweiter Künstler des Samstagabends der Winterthurer Musikfestwochen auf dem Programm.

 

Folk im Holzfällerhemd

 

Bereits die Anmorderation zu dem Herrn aus Irland offenbarte Hansards Vielschichtigkeit: Wie Paolo Nutini oder James Morrison hatte auch Glen Hansard seine Musik zuerst auf der Strasse vorgetragen. Ende der Achtziger-Jahre war er mit seiner Gitarre auf den Strassen seiner Heimatstadt Dublin anzutreffen. Und die Gitarre von damals sollte auch an diesem Abend zum Einsatz kommen. Doch zuallererst hüpfte Hansard mit Wollmütze und Holzfällerhemd vergnügt an sein Piano und legte gleich los. Untermalt von einem Streicherquartett kam die ausdrucksstarke Stimme des Iren voll zur Geltung. Und nach einem frenetischen ersten Applaus begrüsste der Musiker die mit mehr als 3000 Personen bestückte Steinberggasse in gebrochenem Schweizerdeutsch, indem er verkündete “Wir froiet us uf Winterthur”. Die Zuschauer johlten vor Freude, der Charme des Iren kam auch zwischen seinen Liedern zur Geltung.

 

Umgesattelt auf die halb-akustische E-Gitarre ging es weiter mit Stücken seines 2012 erschienen Soloalbums “Rhythm and Repose”, welches nebst in Irland und den USA auch in der Schweiz Erfolge feierte. Hansard spielte stets mit einem breiten Strahlen auf dem Gesicht, das ansteckend wirkte. Die Blicke der Zuschauer waren stets auf die Bühne gerichtet und ihre Aufmerksamkeit derart gebannt, dass man selbst das Fallenlassen einer Nadel gehört hätte. Wäre da nicht die wohlig-warme Stimme Glen Hansards gewesen, die sowohl bei Balladen, als auch bei verruchten Bluesnummern die Ohren der Zuschauer erfüllte.

 

Filmreife Musik

 

Es dauerte keine Viertelstunde und schon hielt er sie in den Händen: Die von den Jahren gezeichnete Western-Gitarre, die Glen Hansard seit seiner Zeit als Strassenmusiker begleitet. Wie die Kratzer und Furchen auf der Akustikgitarre, so zeugen auch die ruhigen Folklieder von Verletzlichkeit – von aufkeimender Hoffnung und dem Erlangen von Lebensfreude ausserdem. Die Gitarre hatte im Musikfilm “Once” von 2006 neben Glen sozusagen eine Hauptrolle inne, spielt er doch sämtliche Stücke in der musikalischen Liebesgeschichte auf ihr. Die zweite Hauptrolle gehörte damals natürlich Markéta Irglová, die im Film Hansards Herz mit ihrer zarten Stimme und ihrem einfühlsamen Klavierspiel gewinnt. Zwar war diese Markéta Irglová in Winterthur nicht mit von der Partie, doch gab der Ire trotzdem einige Stücke aus dem Filmsoundtrack zum Besten.

 

So freuten sich die Zuschauer über eine eindrückliche Version von “Trying to pull myself away”. Hansards Band, bestehend aus vier Streichern, drei Bläsern, Pianist, Bassspieler, E-Gitarrist und Schlagzeuger, stand der Musikalität des Frontmannes in nichts nach. Das Publikum kam in den Genuss mehrerer Trompeten- und Posaunen-Solos, einem spassig umgesetzten Gitarrenduell und konnte sich sogar vom Gesangstalent des Posaunisten überzeugen, der bei einer der vielen Bluesnummern das Mikrofon übernahm.

 

Seifenblasenromantik

 

Die Lieder von Hansards Soloalbum, das zwischen Blues, Folk und Pop anzusiedeln ist, liessen seine zahlreichen Anhänger zum Mitsingen verleiten. Manch einer beherrschte sämtliche Textzeilen, spätestens bei “High Hope” sangen im Refrain alle lauthals mit. Wobei lauthals nicht oberstes Gebot ist bei dem Iren – er kann auch leise, wie auf dem Soundrack zu “Once”. Und gerade in diesen intimen, ruhigen Momenten widerspiegelte nicht nur Hansards Stimme seine Liebe zur Musik, auch seine Mimik offenbarte die innigen Gefühle der einzelnen Stücke. Und dies ganz ohne schmalzig zu wirken. Auch bei “Rain” sang das Publikum mit dem rothaarigen Singer-Songwriter mit. Er animierte durch seine sympathische Art zum Mitmachen.

 

Aus der ersten Reihe flogen ihm bei den ruhigen Folkstücken Seifenblasen entgegen, die Hansard auf theatralische Art und Weise versuchte zu schnappen. Geschnappt hat er sich auf jeden Fall die Herzen der Zuhörer. Beim Grande Finale warf er nicht nur sein Hemd in Richtung Schlagzeug, auch der Mikrofonständer musste bei der Tanzeinlagen dran glauben. Das Publikum tanzte vergnügt mit, bevor es ihn mit einem überwältigenden Applaus verabschiedete. Und auch wenn die schottische Popband Travis den Abschluss des Abend bildete, manch einer hätte noch stundenlang der Musik des herzlichen Iren zuhören können.