Kultur | 12.08.2013

Schmuseballaden, bluesiger Folkrock und zwei Cellos

Text von David Schneider | Bilder von Yanik Gasser
Auch wenn nicht vollständig ausverkauft: Der zweite Konzertabend des Festivals "Stars in Town" auf dem Herrenacker im Herzen Schaffhausens begeisterte die Besucher ebenso wie die Künstler auf der Bühne. Und manch ein Musiker wollte diese gar nicht mehr verlassen.
Der Herrenacker in Schaffhasen ist der Schauplatz für das Festival.Die zwei Kroaten von 2Cellos sind wahre Virtuosen.Mit Schlapphut und Glitzerkleid zu toller Ausstrahlung: Katie Melua. Sie bezauberte mit ihrer sanften Stimme.Ihre Mimik vermittelte grosse Gefühle.Auch Frauen können in die Saiten hauen - Lissie aus den USA.
Bild: Yanik Gasser

Festivalorganisator Thomas Hauser ist mehr als zufrieden. Nachdem das Festival in der Schaffhausener Innenstadt 2011 kurz vor dem Aus stand, kann das diesjährige “Stars in Town” erneut mit Top Acts und einem abwechslungsreichen Programm auftrumpfen. “Vom Setting her ist dieser Platz wie gemacht für ein Festival. Schon rein das Ambiente durch die schönen Fassaden wirkt einladend”, so Thomas Hauser gegenüber tink.ch. Die Konzerte auf dem Herrenacker nahmen 2010 ihren Beginn, damals noch unter dem Namen “das Festival”. OK-Mitglied Thomas Hauser: “Wir konnten bereits im ersten Durchführungsjahr einen tollen Erfolg feiern. Mit Roger Hodgson von Supertramp war es uns möglich,  die Leute für uns zu gewinnen. Das war ein unvergesslicher Abend und gehört sicher zur Geschichte unseres Festivals.”

Auch dieses Jahr geizen die Organisatoren nicht mit grossen Namen: Am Eröffnungsabend begeisterte der englische Singer-Songwriter Jamie Cullum mit Band und neuem Album im Gepäck das Publikum, nachdem bereits Seven für reichlich Stimmung gesorgt hatte und Aloe Blacc als zweiter Act am Mittwoch Abend mit seiner Mischung aus Soul, Blues, Funk und Hip Hop aus dem Vollen schöpfte.

 

Zweiter Abend, zweites Glück

Nun war es aber an der Zeit, die Konzertbühne für den zweiten Abend des “Stars in Town” freizugeben. Und genauso wie am Vorabend war der Platz bereits zu Beginn des ersten Konzertes gut gefüllt. Es schien, als wüssten die Besucher, dass sie eine Band der besonderen Art erwartete. Denn pünktlich um 19 Uhr betrat das Duo 2Cellos die Bühne und zeigte von Beginn an, dass sich jegliche Art von Musik durch die Reduzierung auf zwei Cellos umsetzen lässt. Und so wirkte ihr Cover von U2s “Where the Streets have no Name” nicht reduziert, sondern auf neue Art und Weise bereichernd. Die beiden Musiker aus Kroatien zogen mit ihrem innigen Cellospiel die Zuschauer gleich von Beginn an in ihren Bann und sogar die Blicke der VIP-Gäste hafteten für einmal nicht auf dem Apérobuffet, sondern waren auf die Bühne gerichtet.

Die mal sanften, mal zerrenden Celloklänge füllten den Platz und umhüllten die familiäre Atmosphäre auf dem Herrenacker. Und bevor jemand auf die Idee kam, sich aufgrund der sphärisch-ruhigen Klänge lieber einem Gespräch zuzuwenden, durchbrach auf einmal ein dahinwalzendes “Smooth Criminal”-Cover die Ruhe und verleitete das Publikum zum Mitklatschen. Die Haartollen der zwei Cellokünstler wippten innig im Takt und ein Lied griff direkt in das nächste.

Nach einem mitreissenden Cover von Guns n’Roses “Welchem to the Jungle”, bei dem das Cello gar zum Perkussionsinstrument wurde, bahnte sich nach kurzer Ruhe Coldplays “Every Teardrop is a Waterfall” den Weg über den sich stets füllenden Platz. Und nachdem zu Schluss sogar noch ein Schlagzeuger zu den Beiden stiess, wurde dem Zuhörer definitiv klar, dass sich auch mit einem klassischen Instrument Lieder von AC/DC und Jimi Hendrix umsetzen lassen. Und dies ohne etwas von ihrer Ausdruckskraft zu verlieren. Der Einstieg in den Abend war gelungen, die Hände der Zuschauer warm geklatscht und die zwei Cellisten begeistert vom Publikum.

 

 

Rockröhre mit Teetasse

“Nachdem ich die Jungs von 2Cellos gehört hatte, wollte ich unbedingt auf die Bühne. Ich konnte es kaum erwarten.” Das waren die Worte des zweiten Künstlers dieses Abends, der amerikanischen Musikerin Lissie, als wir sie nach ihrem umjubelten Auftritt zum Interview trafen. Und man merkte ihr die Spielfreude gleich vom ersten Lied weg an. Die Amerikanerin zog mit ihrer dreiköpfigen Band reichlich das Tempo an und zeigte, dass auch Frauen ordentlich in die Saiten greifen können. Als sie zu Beginn mit einer Tasse Tee auf die Bühne trat und sich freundlich vorstellte, hätte manch einer wohl anderes vermutet. Denn so zierlich und schüchtern sie auf den ersten Blick wirkt, umso kräftiger und charismatischer ist sowohl ihre Stimme als auch ihr Auftreten. Auch wenn es mit der Tontechnik zu Beginn nicht recht klappen wollte, fand Lissies ausdrucksstarke Stimme den direkten Weg in die Gehörgänge der zahlreichen Zuschauer. Mittlerweile war der Herrenacker bis zu den Essensständen hin gefüllt und die Leute guter Laune.

Gute Laune zeigte auch die zierliche Dame aus Rock Island im Staat Illinois. Lissie, die 2010 mit ihrem Debütalbum “Catching a Tiger” auch in der Schweiz Beachtung fand, überraschte die Hörer mal mit sanftem Gesang und hallenden Gitarren, um im darauffolgenden Lied ihre Liebe zum Blues zu demonstrieren und ein E-Gitarren-Gewitter zu entfachen. Das Publikum durfte sich über die neuen Stücke ihres nächsten Albums «Back to forever” erfreuen, welches diesen Oktober erscheint. Vor allem die Vorabsingle “Furten away” und das ruhige Stück “Sleepwalking” verleiteten die Zuschauer zu ausgiebigem Applaus. Spätestens als Lissie ihren Ohrwurm “Wen I’m alone” ihres ersten Albums anspielte, war auch der hinterletzte Wurststandbesucher ihrem Bann verfallen. “Ich habe gespürt, wie die Menschen mit mir mitfühlten und tanzten”, erzählte Lissie nach dem Konzert begeistert. Sie lag mit ihren Gefühlen völlig richtig.

 

Engelsstimme im Glitzerkleid

Bevor der letzte Act dieses Abends auf die Bühne stieg, ging der Aufruf durchs Publikum, jeder solle doch nun seinen Nächsten in den Arm schliessen, schliesslich werde es nun romantisch. Denn wenn Katie Melua als Hauptact auf dem Programm steht, ist dieser Aufruf alles andere als abwegig. Und als würde ihre Anwesenheit allein schon genügen, lagen sich die Paare auf dem Herrenacker in den Armen, bevor die sanftmütige Engländerin überhaupt ihren ersten Ton von sich gegeben hatte. Trotz dem etwas verhaltenen Eröffnungsapplaus, entzückte die Sängerin nicht nur stimmlich, sondern auch optisch. Mit ihren hohen, mit Strasssteinen bestückten Schuhen glitt Katie Melua über die Bühne und holte die Zuschauer mit ihrem einnehmenden Blick ab.

Durch ihre mehr als zehnjährige Bühnenerfahrung und der grossen Vielfalt an Titeln erspielte sich die 28-jährige Stimmgewalt mit ihrer Band die Gunst des Publikums. Weit mehr als 4000 Personen lauschten den Klängen ihrer Klassiker wie “Tiger in the Night” oder “On the Road again”. Mit ihrem auffälligen Kleid strahlt die Sängerin eine gewisse Extravaganz und natürliches Selbstbewusstsein aus. Dies dankt ihr die Menge, welche unter Jubel und Geklatsche in den Genuss von vier Zugaben kommt. Und als Katie Melua zu guter Letzt alleine mit ihrer Gitarre auf der Bühne steht und sich für all die ihr entgegengebrachte Liebe bedankt, schmilzt selbst dem hartgesottensten Bluesrockfan das Herz dahin. Das Stars in Town in Schaffhausen verzaubert sein Publikum noch weitere zwei Tage. An diesem Abend jedenfalls war der Zauber perfekt.