Gesellschaft | 07.08.2013

Der Teilzeitvegetarier

Text von Rade Jevdenic | Bilder von My Lien Nguyen
Rund zweieinhalb Prozent der schweizerischen Bevölkerung isst kein Fleisch. Die Tendenz ist steigend und der Schritt in diese Lebensweise scheint nicht revidierbar. Tink.ch-Reporter Rade Jevdenic berichtet von seinem Selbstversuch.
Bleibt für Vegetarier nichts als Salat?
Bild: My Lien Nguyen

“Du hältst das doch keine Woche durch”, grinst eine Freundin, als ich zum wiederholten Mal der Frage nach Speck in der Rösti mit einem wortlosen Kopfschütteln entgegne. Ich, der niemals Haustiere hatte und vermutlich nie haben werde. Ich, der mich nicht bei Greenpeace engagiere und auch sonst kein Ökofritze bin. Ich, der mich niemals einen Weltverbesserer nennen würde und Menschen, die Bäume umarmen nicht verstehe: Ich habe aufgehört Fleisch zu essen. Auf der Schublade, in die ich mich gepackt habe, prangt in grossen Buchstaben “Vegi”. Aber nur wenige wagen sich in diese Schublade, denn der Anspruch an die Insassen der Schublade ist absolut. Wer sich reinsetzt, muss auch drin bleiben.

 

Mal schauen

Es ist eine kühle Frühlingsnacht in Bern. Eine Bekannte erzählt, während wir zum Club schreiten, von ihrer neuen veganen Lebenseinstellung. Wegen der Umwelt und den unhaltbaren Verhältnissen der Massenhaltung esse sie keine tierischen Produkte mehr. Schliesslich tragen wir den Tieren gegenüber eine Verantwortung und drückten uns davor, für die Fleischproduktion ein Bewusstsein zu entwickeln. Klingt für mich soweit einleuchtend. Die Worte fruchten.

 

In den Tagen darauf hallt das Gesagte in meinem Kopf nach. Ich lande bei einer konkreten Fragestellung: “Ist es wirklich nötig, dass etwas stirbt, damit ich leben kann?« Mal schauen, ist meine Antwort darauf. Ich kann ja ausprobieren, wie ich ohne Fleisch über die Runden komme. Anfangs weiche ich auf Fisch aus, aber mir wird schnell klar, dass dies nicht der Sinn der Sache ist. Der Gang zum vegetarischen Regal im Supermarkt bleibt mir nicht erspart. Tofu, Gemüseschnitzel, Soja, Fleischersatz. Verglichen mit Fleisch wirken die Produkte doch eher trist. Wie sich mir dann zeigte, ein reines Vorurteil.

 

 

Mitleidige Blicke

Meine Mitbewohner und Freunde haben sich schnell an die neue Essgewohnheit gewöhnt. Trotz allem spüre ich diesen Anflug von Unverständnis. Es scheint als empfinde die Allgemeinheit den Vegetarismus als einen Zustand des Durchhaltens. Ist man mal Vegetarier, muss man dabei bleiben. Für immer. Und ein Vegetarier, der wieder beginnt Fleisch zu essen, hat aufgegeben. Ist gescheitert. Ich merke es besonders an den bedauernden Blicken, wenn ich meinen Tofu auf den Grill lege. Oder daran, wenn Mama ungeduldig fragt, ob ich noch immer kein Fleisch esse. Das Warten darauf, dass ich wieder ein Steak auf dem Teller habe, scheint für meine Mitmenschen unerträglich.

Der Anspruch an einen Vegetarier ist also absolut. Der Verheiratete kann sich scheiden, der Angestellte kann künden, der Christ kann konvertieren. Doch der Vegetarier darf nie wieder Fleisch essen.

 

Doch geht es beim bewusst leben nicht darum den Unterschied zu machen? Auch wenn es nur ein Temporärer ist? Mit einem fleischlosen Lebensabschnitt – dauere er einige Wochen oder Monate – liesse sich die individuelle Ökobilanz bereits drastisch verbessern. Zudem achten Vegetarier durch die angepasste Essgewohnheit viel mehr auf ihre Ernährung, was zu einem konstanteren Körpergewicht und einem ausgewogeneren Essverhalten führt.

Natürlich kann das Blättern in Restaurantkarten manchmal frustrierend sein, jedoch führen immer mehr Restaurants spannende vegetarische Menüs. Und die schmecken auch mir. Ob ich nun für immer Vegetarier bleibe? Nur solange ich der Meinung bin, dass Fleisch für meine Ernährung nicht notwendig ist. Also vielleicht bis morgen. Oder übermorgen.