Kultur | 02.07.2013

„Ich bin kein Virtuose!“

Text von Melanie Bösiger | Bilder von Annette Eckenstein
Gustav hat eine unglaubliche Energie. Am Open Air Rebstock in Baden überträgt sich diese schnell auf das Publikum. Von der Bühne aus bringt der Musiker aus Fribourg den Zuschauern eine Choreographie bei, um Sekunden später über die Abschrankungen zu klettern und selber ausgelassen mit ihnen zu tanzen. Tink.ch hat vor dem Konzert einen sehr viel ruhigeren Gustav zum Gespräch getroffen.
Gustav macht es sich gemütlich: Konzerte geben heisst auch immer viel hinter der Bühne warten. Interviews zu geben gehört zum Leben eines Sängers wie die Zeit im Studio und die Shows. Vor Gustav ist kein Instrument sicher.
Bild: Annette Eckenstein

Tink.ch: Von dir hat man in den letzen zwei Jahren nicht viel gehört. Wo war Gustav?

Gustav: Wir wollten eine Pause machen, nicht öffentlich auftreten. Ich habe in Südkorea an der Weltausstellung die Schweiz repräsentiert, habe musikalische Projekte an Primarschulen realisiert. Vorletztes Jahr hat mich „Jeder Rappen Zählt“ für einen Song angefragt, und in Fribourg habe ich die Musik zu einem Tanztheater geschrieben. Dazu war ich zwei Monate am Meer in den Ferien mit meiner Familie.

 

Und du schreibst an einem neuen Album. Was darf man erwarten?

Das Album heisst „The Holy Songbook“ und erscheint am 11. Oktober. Es ist ein Songbuch mit rund zehn Songs inklusive Anleitung zum Mitsingen, Mitklatschen, Mittröten. Die Instrumente spiele ich alle selber ein.

 

Warum bist du nicht mit deiner Band im Studio?

Auf der Bühne muss es grooven. Im Studio ist es eine viel feinere Arbeit. Ich spiele die Instrumente lieber selber ein, weil ich sonst noch jemandem erklären muss: Ich will, dass es genau so klingt. Spiel das mal genau so.

 

Welche verschiedenen Instrumente spielst du?

Ich spiele das Gängige: Schlagzeug, Gitarre, Bass, Klavier. Davon kann man vieles ableiten: Wenn ich die Gitarre beherrsche, kann ich auch Banjo oder Mandoline spielen, oder Kontrabass. Dazu Akkordeon und ein paar Blasinstrumente. Eigentlich alles ein bisschen, aber ich bin kein Virtuose! Wo es Virtuosen braucht, lade ich solche ins Studio ein.

 

Welche Musik hörst du privat?

Wie ich Musik mache, höre ich auch Musik. Sehr viel Verschiedenes, ich kann dir keine Lieblingsband nennen. Häufig höre ich Musik über Spotify. Dann entdecke ich Neues. Grundsätzlich bevorzuge ich Singer-Songwriter-Sachen, aber eigentlich lege ich mich soundmässig nicht fest.

 

Du findest Spotify also eine gute Sache?

Ja. Für Musikhörer ist Spotify ideal. Ich habe zwar noch meine uralten Vinylplatten, die ich auflege. Aber für neuere Musik höre ich nur Spotify.

 

Als Musikhörer profitierst du von Spotify, und als Musikschaffender?

Viele Musiker „pääggen“ dauernd, weil sie keine CDs mehr verkaufen. Dagegen kann man sich nicht wehren. Ich verdiene zwar nicht viel mit Spotify. Aber die Leute hören meine Musik und kommen dann an Konzerte. Die Live-Auftritte sind mein Hauptgeschäft.

 

Du hast in einem Interview gesagt, die Musik würde zu wenig wertgeschätzt. Damit meintest du also nicht, dass viele gratis Musik hören wollen?

Nein. Viele wissen nicht, wie viel Arbeit in einem Song steckt. Heute hat man sehr viel Musik zur Verfügung. Man kann man schnell weiterskippen, wenn einem ein Song nicht gefällt. Bei Vinylplatten ist das eher mühsam, wenn man immer die Nadel versetzen will (lacht).

 

Wie sieht deine Arbeit an einem Song aus?

Meist schreibe ich die Musik zuerst. Dann folgt der Text. Bei den französischen Liedern arbeite ich mit einem welschen Texter zusammen. Ich gebe ihm die Musik und einige Vorgaben zu Rhythmus und Inhalt. Er schreibt dann den Text dazu.

 

Schreibst du lieber Songs oder stehst du lieber auf der Bühne?

Das kommt darauf an. Heute bin ich sehr gerne auf der Bühne (lacht mit einem Seitenblick auf die Veranstalterin, die sich zu uns gesetzt hat, Anm. d. Red.). Während der Zeit im Studio freue ich mich, wenn ich mal raus kann. Umgekehrt bin ich nach einer Tour auch froh, mich zurückziehen zu können. Das gehört alles zusammen.

 

Worauf freust du dich diesen Sommer?

Wir haben heute das erste Konzert, spielen auf einigen Festen und Partys. Ich habe eine tolle neunköpfige Band hinter mir. Ab August spielen wir eine Klubtournee im Quartett, da wird die Musik etwas abgespeckt. Darauf freue ich mich auch sehr.