Mambo an der Aare

Die Berner Mundartband beweist, dass für starke sommerliche Gefühle nicht ebensolche Texte nötig sind. Die Phrasen in den Liedern wiederholen sich oft und wirken durch ihre Banalität bereits wieder originell: “i wott di downloade wott di abesuge i wott di flashdrive wott di spichere”, wiederholt Schmidhauser im Song “abelade” mehrmals. Der Schwerpunkt des Liedgutes liegt auf den Melodien. Hier ein grooviger Basslauf, dort eine unerwartete Posaunenmelodie; die Vielfalt der Klänge ist noch bunter als die der karibischen Pflanzenwelt.

Dass diese Taktik aufgeht, verrät ein Blick auf die Bandgeschichte. Seit 2002 hat “Chica Torpedo” vier Alben rausgebracht und etliche Konzerte gespielt, unter anderem am Jazzfestival in Montreux. Die nächste Gelegenheit, 1300 Franken für den Flug nach Kuba zu sparen und Karibik-Feeling vor der Haustüre zu erleben, bietet sich am 17. August am Wuhrplatzfest in Langenthal.

Warm, heisser, Heisskalt!

Auch Mokka-Chef und “Am Schluss”-Organisator Pädu Anliker schüttete bei der Ankündigung dieses Indie-Rock-Feuerwerkes ungewohnt grosses Lob aus. Bereits im Mai holte er Matze, Phil, Luci und Marius in seinen Klub. Nun sind sie für ein einziges Konzert und mit neuem Sound zurück auf Schweizer Boden. Trotz der Exklusivität, dem Power und der Leidenschaft des Konzertes, der im Jahre 2010 gegründeten Gruppe, war der Mühleplatz nicht so voll wie an anderen Abenden. “Heisskalt” ist eben eine Perle, die von den Musikliebhaberinnen und – liebhabern zuerst entdeckt werden muss. In diese Kategorie gehören auch “Fish Nor Fowl”, welche als Vorgruppe von “Heisskalt” gerockt haben. Die vier jungen Lokalmatadoren spielten an der Regionaltonwoche 2013 im Mokka und konnten sich dadurch diese Spielzeit ergattern – und damit hoffentlich auch einige Facebook-Likes, denn: Erst magere 163 Personen haben den “Gefällt-Mir“-Knopf betätigt.

Sportliche Abkühlung

Schnell wird klar, so lebt es sich gut: In der Badi die Sonne geniessen, Glacé schlecken und sich selbst beim Braun werden zusehen. Nichts davon wollen die Wasserratten auf Thuns Brücken wissen, sie überbieten sich gegenseitig mit spektakulären Spüngen ins kühle Nass. Wer sich nach der heutigen Abkühlung bereits wieder nach heisseren Temperaturen sehnt, kommt hier auf seine Kosten.

…doch dann kam Kubo

In der ersten Halbzeit kam das Heimteam nur durch stehende Bälle zu Chancen. Thun dagegen zeigte tollen Kombinationsfussball und wurde zweimal durch YB-Leihgabe Josef Martinez gefährlich. Nach 25 Minuten zappelte der Ball im Netz hinter YB-Schlussmann Marco Wölfli. Martinez schlenzt den Ball gefühlvoll in die rechte Torecke, Verteidiger Veskovac agierte zu zaghaft und liess den jungen Venezolaner gewähren. YB wirkte kurz geschockt, doch kämpfte sich das Team von Trainer Uli Forte zurück. In der 33. Minute hätte Zarate nach einem verunglückten Schuss von Frey nur noch einschieben müssen, aber der Ball rutschte ihm weg. Nur zwei Minuten später, nach einem katastrophalen Rückpass von Zverotic, holte sich Martinez den Ball vor Wölfli und passte mustergültig auf Marco Schneuwly, der nur noch einschieben musste. Somit hiess das Halbzeitresultat 0 – 2 aus Sicht der Stadtberner.

 

YB drückend überlegen

Nach der Halbzeitpause wurde es richtig laut im mit 20-˜300 Zuschauern gut besetzten Stade de Suisse. YB powerte. Der zu Wideranpfiff eingewechselte Kubo brachte viel mehr Schwung in die YB-Offensive als der heute blasse Renato Steffen. Kubo brachte aber nicht nur Schwung, sondern nach 54 Minuten auch den Anschlusstreffer. Nuzzolo zog nach einem Weltklasse-Querpass von Michael Frey volley ab, Thun-Keeper Moser hielt, doch dem Nachschuss von Kubo konnte er nur noch nachschauen.

Thun ist zu diesem Zeitpunkt ohne Chance. In der 56. Minute konnte einzig Siegfried Gefahr verursachen. Erst luchste er Veskovac den Ball ab, dann schoss er Torhüter Wölfli aber mitten in die Hände. Der in der ersten Halbzeit noch so starke Martinez war kaum mehr zu sehen.

In der 64. Minute kam der zweite grosse Auftritt des jungen Japaners: Yuya Kubo schoss auf das Tor von Thun, Moser lässt abprallen und will nachfassen, doch Raphael Nuzzolo schnappt sich den Ball, überlässt ihn Kubo, der aus spitzem Winkel aufs leere Tor schiessen kann. Der Ausgleich versprach eine packende Schlussphase.

 

Die Torumrandung unterstützt YB

Thun reagierte gefasst, doch  die YB-Abwehr liess sich nach dem Ausgleich nicht mehr überrumpeln. Bis auf einmal die Latte hinter Wölfli erzitterte. Luca Zuffi zog aus ungefähr 25 Metern ab, und beinahe gelang ihm das erneute Führungstor für die Thuner.

Moreno Costanzo erlöste YB jedoch in der 73. Minute. Er überlistete den sonst starken David Moser mit einem präzisen Weitschuss, welcher via Pfosten den Weg ins Tor fand. Das Stadion war aus dem Häuschen. YB hatte eine Wende herbeigeführt, an die auch mit Blick auf die vergangene Saison niemand mehr so richtig zu glauben wagte. In der verkorksten letzten Saison hatten die Berner oft verunsichert auf einen Rückstand reagiert und gingen meist auch als Verlierer vom Platz. Heute jedoch verteidigten die Stadtberner ihre Führung souverän und gewannen zum Schluss mit 3 zu 2.

 

Trotz Sieg Unzufriedenheit

Steve von Bergen, der Abwehrchef von YB,  fand nach dem Spiel passende Worte: “Wir können nicht zufrieden sein mit der Leistung, aber dürfen uns trotzdem über die 3 Punkte freuen.” Weiter sagte er noch, dass man das heutige Spiel, vor allem die erste Halbzeit,  gut analysieren müsse, denn in Zürich dürfe man sich das nicht erlauben. Uli Forte meinte gar, dass eine solche erste Halbzeit nie wieder vorkommen dürfe.

Sportchef Freddy Bickel erwartet nächstes Wochenende einen starken FCZ, den man aber mit einer solch kämpferischen Leistung wie in der 2. Halbzeit schlagen könne.

Von einer bitteren Niederlage sprach Urs Fischer, Trainer des FC Thun. “Der Schuss von Zuffi hätte auch reingehen können und derjenige von Costanzo ins Aus.”

Zum Davonschwimmen

“Wir haben keinen Spass mehr, Zeit miteinander zu verbringen”, gab Frontfrau Jaël Malli dem “Bund” Auskunft. Ein Andenken geben die drei Musiker ihren Fans allerdings noch – Ende Sommer erscheint ihr allerletztes Album unter dem Titel “Encore”, was frei übersetzt “Zugabe” bedeutet. Eingespielt haben Sängerin Jaël und ihre beiden Mitmusiker die Lieder allerdings nicht zusammen: Jaëls Ex-Lebensgefährte und Gitarrist Luk Zimmermann wirkte in seinem Studio in Berlin, während die Bernerin und Lunik-Bandmitglied Cedric Monnier (Keyboard) in der Schweiz an der Scheibe arbeiteten.

 

Wasser marsch

Bevor der letzte Akkord der Band verklingt, stehen für das Trio noch vier Konzerte auf dem Programm. Das Erste davon fand am Sonntagabend im Rahmen des Festivals “Am Schluss“ in Thun statt. Schon zu Beginn des Konzertes war die nachdenkliche Stimmung von Jaël spürbar: “Heute Morgen bin ich kaum aus dem Bett gekommen. Die letzten Tage haben mich enorm mitgenommen”, gab die 33-Jährige zu. “Ein Sprung in die Aare konnte meine Laune aber spürbar anheben”, fuhr die Musikproduzentin und Songwriterin fort.

Treffend zu ihrer Morgenaktivität hat sie sich in ein Meerjungfrau-ähnliches, blaues Kleid geworfen und die Augen im selben Ton geschminkt. Auch das Wetter passte zur Stimmung: Den ganzen Tag regnete es, was auch einen Soundcheck unmöglich machte. So mussten die Männer hinter dem Technikerpult während dem Gig kräftig rumschrauben, bis die Musiker mit dem Sound ihres Instrumentes zufrieden waren. Trotz diesen Bemühungen ging der Klang der beiden Streicher, welche die Band an diesem Abend begleiteten, unter.

 

Zum Glück meldet der Wetterbericht für die restlichen Konzertabende Sonnenschein, was sich sicher nicht nur auf die Tonqualität, sondern auch auf die Laune der Menschen positiv auswirken wird. Am Montagabend steht dann die schrille Zürcherin Evelinn Trouble mit ihrer Elektro-Rock-Musik auf der Bühne an der Aare.

Party trotz Standpauke

Benutzt wurde das Mischpult gleich von drei verschiedenen Schweizer Hip-Hop-Künstlern. Den Abend eröffnen durfte “Boys On Pills” – Mitglied Jonny Bunko. Er heizte das junge Publikum kräftig auf für das darauffolgende Konzert der Berner Jungs von “Fygeludi”. Für die drei Hip-Hopper von Fygeludi war ihr Gig ein Warmlaufen auf Thuner Boden, denn Ende Jahr werden sie in der Café Bar Mokka ein Klubkonzert spielen. Dies aus Anlass ihres im August erscheinenden Albums “Jesses”, von dem sie bereits einige Songs vorstellten. Die Stücke stiessen auf Begeisterung, mit ihren berndeutschen Texten scheinen die Hip-Hopper genau den Nerv der jungen Generation zu treffen.

 

Abgeschlossen wurde die Performance von “Fygeludi” – was im Altberndeutschen soviel wie “prächtig zurecht gemacht” heisst – mit einer Standpauke vom “Am Schluss”-Organisator und Mokka-Chef Pädu Anliker persönlich. Ihm entging nicht, dass ein Grossteil der Besuchenden ihr Bier selbst mitbrachte und nicht fachgerecht entsorgte. Er bezeichnete die Musikfans als “huereverdammti tschankigseuschaft”. Obwohl diese Worte durch Anlikers Stimme nicht sehr böse klangen, schien die Botschaft anzukommen. Anliker ist und bleibt – unmotiviert klingender Tonfall hin oder her – eine Respektperson.

 

Nach einer kurzen Umbauphase schlossen die “Chlyklass Allstars” den von Beats und hochgehobenen Händen geprägten Abend ab.

Von Stimmungsmachern und Spassbremsen

Bereits am frühen Nachmittag füllte sich das Festivalgelände. Auf der Hauptbühne hatte die aus den USA kommende Alternative-Rockband Beware The Darkness ihren Auftritt. Ihr Sänger Kyle Nicolaides fiel durch seine ungewöhnlich helle Stimme auf. Das Interesse der Zuschauer am Auftritt war allerdings gering. Der vordere Bereich wurde nur mässig von Zuschauern gefüllt. Viele Anwesende hielten sich abseits auf dem Rasen auf, unterhielten sich miteinander, schliefen oder hörten nur nebenbei zu. Anders als beim Black Rebel Motorcycle Club Konzert vom Donnerstag, spielte das Trio aber mit Freude an der Sache.

Als nächstes bot die Basler Indie Band We Invented Paris melancholischen und gemächlichen Pop auf der Waldbühne. Ihre Musik animierte zum verträumen Herumsitzen und -liegen.

 

Um 19:15 Uhr spielten die englischen Synthie-Popper Hurts, welche in nur vier Jahren einen kometenhaften Aufstieg hingelegten. Die Musik ist von den Genre-Vorreitern Depeche Mode inspiriert. Die Jungs waren sichtlich angetan vom Berner Publikum. Der Sänger Theo Hutchcraft warf zwischendurch ein paar gelbe Rosen ins Publikum. Dieses bedankte sich mit kräftigem Mitsingen der Radiohits wie “Wonderful Life”, “Miracle” oder “Somebody to die for”.

 

The not so smashing Pumpkins

Irgendwie schien die Hauptbühne mit einer Art Fluch behaftet zu sein. Entweder war die Stimmung ausgelassen oder ganz und gar zurückhaltend. Letzteres traf bei den Headlinern “The Smashing Pumpkins” zu. Diesmal lag es aber eher an der Band als am Publikum. Die Pumpkins feierten in den 90igern riesige Erfolge, lösten sich aber im Jahre 2000 auf. Bis zur Reunion vergingen acht Jahre. Den Ruf einer stimmungsvollen Liveband haben die 1987 gegründeten Rocker aus den Staaten eher nicht. An der Musik lag es nicht, diese war atmosphärisch und melancholisch. Die Gründe für die fehlende Begeisterung lag an der mangelhaften Kommunikation mit dem Publikum. Bis zum Konzertende wurde nur stur ein Stück nach dem anderen herunter gespielt. Der Auftritt gehörte zu einem der Stimmungstiefpunkte des Festivals.

 

Das Publikum im Griff

Die Französin ZAZ hatte am Sonntagnachmittag ihren Auftritt. Mit ihrer fröhlichen und mitreissenden Art brachte sie die Anwesenden in Stimmung. Die Mischung aus ruhigen Chansons und soulig angehauchten Nummern trafen exakt den Geschmack des Publikums, was die Künstlerin sehr berührte.

Auf der Zeltbühne spielten später Imagine Dragons. Die Band verzeichnete in relativ kurzer Zeit grossen Erfolg, unter anderem dank des Songs “Radioactive“, welcher 2012 das Titellied zum Videospiel “Assassin’s Creed III” wurde. Die Dragons schafften es, ihre Anhängerschaft früh mitzureissen und das Zelt zu füllen. Die Band spielte sich in einen wahren Rausch: Der Frontmann Dan Reynolds suchte immer wieder Kontakt mit dem Publikum. Die Show endete mit dem kollektiven Mitsingen des Songs “Radioactive”.

Etwas später wurde auf der Zeltbühne die Britin Alex Hepburn mit herzlichem Applaus empfangen. Die anfängliche Schüchternheit legte sich im Verlauf ihres Auftritts. Die Performance ihrer Soul- und Blues Songs wurden vom Publikum wohlwollend aufgenommen.

 

Festivalende mit Besucherrekord

Als letzter Headliner betraten die Hip-Hopper Die Fantastischen Vier aus Stuttgart, zusammen mit einem Orchester, die Hauptbühne. Die Jungs beteuerten, es sei “schön, wieder daheim zu sein”. Kein Wunder, Die Fanta 4 hatten bereits ihren vierten Festivalauftritt am Berner Hausberg und könnten fast schon selber ein Gurtenjubiläum feiern.

Die verbliebenen Zuschauer hatten nach dem Konzert der Stuttgarter die Wahl zwischen den Glamrockern The Darkness und dem Schweizer Komiker Müslüm . Mit diesem Programm endete die Jubiläumsausgabe.

Die Veranstalter ziehen ein positives Fazit und freuen sich über den neu aufgestellten Besucherrekord. Ob das cashless System beibehalten wird, darüber sind sich die Organisatoren noch nicht einig. Sicher ist aber das Datum des 31. Gurtenfestivals: Es findet nächstes Jahr vom 17. bis 20. Juli statt.