Gesellschaft | 15.06.2013

Zurück aus der Stille

Text von Irene Unholz | Bilder von Diana Berdnik)
Von einem Moment auf den andern herrscht Stille. So erging es dem inzwischen achtjährigen Andreas. Dank eines Cochlea-Implantates fand er wieder zurück in die Welt der Klänge.
Ein Stück Technologie dient als Gehör - nur nass werden darf es nicht. (
Bild: Diana Berdnik)

Mittwochnachmittag, die Sonne scheint, Andreas, acht Jahre alt, steigt gut gelaunt ins Auto. Wie jede zweite Woche besucht er heute die Ergotherapie. Während der Fahrt wird über Fussball geplaudert, seine Mutter will ihm einige Rechenaufgaben stellen, doch er versteht sie aufgrund des Verkehrslärms nicht. Wenige Minuten später sind wir schon am Ziel, im Therapiezentrum.

 

Das Ohr trainieren

Das von aussen unspektakulär wirkende Haus bietet im Innern mindestens so viel wie eine Turnhalle: Matten, Sprossenwände, bunte Bälle. Doch wo es aussieht wie in einem Spielparadies, wird heute hart trainiert. Innert wenigen Minuten verändert sich der Raum in einen Schiffshafen mit Pirat Andreas als Kapitän. Heutige Mission: Entenjagd. Von seinem Schiff – einer Hängematte – aus zielt er trotz viel Rumgezappel und einer stürmischen Fahrt geschickt auf die Kegel und wird von seiner Ergotherapeutin gelobt. “Unser Ohr dient nicht nur dazu, dass wir etwas hören, es ist auch ein Gleichgewichtsorgan. Deshalb ist es wichtig, auch dies bei Andreas zu trainieren”, erklärt währenddessen seine Mutter.

 

Als Nächstes übt sich der Seemann im Knüpfen von Seilen. Die Anleitung dazu findet er in einem Buch. Diese Übung benötigt einiges an räumlicher Vorstellungskraft. Kapitän Andreas meistert sie mit Bravour. Nun klebt er die Knoten auf ein Blatt Papier und schreibt ihre Namen in Schnürlischrift dazu. Der Meistersegler freut sich bereits, das  Werk seinem Vater zu zeigen. Der Therapeutin ist es wichtig, das Lernen mit Spass zu verbinden. Zu Andreas’ grosser Enttäuschung liegt heute kein Rollenspiel mehr drin. Dafür reicht es noch für “Wer ist wer?”, ein Spiel, das vor allem genaue Beschreibungen und gutes Zuhören verlangt. Nachdem er dreimal in Folge gewonnen hat, ist Andreas-˜ Laune wieder fröhlich. Auf dem Rückweg zum Auto werden bereits Pläne für zu Hause geschmiedet.

 

Ein Unglück kommt selten allein

Als Andreas zur Welt kam, hörte er wie jedes andere Kind. Er liebte es, den Melodien seiner Spieldose zu lauschen. Doch schon bald, im Alter von vier Monaten, war seine  Freude daran plötzlich verschwunden. Er weinte und weinte. “Uns war schnell klar, dass etwas nicht stimmte”, berichtet seine Mutter. Kurz darauf wurde die Diagnose gestellt. Er hatte einen Gehörsturz erlitten, eine Schnecke des Innenohrs, die Cochlea, funktionierte nicht mehr richtig. Von diesem Zeitpunkt an hätten knallrote Hörgeräte seine Ohren geschmückt, daran kann sich Andreas’ Mutter noch genau erinnern. “Andreas hat das Sprechen und Hören erlernt und seine Freude an der Musik zurückgewonnen.”

 

Doch im Sommer 2008 traf ihn ein weiterer Schicksalsschlag: Ein zweiter Gehörsturz. Dieses Mal sei seine linke Gehörschnecke ganz kaputt gewesen, erzählt die Mutter. Zum Glück ist die Technologie inzwischen weit entwickelt. So wurde ihm in Zürich durch eine mikrochirurgische Operation mit einen kleinen Schnitt hinter dem Ohr eine Elektrode eingepflanzt, ein Cochlea-Implantat. Solche Implantate werden seit den frühen Achtzigerjahren regelmässig bei gehörlosen Patienten eingesetzt. Seither konnte weltweit bereits über 50-˜000 Menschen geholfen werden.

 

Darauf erlernte Andreas in rekordverdächtig kurzer Zeit wieder zu sprechen und zu hören. Seine Eltern sind sehr stolz auf ihren Sohn: “Durchschnittlich dauert das etwa drei Jahre, Andreas beherrschte die Sprache bereits nach zwei Jahren wieder.”

 

Auch mit den Augen hören

Dank dem Cochlea-Implantat links und einem Hinterhörgerät rechts kann Andreas die zweite Klasse in einem kleinen, übersichtlichen Schulhaus besuchen. “Besonders gerne gehe ich in den Sportunterricht”, erzählt er. “Die anderen Kinder verhalten sich sehr tolerant ihm gegenüber”, freut sich die Mutter. “Nur wenn er bei Regenwetter einen Skihelm anzieht, um mit seinem Trottinett zur Schule zu fahren, lachen ihn die einen oder anderen aus. Aber die Hörgeräte dürfen auf keinen Fall nass werden.” Trotzdem nimmt Andreas am normalen Schwimmunterricht teil und hat auch daran viel Freude. Die Hörgeräte müssen zwar in der Garderobe warten, aber Andreas kann auch mit den Augen hören. Er erklärt: “Durch Lippenlesen und Schauen, was meine Mitschüler tun, weiss ich fast immer, was die Schwimmlehrerin von uns verlangt.”

 

Sein Leben ist anstrengend. Die Hörgeräte sind zwar eine grosse Hilfe, trotzdem muss sich Andreas sehr konzentrieren, um alles zu verstehen. Und nach der Schule ist sein Tagesprogramm meistens noch nicht zu Ende. Weitere Termine warten: Audiopädagogik, Logopädie, Ergotherapie. “In der Freizeit treffe ich mich gerne mit meinen Freunden und sonntags schaue ich mir die Sendung mit der Maus an”, erzählt Andreas. Zudem besucht er voller Elan jeden Donnerstag seine Akkordeon-Stunde. Obwohl er nicht hundertprozentig hört, bemerkt er, wenn ein Ton daneben geht – er spürt die Vibration. Auch das Telefonieren und das Hören von Kassetten bereiten ihm kaum Probleme. Allerdings kann er die Hörspiele nicht zum Einschlafen abspielen. Bevor er ins Bett geht, legt er seine Hörgeräte ab, um sie am nächsten Morgen nach dem Aufstehen als Erstes wieder zu montieren. “Stören tun sie mich eigentlich nicht. Wenn ich  sie jeweils eine Weile getragen habe, spüre ich sie kaum noch”, erklärt Andreas.

 

Inzwischen sind die Wassergläser leer und wir erheben uns. Andreas, der Gehörlose, der dank moderner Technologie trotzdem hört, begleitet mich mit seinem schicken Velo ein Stück weit auf meinem Heimweg. Danach erwarten ihn seine Hausaufgaben und seine Leidenschaft, das Akkordeon.