Kultur | 08.07.2013

Kein Erbarmen

Text von Simon Keller | Bilder von zvg (Frenetic)
Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit von Regisseur Nicolas Winding Refn und dem aufstrebenden Ryan Gosling im sphärischen Actionfilm "Drive" waren die Erwartungen an "Only God Forgives", den nächsten Film von Refn mit Gosling in der Hauptrolle, riesig. Der Film kann jedoch die hohen Erwartungen nicht erfüllen und hinterlässt den Zuschauer trotz hervorragender Darstellerleistungen etwas ratlos.
Ryan Gosling im gewaltvollen "Only God Forgives".
Bild: zvg (Frenetic)

Zwei Jahre ist es her, seit “Drive”, der letzte Film von Nicolas Winding Refn mit Ryan Gosling als cooler, aber gewaltvoller Driver, in Cannes den Regiepreis gewann und auch im Kino und bei Kritikern auf viel Lob stiess. Die dichte Atmosphäre, die wuchtigen Bilder, die ausdrucksstarken Schauspieler und die perfekt passende Filmmusik machen den Streifen heute schon kultverdächtig.

 

Doch der grosse Anklang von “Drive” bringt auch hohe Erwartungen für den Nachfolgefilm “Only God Forgives” mit sich. Und sobald man im Kinosaal sitzt, wird auch schon klar: “Only God Forgives” will kein “Drive 2” sein – und ist es auch nicht. Denn obwohl neben dem dänischen Regisseur Nicolas Winding Refn und Ryan Gosling in der Hauptrolle auch Cliff Martinez (Musik) aus “Drive” mitgenommen wurden, gibt es in der Handlung kaum Gemeinsamkeiten. Gemeinsam sind den beiden Filmen jedoch die expliziten Gewaltdarstellungen. Hier setzt “Only God Forgives” noch einen drauf: Es gibt nicht nur noch mehr Gewaltsszenen, diese sind auch noch wesentlich schonungsloser und brutaler. Die Gewalt ist allgegenwärtig, vom Anfang bis zum Ende, psychisch und physisch.

 

Gewalt und Drogen in Thailand

Doch der Reihe nach: In “Only God Forgives” geht es um den Drogendealer Julian Julian (Ryan Gosling), der mit seinem Bruder Billy (Tom Burke) in Thailand einen Boxclub betreibt. Dass Julians sich nur wegen eines Haftbefehls aus den USA in Thailand aufhält, wird im Film nur angedeutet. Zu Beginn des Films wird Billy auf Geheiss der Polizei erschlagen, nachdem er ein sechzehnjähriges Mädchen vergewaltigt und getötet hatte.  Daraufhin kommt es zu einer hässlichen Gewaltspirale zwischen dem Polizisten Chang (Vithaya Pansringarm) und dem Kreis um den verstorbenen Billy, angeführt von dessen Mutter (Kristin Scott Thomas), die den Tod ihres Lieblingssohnes gerächt haben will.

 

Schaudern und Ekel

Alle Personen im Film (abgesehen vielleicht von Julian) handeln völlig erbarmungslos und schrecken vor nichts zurück, um ihr eigenes Leben zu retten und dasjenige der anderen zur Hölle zu machen oder zu beenden. Der Gipfel des Eisbergs ist hier der Polizist Chang, ein waschechter Sadist, der seine Gegner nicht nur erschiesst, sondern mit einem Säbel aufschlitzt, sie niederschlägt, ihnen einen Arm abhackt oder ihnen die Augen aussticht. Dabei scheint es nicht sein erstes Ziel zu sein, seine Feinde zu eliminieren, sondern ihnen möglichst viel Schmerz zuzufügen. Dies alles ist sehr schrecklich anzusehen und wirklich nichts für Zartbeseitete.

 

Künstlerische Perfektion

Doch bei aller Beklemmung muss festgestellt werden: “Only God Forgives” ist ein Art-House-Film in künstlerischer Perfektion. Regisseur Refn beweist ein weiteres Mal sein riesiges Talent mit grandiosen Bildern, stimmungsvoller Musik und Schauspielern, die unter seiner Regie allesamt zu Höchstleistungen auflaufen. So gelingt Gosling nicht nur der Spagat zwischen Gewalttätigkeit und Verletzlichkeit zum wiederholten Male hervorragend, auch Kristin Scott Thomas und der unbekannte Vithaya Pansringarm verkörpern ihre hässlichen Charaktere mit fast schon beängstender Glaubwürdigkeit.

 

Gemischte Gefühle

Doch bei all diesem technischen und künstlerischen Können stellt sich die Frage, warum man sich diesen Film denn antun sollte. Denn Spass macht dieses Gemetzel von äusserster Brutalität nun wirklich nicht. Und anders als in “Drive”, in dem die sanfte Seite der Hauptfigur ausführlicher belichtet wird, bleiben die Motive, trotz der dezenten Andeutung eines Mutter-Sohn-Konflikts, grösstenteils im Dunkeln. Und so lässt einen der Film doch recht ratlos mit der Frage zurück, ob es diese Story denn wert ist, von derart talentierten Menschen umgesetzt zu werden. Fans expliziter Gewaltdarstellungen kommen hier sicherlich voll auf ihre Kosten, allen anderen ist jedoch von “Only God Forgives” eher abzuraten.