Kultur | 10.08.2013

Thanks for your time, Rodriguez

Durch einen Dokumentarfilm wurden er und seine Musik weltberühmt: Sixto Rodriguez war jahrzehntelang ein - zu unrecht - bestgehütetes musikalisches Geheimnis. Sein Auftritt am Vanguard-Festival in Kopenhagen war ähnlich wie der Film: traurig und magisch zugleich.
Blieb jahrelang ein Mythos: Sixto Rodriguez.
Bild: Barbara Nino Carreras.

“Power to the people”, sagte der 71-jährige Rodriguez ins Mikrofon, bevor er, am Arm gestützt von einer Frau, langsamen Schrittes die Bühne verliess. Das Konzert von Rodriguez am Vanguard-Festival startete so trist, wie es endete: Rodriguez schien körperlich nicht in guter Verfassung zu sein und musste gestützt werden. Auf einem Hocker sitzend sang er eine knappe Stunde vor einem Publikum, das jeden Schritt, jede Geste, jeden Ton von Rodriguez mit Staunen mitverfolgte. “Er ist wirklich hier«, sagte eine Konzertbesucherin neben mir mit Freudentränen in den Augen. Die heute zelebrierte Musik des aus Detroit stammenden Folk-Sängers, floppte damals und ist mittlerweile bereits vierzig Jahre alt.

 

Müde, aber charismatisch

Auch Rodriguez ist gealtert. An diesem Freitagabend in Kopenhagen schien er leider zu alt oder krank zu sein, um auf der Bühne zu spielen. Von Power war nichts zu spüren. Entweder war Rodriguez nicht bei voller Gesundheit oder seine Kraft hat ihn über die Jahre hinweg verlassen. Seine müde Stimme traf die Töne nicht und auch die musikalische Unterstützung seiner Band vermochte den Auftritt nicht positiv zu beeinflussen. Nichtsdestotrotz machte es nicht den Eindruck, als ob Rodriguez angesichts der Abgeschlagenheit bei schlechter Laune gewesen wäre, liess er doch die für seine Auftritte bekannten Scherze und Lebensweisheiten über Frieden, Liebe und Gerechtigkeit nicht aus. Witzig war dies aber nicht wirklich. Beispielsweise erzähle er den Witz: “Essen zwei Kannibalen einen Clown, fragt der eine den anderen: Hat das für dich lustig geschmeckt?«. Vielmehr rückten die Witze den Sänger, der in Südafrika unwissend jahrelang eine zelebrierte Legende war, in ein noch traurigeres Licht, als er es mit seiner Performance sowieso schon war.

 

Eine entzückende Legende

Trotz alledem hatte sein Auftritt etwas Magisches. Nein, ein musikalisches Highlight fürs Ohr war Rodriguez, der Freitags-Headliner des dänisch-schwedischen Festivals Vanguard, nicht. Aber den Respekt und die Faszination, welche die Zuschauer dem talentierten Songwriter zollten, stellten seine kraftlose Darbietung in den Hintergrund. Man kam in den Genuss, eine Legende zu sehen und das war schon mehr als eine Genugtuung für viele der Besucher.

Sein herzergreifendes Wesen und seine packende Lebensgeschichte, wie man sie in dem oscar-gekröntem Dokumentarfilm von Malik Bendjelloul “Searching for Sugarman« sieht, machen genau diese Faszination aus. Der Film erzählt wie Rodriguez in den 70ern einen Plattenvertrag erhielt,  aber seine Platten  verkauften sich nicht. Rodriguez arbeitete weiter als Sozialarbeiter, amtierte ohne Erfolg für politische Ämter in Detroit und endete schliesslich auf dem Bau. Ein einfaches Leben abseits der Musik führend, ahnte Sixto Rodriguez nichts davon, dass sich seine Alben in Südafrika zu Zeiten der Apartheid wie ein Lauffeuer verbreiteten. Sein Ruhm und Bekanntheitsgrad auf der anderen Seite des Globus ging gänzlich an ihm vorüber.

 

Senioren Vorteile

“Power to the people«, sagte Rodriguez am Vanguard-Festival. Eine passende Aussage zu den Zeilen, die er in seinen Liedern singt: politisch, sozialkritisch und poetisch. Genau diese Texte wurden Hymnen für die Proteste der Südafrikaner während der Apartheid. Rodriguez wurde ein Idol und Hoffnungsträger, ein Jimi Hendrix und Bob Dylan für die Protestler. Aufgrund der Isolation während der Apartheid, wurde es den Südafrikanern verwährt, Informationen über den Musiker zu erhalten. Gerüchte tauchten auf, er sei tot. Der Oscarfilm “Searching for Sugarman« stellt auf rührende Art und Weise dar, wie eifrig zwei Südafrikaner den Musiker suchten und schliesslich auch fanden. Rodriguez reiste schliesslich nach Südafrika, um in ausverkauften Hallen zu spielen. Genauso rührend war sein Auftritt: Ein alter Mann, der gutgelaunt an seiner Gitarre zupft und seine Musik und Weltansichten teilt. Freundlich und bescheiden, so wie er auch im Film dargestellt wird. Bescheiden und charismatisch äusserte er auch, dass er als gewöhnliche Legende gefeiert werden will, wie er lachend selbst sagte: “I want to be celebrated as an ordinary legend«. Dass er wahrscheinlich zu alt für die Bühne ist, weiss er selber. Er mache Gebrauch von seinen “senior advantages«, also seinen “Senioren-Vorteilen«, meint er witzelnd. Rodriguez lieferte eine herzergreifende Aufführung.

 

“Ich spiele noch ein Lied und dann gehe ich von der Bühne, ok?«, sagte er, als ob er sich wissend entschuldigen wollte, dass er 15 Minuten vor der eingeplanten Zeit aufhört zu spielen. Keine Buh-Rufe aus dem Publikum. Keine Parolen, er solle länger spielen. «Thanks, for your time-, singt Rodriguez aus seinem Lied «Forget it-. Das Publikum nimmt dies dankend und mit Hochachtung an.