Gesellschaft | 26.06.2013

Zu Besuch bei Studierenden in Bosnien

Text von Andreas Rüegg | Bilder von Andreas Rüegg
Zwanzig Studierende der Sozialen Arbeit von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) reisten im Rahmen einer Studienreise nach Tuzla. Die Industrie- und Studentenstadt, welche im nordöstlichen Teil von Bosnien und Herzegowina liegt, war Treffpunkt eines Austausches mit Studierenden des gleichen Studiengangs von der Universität Tuzla.
Die ländliche Idylle in Bosnien-Herzegowina trügt: Das Land hat seit Kriegsende 1995 mit vielen sozialen Problemen zu kämpfen.
Bild: Andreas Rüegg

In Bosnien und Herzegowina, ein Teilstaat des ehemaligen Jugoslawiens, wurden in der Hauptstadt Sarajevo 1984 noch feierlich die olympischen Winterspiele ausgetragen. Der Krieg, der von 1991 bis 1995 wütete, war auf bosnischem Gebiet am schlimmsten. Muslimische Bosniaken, die christlich-orthodoxen Serben und römisch-katholische Kroaten tun sich bis heute schwer damit, im selben Land zu leben.

 

Als unser Bus von Serbien die bosnische Grenze überquert, sind aber keine Spuren eines Kriegslandes zu sehen: satte grüne Wiesen, Familienhäuser mit Gemüsegärten, an den Wäscheleinen draussen hängt Wäsche. Die Fassaden stehen meist ohne Verputz da, der ist bei einer Arbeitslosenquote von geschätzten fünfzig Prozent jedoch Nebensache.

 

Viele soziale Probleme und keine Arbeit für Sozialarbeitende

Die grossflächig um die Häuser angelegten Schrebergärten dienen der Selbstversorgung, erzählt mir Selma, eine bosnische Studentin und Begleiterin und meint: “Ja, das ist Bosnien. Es dreht sich immer noch alles um die Landwirtschaft.” Es ist eine Aussage, die keineswegs romantisch zu verstehen ist. Denn Selma und die anderen bosnischen Studierenden, welche uns ihre Gastfreundschaft erweisen und mit denen wir uns rege austauschen, sie werden ihr Sozialarbeits- oder Sozialpädagogikstudium in einem Jahr abschliessen. Ihre Chancen, dann einen Job im eigenen Land zu finden, sind gleich null.

 

Ein Umstand, der die Studierenden niedergeschlagen und gleichzeitig wütend werden lässt. Denn in ihrem Studium setzen sie sich intensiv mit den zahlreichen sozialen Problemen des Landes auseinander: die Arbeitslosigkeit, die Problematik der vereinsamten alten Menschen, viele Personen mit Kriegstraumata, die nie professionelle Hilfe erhalten haben und eine stark steigende Zahl von Vorfällen häuslicher Gewalt als Folge davon.

 

Ich spüre wie motiviert und kritisch diese jungen Leute sind. Einer bosnischen Studentin, wir unterhalten uns auf Englisch, gebe ich den Tipp, wo sie in England ein Praktikum absolvieren könnte. Sie antwortet mir: “Aber ich will gar nicht weg. Ich will hier in Bosnien arbeiten und eine Familie gründen.”

 

Ein nicht handlungsfähiger Staat

“In Bosnien erlischt langsam die Hoffnung, dass sich etwas verändern wird”, ist die Aussage eines bosnischen Dozenten auf die Zukunft des Landes angesprochen. Die Politiker halten ein nicht funktionierendes, korruptes System aufrecht, welches ihnen persönliche Vorteile bringt. Die Regierung im Land teilt sich in drei ethnischen Gruppen auf, so kann zumindest die Waffenruhe seit dem Dayton-Abkommen der USA und der UNO aufrechterhalten werden. Aber eine handlungsfähige Regierung ist das nicht.

 

Wie konnte der Geist verloren gehen, der im Gebiet um Sarajevo seit Jahrhunderten ein Nebeneinander von Religionen und Glaubensrichtungen ermöglicht hatte? Moscheen, Kirchen und Synagogen wurden in Sarajevo nicht weit voneinander entfernt erbaut und die Stadt wird wegen dieser Besonderheit gerne mit Jerusalem verglichen.

 

Mit den bosnischen Studierenden zusammen besuchen wir soziale Einrichtungen im Kanton Tuzla. Ein Waisenhaus, eine ambulante Psychiatrie, ein Massnahmenzentrum für delinquente Jugendliche, ein Traumatherapie-Zentrum und eine Selbsthilfeorganisation von Kriegsveteranen. In den Organisationen treffen wir Sozialarbeitende. Sie arbeiten volontär. Ihre Hoffnung ist, irgendwann eine bezahlte Anstellung zu erhalten. Doch Geld ist augenscheinlich kaum vorhanden. Das Sozialamt hat seit einem halben Jahr kein Geld erhalten, um ihre Klienten finanziell unterstützen zu können.

 

Filteranlage abgestellt

Mit einem Reisebus fahren wir zu einem nahe gelegenen Stausee. Der Blick vom Restaurant auf den See ist traumhaft. Ein Holzsteg führt an den Strand. Doch das blaue Wasser trügt. Weil der See vergiftet ist, ist das Baden streng verboten. Über den See führt eine industrielle Seilbahn. Wir hören die Geschichte, dass eine staatliche Zementfabrik industriell genutztes Wasser ungefiltert in den See ableitet. Eine Kläranlage haben sie, doch diese werde wegen der Energiekosten nicht eingeschaltet. Dies erzählt uns eine Umweltaktivistin. Auf Berichte von NGO’s hin kontrollierte ein Staatsbeamter die Anlage und bescheinigte, dass alles korrekt sei. Gut für das Land und die Bevölkerung und deren Gesundheit ist das nicht. Immer wieder enden die Gespräche dieser Woche konsternierend damit, dass dies halt eine Sache der Politik sei.

 


Die Studienreise

Eine Gruppe von zwanzig Studierenden der FHNW Soziale Arbeit waren in der ersten Juniwoche auf einer sozialpolitische Studienreise in Bosnien-Herzegowina unterwegs. Fünf Tage lebten sie mit einheimischen Studierenden im Studentenwohnheim der Universität Tuzla. Begleitet wurden sie von ihren Dozentinnen Myriam Eser und Barbara Schürch, welche die Kontakte zur bosnischen Hochschule der Universität Tuzla sowie zu Entwicklungshilfeorganisationen im Land über Jahre hinweg aufgebaut haben. Finanzielle Unterstützung erhielt das Projekt von der Stiftung 3FO, die sich u.a. für die Schaffung von Lernräumen zur Kooperation und Konfliktbewältigung engagiert.