Gesellschaft | 09.07.2013

Mount Everest? Kein Problem!

Text von Flavia von Gunten | Bilder von Inselspital
Vor 20 Jahren wurde die erste Herztransplantation im Inselspital Bern durchgeführt. Für das Spital ein Grund zum Feiern. Weniger rosig sieht die Lage auf dem Organspendermarkt aus - es herrscht ein akuter Mangel an diesen lebensnotwendigen Körperteilen.
Transplantationen: Für Chirurgen eine Herzensangelegenheit.
Bild: Inselspital

18 Tage. So lange überlebte der weltweit erste Patient, welcher ein fremdes Herz in den Körper verpflanzt bekam. Durchgeführt wurde diese Pionieroperation 1967 in Kapstadt vom südafrikanischen Chirurgen Christiaan Barnard. Zwei Jahre später wechselte auch in der Schweiz das erste Herz seinen Beistzer: Der schwedische Chirurg Ake Senning, welcher unter anderem ausgebildeter Experimentalchirurge war, behandelte am Unispital Zürich einen Patienten, welcher sogar einige Wochen mit dem Spenderherz überlebte. Von solch kurzen Überlebenszeiten ist die Medizin heutzutage zum Glück weit entfernt: «Die Überlebensrate liegt fünf Jahre nach der Transplantation bei 73 Prozent und nach zehn Jahren bei deren 63. Wir kennen sogar Fälle, in denen das Herz 30 Jahre hält«, erklärt Professor Doktor Marko Turina, ehemaliger Chefarzt des Zürcher Unispitals, am Herz-Symposium in Bern. Aus Anlass des 20-Jahr-Jubiläums der Berner Herztransplantation referierten im Juni namhafte Chirurgen, Patienten und Fachpersonen in der Insel.

 

Trauung im Nachthemd

Eine Referentin punktete nicht mit medizinischen Fakten, sondern mit lebensnahen Erzählungen: Sie wurde vor zehn Jahren in Bern herztransplantiert. «Vor der Operation hatte ich fürchterliche Angst. Zum Glück hat mir damals mein Chirurg den Kontakt zu einer Person ermöglicht, welche die Operation bereits hinter sich hatte und wieder voll im Leben stand. Diese Gespräche waren damals enorm hilfreich«, schildert Renata Isenschmid die unmittelbare Zeit vor dem Eingriff. Viereinhalb Wochen musste die damals 43-jährige auf ihr Spenderherz warten. Ein Lichtblick gab es aber während dieser Zerreissprobe: Ihr Partner machte ihr einen Heiratsantrag. «Die Zeremonie fand auf der Intensivstation statt. Ich trug sogar ein weisses Kleid – mein Spitalnachthemd«, erzählt Isenschmid. Ihren trockenen Humor hat sie sichtlich wieder gefunden. In einem Punkt wird die Patientin aber nachdenklich: «Ich wüsste gerne, wessen Herz ich in meiner Brust trage.« Aus Datenschutzgründen dürfen die Ärzte nicht angeben, von wem das Herz stammt. «Das Einzige, das ich über die Person weiss, ist, dass sie etwa gleich alt war wie ich«, bedauert Isenschmid. Für ihre zurückgewonnene, uneingeschränkte Lebensqualität nehme sie dieses grosse Fragezeichen aber in Kauf.

 

Gewissensfrage Schwangerschaft

Von dieser Lebensqualität spricht auch Professor Doktor Paul Mohacsi, Leitender Arzt für Herzinsuffizienz an der Universitätsklinik für Kardiologie in Bern: «Es gibt herztransplantierte Menschen, die nach ihrer Operation über 3000 Meter hohe Berge bestiegen haben oder einen Marathon gerannt sind.« Einschränkungen im Alltag gibt es also kaum für Transplantationspatienten und -patientinnen. Doch keine Regel ohne Ausnahme: «Bei der Hygiene ist höchste Vorsicht geboten. Infektionen können sehr gefährlich werden«, warnt Mohacsi. Grosse Menschenansammlungen oder das Schwimmen in trüben Gewässern müssen Patienten meiden. Sogar eine Schwangerschaft sei möglich. Allerdings sollte diese gut überdenkt werden: «Die Lebenserwartung einer transplantierten Frau liegt deutlich tiefer als die einer gesunden Frau. Das Kind wird also höchstwahrscheinlich den grössten Teil seines Lebens ohne leibliche Mutter verbringen«, äussert Professor Mohacsi seine Bedenken.

 

Risiko Abstossung

Ob schwanger oder nicht, regelmässige Kontrollen und Medikamenteneinnahme sind für Transplantierte Routineabläufe. Ihr ganzes Leben lang müssen sie Tabletten schlucken, die meiste Medizin davon wirkt der Abstossung des Spenderorgans entgegen. Bei einer zellulären Abstossung entzündet sich der Herzmuskel und schwillt an oder es kommt zu Blutungen, was im schlimmsten Falle mit dem Tod enden kann. Die Abstossung ist ausserdem das grösste Risiko einer Transplantation, weil sie nicht vorausgesehen werden kann. Hoffnung kommt aus Übersee: Ein Institut in Kalifornien kann mithilfe eines sehr teuren Präparates feststellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Abstossung ist. Dieses neue Verfahren hat auch in Bern Einzug gehalten, vorerst nur in der Forschung. «Wir wollen diese Methode nach Europa holen. Wenn wir die Blutproben innerhalb unseres Kontinentes untersuchen können, vergünstigt sich die Sache enorm«, erläutert Professor Mohacsi das Ziel der Forschung, die seit zwei Jahren im Gange ist.

 

Keine Transplantation ohne Spender

Damit diese Forschung überhaupt Sinn macht, braucht es ständig neue Organe, die den Bedürftigen verpflanzt werden können. Genau da liegt aber das Problem. Die Warteliste wird ständig länger, Spenderorgane sind nur sehr wenige verfügbar. In der Schweiz werden pro Jahr in den Transplantationszentren Lausanne, Zürich und Bern insgesamt rund 30 Herzen verpflanzt. Kurz gesagt: mehr als jeder Dritte auf der Warteliste geht leer aus. Doch wo findet diese Ungleichheit ihren Ursprung? «Die Abläufe der Meldung und Registrierung werden nicht von allen Spitälern umgesetzt. Wir senden aber spezialisiertes Personal auf die Stationen, damit diese Prozesse reibungslos ablaufen«, sucht Susanne Hess von Swisstransplant nach einer Erklärung für diesen Notstand. Der Hauptgrund aber sei, dass der Grossteil der Bevölkerung sich nicht mit dem Thema befasse. «In einer ohnehin schon schwierigen Situation ist es für die Verwandtschaft schwierig, sich für eine Spende zu entscheiden, wenn sie den Willen des Verstorbenen nicht gekannt haben«, fährt Hess fort. «Deshalb ist es wichtig, dass jede und jeder einen Spenderausweis ausfüllt, bei sich trägt und seinen Willen noch zu Lebzeiten den Angehörigen mitteilt«, propagiert die Mitarbeiterin von Swisstransplant. Spenderausweise können online heruntergeladen oder unter einer Gratisnummer bestellt werden. Damit das Herzzentrum Bern noch viele weitere Jubiläen feiern kann.

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