Kultur | 17.06.2013

Schlimmer als Hunger im Bauch

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von zvg
Zeitgleich zur Kunstmesse Art versammelten sich letzte Woche Theater-Jugendensembles aus der ganzen Schweiz zum Theaterfestival "Spiilplätz" in Basel. Im Rahmen von Spiilplätz wurde letzten Donnerstag auch zum dritten und letzten Mal das von der Studentin Alina Rohrer verfasste Stück "Hunger im Herz" vom Jugendclub des Theaters Basel gespielt.
Die 21-jährige Studentin Alina Rohrer brachte mit "Hunger im Herz" im Rahmen von Spiilplätz ihr erstes Stück auf die Bühne.
Bild: zvg

Stickig ist es an jenem Donnerstagnachmittag im belebten Foyer des Schauspielhauses Basel. Die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen dicht gedrängt auf provisorisch eingerichteten Stuhlreihen und selbst der Bar-Tresen, auf dem während regulärer Aufführungen Getränke ausgeschenkt werden, ist bereits von Besuchenden als Sitzfläche in Beschlag genommen worden. Mit einfachen aber wirkungsvollen Mitteln wurde ein Teil des einstigen Bar- und Loungeraums vom Ensemble des Jungen Schauspiels in einen Bühnenraum umfunktioniert: Silberne Abdeckfolie, ein Krankenbett, ein Nachttisch mit Tupperware- Boxen und eine inmitten der Zuschauerreihen plazierte Badewanne bilden das gesamte Bühnenbild und suggerieren eine sterile Krankenhausatmosphäre.

 

Hungrig nach Leben

Tatsächlich spielt die Handlung des Erstlingswerks der Stückschreiberin Alina Rohrer gesamthaft in der fiktiven psychiatrischen Anstalt R. Die Hauptfigur Rike B., eine unauffällige 18-jährige Gymnasiastin mit dichterischer Neigung wurde wegen eines kannibalischen Übergriffs auf eine Mitschülerin in die Klinik eingewiesen und gerät dort rasch mit der autoritären Oberärztin und deren zweifelhaften Verhörmethoden in Konflikt.

 

Das Stück beleuchtet in eindringlicher Weise den zunehmenden, mentalen Verfall der unglücklichen Rike, die sich über das Motiv ihrer Tat selbst nicht im Klaren zu sein scheint und sich dabei nichts sehnlicher wünscht, als einfach nur zu schlafen und die Welt um sich herum ausblenden zu können. Gleichzeitig übt “Hunger im Herz” auch bissige Kritik am Anstaltswesen anhand jener ominösen Klinik R., welche sich nach Aussen als Wohlfühloase und Wellnesstempel für die gesamte Familie präsentiert, im Innern jedoch moralisch fragwürdige Methoden praktiziert, um die unkooperative Patientin Rike und das eigene Personal gefügig zu machen.

 

Subversiv muten auch die vereinzelten Musical-Einlagen des betont sexy auftretenden Ärztinnenquartetts an, welches beispielsweise die unter Schlaflosigkeit leidende Gymnasiastin zu den betörenden Klängen des 50er-Jahre-Hits “Mr. Sandman, bring me a Dream” der Chordettes umgarnen.

 

Liebe als grosse Inspiration

“Hunger im Herz” ist als Bühnenstück in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit. So handelt es sich nicht um das Werk eines bereits arrivierten Bühnenautors, sondern um das erste selbstverfasste Stück einer 21-jährigen Studentin, welche sich seit Jahren im Schauspiel engagiert. Alina Rohrer verfasste den Text im Rahmen einer Autorenwerkstatt am Theater Basel und liess ihn danach erst einmal eine Weile ruhen, bis sich Regisseurin und Studentin Rebekka Bangerter des Stoffes annahm. Als primäre Inspirationsquelle gibt die Verfasserin persönliche Erfahrungen während ihrer eigenen Zeit als Maturandin an, als sie selbst während einer Woche unter Alpträumen litt.

 

Ebenfalls von Bedeutung für die Handlung des Stücks ist die Liebe, vor allem die unglückliche Liebe. Trotz Ulrikes abweichendem Verhalten und ihrer Bissattacke auf eine ihr zuvor kaum bekannte Mitschülerin ist die Gymnasiastin auch eine einfache Heranwachsende mit alterstypischen Sehnsüchten und Ängsten. Eine Heranwachsende, die Gedichte liebt und ein ausgeprägtes Gefühl für Ästhetik besitzt. “Gefühle wie Einsamkeit, Hoffnung oder auch hoffnungsloses Verliebtsein werden im Jugendalter oft zum ersten Mal bewusst wahrgenommen”, so Alina Rohrer. “Auch beginnen Heranwachsende plötzlich Fragen an das Leben zu stellen und sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen.”

 

Vieles bleibt unausgesprochen

“Hunger im Herz” ist keine leicht verdauliche Kost. Vieles bleibt im Stück bewusst unausgesprochen und ungeklärt, was den Zuschauenden erlaubt, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Ulrikes Motivation für ihre Tat wird nicht abschliessend beantwortet. Der Titel des Stücks mag dabei aber als ein Hinweis fungieren. Ebenso bleibt am Ende in der Schwebe, ob die Gymnasiastin jemals aus dem Koma erwachen wird, in das sie aufgrund der fährlässigen Behandlung der Oberärztin gefallen ist. Mit einem Restgefühl an Beklommenheit werden die Zuschauenden schliesslich aus dem Stück entlassen. Plötzlich herrscht im Foyer wieder geschäftiges Alltagstreiben. Normalität kehrt ein. Innert kürzester Zeit fallen sowohl das Bühnenbild als auch die Stuhlreihen der allgemeinen Aufräumaktion zum Opfer und die letzten Nachzügler verlassen den nun erstaunlich kahl wirkenden Raum.