Gesellschaft | 27.06.2013

“Wir feiern die Gleichwertigkeit der Arbeit”

Text von Jutta Galizia | Bilder von Jutta Galizia.
Das Tauschnetz ist ein Ort, wo man Dienstleistungen erwerben kann ohne dafür zu zahlen. Tink.ch-Reporterin Jutta Galizia hat Urs Häner im Tauschtreff besucht und von Initiator Urs Häner erfahren, was Kapitalismus mit polnischen Kochrezepten zu tun hat.
Initiator Urs Häner vom Tauschtreff in Luzern will eine Ergänzung bieten zum kapitalistischen System.
Bild: Jutta Galizia.

Wie funktioniert das Tauschnetz?

Wir tauschen auf der Grundlage von Zeit. Eine Stunde ist eine Stunde und damit ist eigentlich schon der Begriff der Wertigkeit gegeben. Das heisst, dass bei uns jede Tätigkeit gleich viel wert hat. Die Stunde, die man dafür aufwendet wird einem auch vergütet. Das Prinzip ist einfach. Wenn ich jemandem die Haare schneide und zwei Stunden dafür brauche, muss der mir diese zwei Stunden auf mein Konto überweisen. Mit den erhaltenen Stunden kann ich anderswo eine Dienstleistung beziehen. Wir feiern also die Gleichwertigkeit der Arbeit. Wichtig ist, dass die Leute, die etwas anbieten und die, die etwas suchen einander finden. Dazu bieten wir eine Plattform.

 

Und wenn der Andere gar nichts hat, was mir nutzt?

Man muss nicht hin und retour tauschen, denn wir sind ein Vieleck. Wenn ich jemandem Sprachunterricht gebe, heisst das nicht, dass der dann mein Velo flicken muss.

 

Dann ist Zeit eine Art Kapital?

Zeit ist die Währung. Im Moment ist ja die politische Debatte am brodeln, in der sich die Frage stellt, ob jemand so viel mehr verdienen darf als jemand anderes? Im heutigen Geldsystem ist das möglich und dadurch spaltet sich die Gesellschaft. Das wollen wir nicht!

 

Wer fühlt sich denn vom Angebot des Tauschtreffs angesprochen?

Was uns ein bisschen fehlt, ist eure Generation. Das hat auch damit zu tun, dass ihr natürlich in wechselnden Situationen seid und in der Ausbildung. Aber es spricht nichts dagegen, das Tauschen nicht trotzdem zu probieren. Die meisten Tauschenden sind zwischen 35 und 55. Dann gibt es noch die ganz Alten, die einfach sehr viel Zeit haben. Aber das Engagement von den Jungen nehmen wir mit offenen Armen entgegen. Wir habe keine Altersbegrenzungen.

 

Gibt es denn Menschen, die sich voll aus dem Geldsystem ausklinken und nur noch tauschen?

Nein, das Tauschen ist einfach eine Ergänzung zum bestehenden System. Es hat schon die kritische Pointe gegenüber dem Geldsystem aber einen Ausstieg, dazu motiviere ich die Leute nicht. Ich weiss, dass die Leute ihre Sozialversicherungen brauchen und dass unser Tauschnetz zurzeit nur eine minimale Ergänzung zum vorherrschenden System ist. Es sind etwa tausend Stunden, die im Jahr getauscht werden und das ist nicht so viel.

 

Dann kann das Tauschnetz noch wachsen?

Ja, es könnte noch viel mehr sein. Wir versuchen es immer wieder zu aktivieren. Aber wir sind infiziert vom Geldsystem, wo wir Dinge nur tun, um mehr zu verdienen. Deswegen ist es super, wenn wir die Idee des Tauschnetzes unter den Jungen verbreiten können. Denn ich glaube schon, dass es auch ein Modell für eine Weltanschauung ist. Die Gleichwertigkeit der Arbeit ist in unserer Gesellschaft überhaupt nicht vorhanden. Gerade sie ist bei uns im Tauschnetz die grosse Voraussetzung.

 

Wie muss man sich so ein Tauschtreff vorstellen?

Wir sind nicht nur ein Verein, der es ermöglichen soll, zu tauschen, es ist auch ein sozialer Anspruch dabei. Die beiden dort an der Theke (zeigt ans andere Ende des Raumes, Anm. d. Red.) zum Beispiel sind gerade dabei diesen sozialen Kontakt zu knüpfen. Er erzählt ihr von seinen polnischen Rezepten und damit kann vieles beginnen, vieles passieren. Vielleicht bittet sie ihn ein polnisches Nachtessen zu kochen für ein Fest und schon sind die beiden im Geschäft. Deswegen bieten wir jeden Monat den Tauschtreff an, wo Leute sich finden können.

 

Mit welcher Überlegung?

Jeder und jede gibt, jede und jeder nimmt und alle profitieren davon. Es geht darum, dass die Zirkulation in Gang kommt. Wir versuchen die Talente der verschiedenen Mitglieder in den Austausch zu bringen. Wenn jemand den Garten machen kommt trinkt man noch einen Tee zusammen berichtet über dieses und jenes. Dann kann man nicht sagen, diese halbe Stunde solle auch verrechnet werden. Von dem her ist es ein ganz neuer Umgang mit Zeit. Es ist ein Problem in der heutigen Gesellschaft, dass viele sagen,: “Ich habe ja gar keine Zeit. Bei mir ist ja sonst schon alles voll, wie soll ich da mit einem wenig vorhandenen Gut wie Zeit tauschen?” Ich sage dann immer: “Das ist eine reine Sache der Organisation.” Wir alle haben 168 Stunden in der Woche, man muss nur entscheiden, was man wann macht. Insofern ist es eine schlechte Ausrede, wenn man sagt man habe keine Zeit.