Kultur | 11.07.2013

Au Bord de l’eau

Text von Fabienne Gsponer | Bilder von Fabienne Gsponer
Am vergangenen Wochenende fand in Siders das «Weekend au Bord de l'eau« statt, ein kleines Festival mit ausgewählter Musik am Ufer des Gerundensees. An den drei Tagen spielten Gruppen wie die südafrikanischen Jungtalente Black Motion, die Detroiter Musiklegende Theo Parrish oder die Londoner Brassroots. Für die Organisatoren und alle Beteiligten war jede Menge los.
Badewetter Die schwimmende Jazzbühne am anderen Seeufer. Gemütliche Stimmung am See. Eis aus Walliser Weisswein.
Bild: Fabienne Gsponer

Es ist Freitagabend, etwa fünf Uhr. Ich komme in Siders an, einer kleinen Stadt im Unterwallis. Von weitem hört man bereits die Musik. Es ist “Weekend au Bord de l-˜eau«, ein Festival am Gerundensee. Ich werde abgeholt. “Du kriegst als einzige hier eine Spezialbehandlung”, meint meine Freundin lachend. Sie ist Presseverantwortliche am Festival und hat jede Menge zu tun. Ein Glück, dass sie sich fünf Minuten losreissen kann und mich mit dem ganzen Gepäck abholt. Wir fahren zum Festival, mein erstes Interview findet um halb sechs statt. Ich freue mich auf die drei Tage.

 

Kurz darauf erreichen wir das Gelände. Man hört die Bässe, die weissen Festivalzelte ragen hoch, die Flaggen von einem bekannten Radiosender wehen. Meine Freundin muss direkt zurück in den Backstage-Bereich. Ich hole die Festival-Pässe ab und drehe eine Runde durchs Festivalgelände. Es ist noch hell, die Besucher spielen Boccia, geniessen die Musik in den Liegestühlen oder tanzen. Die Bühne liegt vor mir, direkt am Seeufer. Der DJ spielt Funk. Dahinter fahren die Besucher Pédalo. Irgendwo auf dem Wasser ist eine selbstgebaute Jazzbühne auf einem Floss unterwegs.

Ich laufe in Richtung Backstage-Bereich, suche wieder meine Freundin. Da steht sie schon. “Salut ça va? – Ca va bien”. Alle sprechen französisch. Gleich beginnt ein Konzert. Also los, wir sehen uns die Show an. Das erste Konzert ist von The Coup. Das Konzert ist sehr rockig, auch wenn die Band sonst eher Funkiges mit Rap vermischt. Direkt nach dem Konzert eilen wir zurück in den Backstage-Bereich. Formulare müssen unterschrieben, Radioaufnahmen gemacht werden und ich warte auf mein Interview. Dann ist es soweit, ich kann meine Fragen stellen. Alles muss schnell gehen. Der Künstler ist müde vom Konzert. Während er isst, unterhält er sich mit mir. Ich muss mich ziemlich konzentrieren, damit ich sein Englisch verstehe.

 

Zehn Uhr

Während wir Samosas essen, fangen Puppetmastaz mit ihrer Show an. Auf der Bühne sieht man nur Marionetten, die tanzen und sich aufführen, als würden sie rappen. Die Leute sind verrückt nach der Musik, vor der Bühne ist es drängend voll. Junge Hip-Hopper sind am Tanzen, die Musik ist eine Mischung aus Elektro, Dub und Hiphop. Plötzlich springen die Künstler aus der aufgebauten Bühnenmauer, vor welcher sie vorher noch am Puppentheater spielen waren. Sie tragen Fantasie-Masken, etwas Tierisch-Groteskes. Wir treffen ein paar Freunde, im Hintergrund fängt bereits DJ Theo Parrish an. Er ist einer der ersten DJs, die in den achtziger Jahren in Detroit House spielten. Für viele ist er eine Musiklegende, einer der ersten, der diese Musikrichtung mit anderen wie Jazz und Soul zu mischen wusste. Bei seinem Set verbindet er verschiedenste Stile von Disco, über Jazz, House und Dance. Irgendwann gehen wir zurück hinter die Bühne, ein paar wollen Theo Parrish nach seinem Set sehen, meine Freundin muss wieder arbeiten. Stress, Stress, Stress. Aber Stress verleiht einen gewissen Rush, meint sie. Ich ziehe mit dem Rest weiter, es wird noch spät.

Nicht im Regen stehen

Am nächsten Tag eile ich zum Festival, ich habe Angst, dass ich zu spät zum Interview erscheine. Meine Freundin ist bereits seit Stunden unterwegs. Hinter der Bühne treffe ich sie in Regenstiefeln. Alles ist hektisch, aber trotzdem sind alle freundlich und gelassen. Einer der Künstler wird vermisst, sollte schon da sein. Hat er etwa verschlafen, fragen wir uns. Jemand von den Künstlern erzählt, er war in der Gegend wandern. Ein Anderer ist schon abgereist. Meine Interviewpartner sind im Hotel. Ich denke, es wird später und frage, ob wir etwas essen gehen sollen. Wir setzen uns unter das riesige Zelt, von wo aus man freie Sicht auf die Bühne hat. Noch tanzen nicht sehr viele. Jetzt läuft das Konzert von Kinny&Azaxx. Der französische DJ spielt seinen berühmten Track “Fiesta Tropical”. Langsam wird es dunkel. Ich freue mich auf «Black Motion«, Deep House mit Afrobeat aus Pretoria. Vorher spielt der Komponist und DJ Mark de Clive-Lowe mit Begleitung verschiedener Künstler, darauf folgt der “Live-Act” von Richard Dorfmeister&MC Ras Tweed. Schliesslich wird es ein Uhr morgens. Das Konzert der beiden jungen Südafrikaner beginnt. Einer der beiden spielt auf den traditionellen Drums aus Südafrika, der andere mischt House mit Afrobeat und Funk. Die Musik ist elektrisierend. Alle tanzen bis zum Schluss.

 

Der nächste Morgen

Das Internet funktioniert nicht mehr. Dem Verantwortlichen ist das Handy in den See gefallen, wie soll er jetzt erreicht werden? Meine Freundin lacht. Sie ist wieder ein paar Stunden vor mir aufgestanden. Wir laufen durchs Festival Gelände. Am Raclette-Stand kaufen wir uns ein Fendant-Eis, der Geheimtipp, hergestellt aus Walliser Weisswein. Dann setzen wir uns ins Gras, hören uns «The Doors Revival« an und denken darüber nach, wie es wohl damals im Backstage zu und her ging.