Kultur | 22.08.2013

Jugendliche vertreten ihre Kultur

Jedes zweite Jahr verwandelt sich die Stadt Basel in einen Brennpunkt für regionale Jugendkultur - und das seit 1997. Die achte Ausgabe des Jugendkulturfestivals vom 30. bis zum 31. August wartet mit einem ansehnlichen Programm auf und umfasst über 180 Veranstaltungen aus den unterschiedlichsten Sparten. Eine Sonderstellung im Programm des Festivals nimmt seit 2009 die Sparte Freestyle ein, unter welcher dieses Jahr die Kampagne "Wir sind Kultur" im Museum der Kulturen ihre Ausstellung präsentiert.
MaŠ¡a gehört zu den 10 Jugendlichen, die sich am Projekt "Wir sind Kultur" beteiligen. Sie ist Gymnasiastin mit Migrationshintergrund und besucht in ihrer Freizeit vorallem Goa-Parties.
Bild: zvg / Mathias Stich Patrick ist ein Paradiesvogel, der sich gern extravagant kleidet und sich als homosexuell outet. Er lässt sich keiner bestimmten Szene zuordnen. Die Aufnahmen der Jugendlichen von "Wir sind Kultur" entstanden im Studio des Fotografen Mathias Stich und werden im Museum der Kulturen ausgestellt.

“Jugendliche haben in jeder Generation einen schlechten Ruf”, erklärt Christian Mueller. Er ist der Leiter des Projektes “Wir sind Kultur”, welches im Rahmen des Jugendkulturfestivals (JKF) dem etwas entgegensetzt: “Das Ziel unserer Kampagne ist es, Verständnis für die unterschiedlichen kulturellen Szenen von Jugendlichen zu wecken.”

 

Die Idee zum Projekt, bei dem sich Jugendliche zwischen 15 und 26 als Vertreter eines bestimmten Stils oder einer Geisteshaltung von einem professionellen Fotografen ablichten liessen, entstand während eines Brainstormings aller Beteiligten um Christian Mueller. Der Gedanke kam auf, in einer konkreten Aktion Jugendlichen eine eigene Stimme und ein Podest zu geben, auf dem sie sich selbst als Individuen mit einem persönlichen Stil präsentieren können. “Die Kampagne soll Fragen aufwerfen, beispielsweise wie sich Jugendliche mit einer bestimmten Richtung identifizieren oder in welcher Form sich Jugendkultur heutzutage überhaupt äussert”, fasst der Präsident des Festivals Sebastian Kölliker das Projekt zusammen.

 

Jugendkultur im stetigen Wandel

 

In enger Zusammenarbeit mit den zehn beteiligten Jugendlichen, die sich für die Kampagne gemeldet haben, wurde das Projekt schliesslich innerhalb von nur fünf Monaten auf die Beine gestellt. Dabei geht es Christian Mueller nicht darum das Spektrum der Jugendkultur vollständig abzudecken. “Wir suchten nach jungen Menschen, die eine bestimmte Haltung oder Antihaltung vertreten und sich Gedanken über ihr Leben machen”, sagt er. Da sich die einzelnen Szenen und Stilrichtungen wie zum Beispiel Skater, Punks oder die Homosexuellen-Szene ständig im Wandel befinden, gehen die Jugendlichen heutzutage auch unverkrampfter mit ihrer Gruppenzugehörigkeit um. Sie kombinieren szenentypische Kleidungsstile und definieren sich nicht mehr ausschliesslich über bestimmte Verhaltensweisen und Regeln, welche jede Szene implizit mitzubringen scheint.

 

Auf die Frage, wodurch sich Jugendkultur für ihn auszeichne, antwortet der Initiator Christian Mueller kurz und bündig: “Jugendkultur umfasst die Art und Weise, wie eine Gesellschaft von 15- bis 25-Jährigen miteinander umgeht und Dinge verhandelt.” Mit ähnlichen Worten definiert auch Sebastian Kölliker den umgangssprachlich stark besetzten Begriff “Jugendkultur”: “Von der Lebenseinstellung bis zum Denken und Handeln von jungen Menschen kann prinzipiell alles als Jugendkultur bezeichnet werden.”

 

Die Szene als ein Baukasten

 

Die Früchte des Fotoshootings werden am Abend des 29. August im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des JKF im Museum der Kulturen präsentiert, welches für die Kampagne einen eigenen Ausstellungsraum zur Verfügung stellt, sonst jedoch nicht weiter an dem Projekt beteiligt ist.

Im Gegensatz zur Praktik des Museums definiert die Kampagne nicht rückwirkend, sondern bereits im Voraus, was als eigenständige und wichtige Kultur bezeichnet werden soll. Soviel sei schon mal verraten: Was die optische Vorführung des fotografischen Materials betrifft, so wird sich der Ausstellungsraum in seiner Präsentation der einzelnen Abzüge am Prinzip von Ausschneide- und Anziehpuppen orientieren. Laut Christian lassen sich die einzelnen Szenen und Gruppierungen nämlich auch als Baukästen auffassen, aus denen sich die Jugendlichen nach Belieben bedienen und mit deren Varianten sich spielerisch Kombinationen gestalten lassen. Eine riesige durchbrochene Schablone wird den Ausstellungsaal dominieren, umgeben von den herausgebrochenen Gestalten der zehn abgebildeten Jugendlichen. Daneben werden im Hintergrund Ton- und Filmspuren mit Material aus Interviews mit den einzelnen jugendlichen Models laufen.

 

Ergänzung und nicht Kontrapunkt

 

Die Kampagne nimmt im Programm des JKF einen besonderen Platz ein. Das Projekt soll laut Sebastian Kölliker nicht einen Kontrapunkt zum umfangreichen musikalischen Programm des Festivals setzen, sondern eine passende Ergänzung zum aktuellen Angebot bieten. Finanziell gefördert wird es ausserdem von dem kantonalen Fördergefäss “kult & co” und der Stiftung Pro Helvetia. Bereits 2011 fand in der Sparte Freestyle, unter der die Kampagne “Wir sind Kultur” im Festivalprogramm rubriziert ist, eine alternative Aktion statt. Diese setzte sich mit der Nutzung des öffentlichen Raumes auseinander und der Frage, wie diese den Bedürfnissen der Jugendlichen angepasst werden kann. “Derartige Projekte ermöglichen eine vertiefte Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema, was die einzelnen Darbietungen des Festivals gemeinhin eher weniger erlauben”, so Sebastian Kölliker.

 

Prinzipiell sind die Verantwortlichen des JKF für alle Ideen offen, was die Konzeption und Programmgestaltung der neunten Ausgabe im Jahr 2015 betrifft. Die Idee einer Zusammenarbeit mit Institutionen der bildenden Kunst wurde bereits in der Runde diskutiert, bisher hat sich allerdings noch kein geeignetes Projekt angeboten. In zwei Jahren kann sich allerdings noch einiges entwickeln. Die Festivalbesucher können jedenfalls auch weiterhin gespannt sein.

 

Die Ausstellung selbst läuft bis zum 15. September im Museum der Kulturen.

 

 

Hinweis


Tink.ch wird am Jugendkulturfestival 2013 vor Ort sein. Die Berichte erscheinen in einem Dossier.

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