Kultur | 22.08.2013

Tenebrae: Ein Dorf spielt Theater

Text von Sophie Bucher | Bilder von zvg / Ingemar Imboden
Eindrückliche Szenen, eindringliche Musik und eine hoch aktuelle Geschichte: Das Freilicht-Theater "Tenebrae" im Walliser Dorf Raron bringt uns die Passion in moderner und aufregender Weise näher.
Passionsspiel auf moderne Art - während den Proben fängt das Theater an.
Bild: zvg / Ingemar Imboden

Alles ist still. Allmählich ertönt Musik. Mathatias, der ewige Jude, stösst sein riesiges Buch vor die Zuschauertribüne und beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Wir sind in Raron, im Wallis, und das Freilichttheater Tenebrae hat soeben begonnen.

Das Spiel wird zur Wirklichkeit

Was bedeutet “Tenebrae”? Das Wort ist einem alten Bibelspruch entnommen und bedeutet “Finsternis”: “Tenebrae factae sunt dum crucifixissent Jesum Judaei: Finsternis entstand, als die Juden Jesus kreuzigten.” Die Geschichte: Ein Dorf bereitet die kommenden Passionsspiele vor. Es herrscht gute Stimmung, alle freuen sich, sind gespannt, wer welche Rolle erhält. Doch mit der Ruhe ist es bald vorbei. Die Rollenverteilung wirft einige Fragen auf, und während den Proben fängt das ganze Theater an.

Einige Asylanten sind im Dorf angekommen, unangekündigt und unerwünscht. Sie brauchen Hilfe und Pflege, einige eilen sofort herbei, die anderen stehen dem Ganzen skeptisch gegenüber. Die Folgen dieser Uneinigkeit sind verheerend: brutale Auseinandersetzungen und Streit zwischen Freunden sind nur einige Beispiele dafür. Immer mehr vermischen sich Spiel und Realität und lassen sich schliesslich gar nicht mehr auseinanderhalten. Alois, der Christus spielt, und seine Kollegen aus dem Dorf, welche die Rollen der Apostel innehaben, stellen sich auf die Seite der Asylanten und werden danach von der aufgewiegelten Dorfbevölkerung ebenfalls ausgegrenzt und verstossen. Die Geschichte nimmt ein verstörendes Ende. Zu spät realisieren die Rädelsführer im Dorf, was sie ausgelöst haben. Zurück bleibt eine grosse Betroffenheit, auf der Bühne und bei den Zuschauern. Die Passion, die nur gespielt werden sollte, war Wirklichkeit geworden.

Der erste Akt ist amüsant und kurzweilig, der zweite hat einige vermeidbare Längen. Mit etwa vier Stunden Spielzeit inklusive Pause verlangt “Tenebrae” den Zuschauern einiges ab. Doch alles in allem ist die Inszenierung sehr empfehlenswert.

Rarner Theatertradition

Theater hat eine grosse Tradition in Raron, insbesondere die Passions- und Mysterienspiele. 15 Jahre hat es nun gedauert, bis vor der Kulisse der Felsen- und Burgkirche wieder Theater gespielt wird.

Die Lust auf Passionsspiele war beim Rarner Theaterverein schon länger da. Sie sollten aber nicht mehr in der bekannten, klassischen Inszenierung daherkommen. Vielmehr sollten die Passionsspiele weiterentwickelt werden. “Für uns war bald einmal klar, dass ein neues Stück in Auftrag gegeben wird”, erläutert Carole Hildbrand, Präsidentin des Theatervereins Raron. Hubert Theler, ein Walliser Autor, hat das Drehbuch verfasst, welches mit Hilfe des deutschen in St. Niklaus wohnhaften Regisseurs Karim Habli in die Tat umgesetzt wurde. Tobias Salzgeber aus Raron komponierte zusammen mit seinem Ensemble “Apartig” die Musik, welche bei jeder Theateraufführung live gespielt wird. Der Bühnenbauer Peter Klein aus Ernen schuf die eindrücklichen Bühnenbilder und Konrad von Arx, sesshaft in Niedergesteln, sorgt für die richtige Technik. Der Theaterverein Raron schliesslich hat mehrere Stände und Sitzgelegenheiten gestellt für ein schönes Theatererlebnis.

Hinweis


Die Schauspieler des Theatervereins und viele Laien sind noch an den folgenden Tagen auf der Bühne zu sehen: Freitag 23. und Samstag 24. August 2013.

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