Kultur | 21.06.2013

“Mit warmem Herz und kühlem Kopf”

Text von Michael Scheurer | Bilder von Michael Scheurer
Der Regisseur und Kameramann Mano Khalil erzählt im Dokumentarfilm "Der Imker" die Geschichte des Kurden Ibrahim Gezer, einem erfolgreichen Imker aus der Türkei, der aus seinem Heimatland in die Schweiz fliehen musste. Der Filmemacher Khalil ist ebenfalls Kurde aber aus Syrien. Der Film wurde unter anderem an den Solothurner Filmtagen mit dem Hauptpreis geehrt.
Mano Khalil hat trotz Hindernissen nicht aufgegeben, Filme zu machen. Der Erfolg gibt ihm Recht.
Bild: Michael Scheurer

Tink.ch: Du sagst, die Lebensgeschichte  von Ibrahim Gezer hat mit deiner eigenen zu tun. Inwiefern?

Mano Khalil: Ibrahim Gezer war ein erfolgreicher Bienenzüchter in der Türkei. Er hat bis zu 18 Tonnen Honig pro Jahr mit seinen Bienen produziert. Aber er ist ein Kurde.

 

Ich habe Filmregie in der ehemaligen Tschechoslowakei studiert und wollte in Syrien, meinem Heimatland, Filme drehen. Einen einzigen Film habe ich dort gedreht. Dann musste ich Syrien verlassen und in ein anderes Land gehen.

 

Du bist dann in die Schweiz gekommen. Wie war das für dich?

In der Schweiz fiel es mir in den ersten Jahren schwer, nicht aufzugeben. Ich habe Syrien verlassen, weil man mich vor die Wahl stellte, entweder Propagandafilme für das Regime zu drehen oder das Land zu verlassen. Und dann bin ich in der Schweiz vor die Wahl gestellt worden, Taxifahrer oder Putzmann zu werden. Man hat mir auf eine Weise schon wieder verboten, Filmemacher zu sein. Sie haben mir nach der Ankunft in der Schweiz gesagt: Mano Khalil, du kannst Taxi fahren oder putzen, dazu brauchst du kein Diplom. Und ich habe gesagt: “Nein! Ich bin aus Syrien geflohen, weil mich das Regime wegen den Filmen gezwungen hat, das Land zu verlassen. Ich werde hier Filme machen.”

 

Ähnlich war’s bei Ibrahim. Er musste ohne seine Bienen flüchten und vieles in seinem Heimatland zurücklassen. Und er hat es nicht hingenommen, vom Sozialamt gezwungen zu werden, als Arbeiter in einer Fabrik zu arbeiten und kämpfte, bis er seine Bienen züchten konnte.

 

Wie muss man sich die Ankunft eines syrischen Filmemachers in der Schweiz vorstellen?

Als Flüchtling kommt man, egal mit welchem beruflichem, sozialem oder sonstigem Hintergrund, als Nummer in die Schweiz. Und egal was ich in meinem Herzen trage oder erlebt habe, niemand kommt mit einem Blumenstrauss und sagt: “Wow, wir haben 100-˜000 Jahre auf dich gewartet. Du bist der Filmemacher, der die besten Filme für unser Land dreht.” Ich wurde in ein Heim gesteckt, wie alle anderen. Dann beginnt ein Kampf mit dir selbst, nicht mit den Behörden. Ein Kampf, damit sich die Nummer in einen Menschen wandelt.

 

Wie hast du diesen Kampf überstanden?

Man muss doppelt so viel Energie in sich selbst investieren, wie alle anderen Menschen in der Schweiz. Man muss es ertragen, sich doof zu fühlen. Besonders wenn man die Sprache am Anfang nicht beherrscht. Viele Menschen sprechen mit einem, wie mit einem kleinen Kind: “Du kommen essen, du gehen schlafen.” Und die zweite Frage lautet immer: “Woher kommst du, Khalil?” Meine Antwort war: “Vom Mars. Nein, ich bin ein Mensch, der auf dieser Welt lebt.”

 

Du hast nicht aufgegeben und deine Filme gedreht. Auch während der sechs Jahre, die du als Putzmann am Schlachthaustheater arbeiten musstest. Warum ist dir der Film so wichtig?

Alle Menschen haben einen Traum. Manche wollen Autorennfahrer werden, andere möchten Anwältinnen oder vielleicht Arzt werden. In Syrien habe ich Jura und Geschichte studiert. Dann habe ich gemerkt, dass dies nicht mein Weg ist. Ich möchte Geschichten erzählen. Das war mir plötzlich sehr wichtig. Mein Ziel war es, Geschichten für unsere Kinder zu erzählen, ich wollte ein Teil unserer kurdischen Kultur mitgestalten.

 

Deshalb studierte ich in der Tschechoslowakei sechs Jahre Film und Regie. Danach wollte ich nach Syrien zurückkehren und dort Filme drehen. Das ist bis jetzt meine Hoffnung, Filme für diese Menschen dort zu drehen.

 

Ist diese Hoffnung nach über sechzehn Jahren in der Schweiz nicht gestorben?

Nein. Wenn ich meine Hoffnungen verloren hätte, hätte ich keinen Grund mehr gehabt, weiterzuleben. Meine Hoffnung ist, dass das Regime bald verschwindet und Syrien ein demokratisches Land wird, in dem Menschen zusammen in Frieden leben.

 

Ob ich in Syrien selbst leben werde, das ist eine andere Frage, die ich nicht beantworten kann. Über die Jahre entwickelt man sich. Und Syrien hat sich auch in eine Richtung entwickelt. Ich bin ein ausländischer Filmemacher, der Schweizer geworden ist. Das würde mir helfen, Kulturen, Religionen, Sprachen und Menschen mit meinen Filmen zusammenzubringen – wenn die Brutalität in Syrien denn stoppen würde.

 

Immer wieder ist im Film zu sehen, wie Ibrahim Gezer auf die Suche nach Arbeit gehen muss. Zwar hat er ein paar Bienenvölker mit einem geschickten Darlehen erwerben können. Für das Sozialamt in der Schweiz ist Imker aber kein Beruf. Warum nicht?

Weil der Gesetzgeber manchmal komisch ist. Jemand, der Tomaten verkauft, kann dies als Beruf ausüben. Er ist ein Bauer oder Gemüseverkäufer. Aber der Gesetzgeber denkt nicht daran, dass ohne die Bienen keine Tomaten verkauft werden könnten. Auch keine Äpfel oder Kartoffel. Nichts. Weil die Bienen für die Bestäubung unersetzlich sind. Eine absurde Situation. Die 50-˜000 Bienen in einem Kubikmeter Bienenkisten sind mitverantwortlich für tausende Tonnen Lebensmittel. Aber man darf Imker nicht als Beruf ausüben. Es ist ein Hobby (lacht), wie wenn jemand Golf spielen geht, das ist auch ein Hobby.

 

Das ist ein Problem der Schweiz. Aber jetzt existieren zwei Filme “More than honey” und “Der Imker”, welche sich mit Bienen auseinandersetzten. Ich glaube, bald werden die Bienen und der Imker-Beruf in der Schweiz ernster genommen.

 

Der Imker ist aber in erster Linie ein Portrait eines Menschen. Wie wichtig sind die Bienen für den Film?

Zu Beginn der Dreharbeiten 2009 habe ich auch viel über die Bienen, das Bienensterben, die Varroamilbe und so weiter gedreht, zusammen mit Ibrahim Gezer. Als ich später gehört habe, dass Markus Imhoof einen Film über das Bienensterben macht, setzte ich die Bienen in den Hintergrund und die Geschichte von Ibrahim Gezer rückte ich ins Zentrum.

 

In einer Szene zeigst du eine Kuh, die ungeniert ihr Geschäft verrichtet. Im Hintergrund erzählt Ibrahim Gezer etwas von Vertrauen. Hast du dir einen Scherz erlaubt?

Ja, vielleicht. Aber eigentlich ist es eine bittere Szene. Ibrahim erzählt, wie schön es in der Schweiz ist, dass Bauern ihre Produkte am Strassenrand zum Verkauf anbieten und darauf vertrauen, dass die Käuferinnen und Käufer bezahlen und ihn nicht beklauen. Es ist eine so einfache Sache. Dann sagt Ibrahim Gezer: “Für eine solche Kleinigkeit in meinem Heimatland brauchen wir noch 500 Jahre.”

 

Wofür steht also die Kuh in dieser Szene?

Es bedeutet für Ibrahim Gezer, dass die Kuh auf sein Heimatland Türkei scheisst, in dem Krieg herrscht. Man pinkelt auf dieses Heimatland, wo der Mensch den Menschen nicht respektiert, wo der Mensch Kinder und Frauen tötet und Häuser in die Luft sprengt.

 

Für mich als Syrer heisst es auch, diese Kuh scheisst auf Syrien, wenn dort das Regime beginnt, Köpfe von Menschen einzuschlagen. Diese Szene zeigt meine eigene Bitterkeit in mir und ist ein Ventil für mich, dieser Bitterkeit Ausdruck zu verleihen.

 

In einem Dokumentarfilm sind oft Momentaufnahmen festgehalten. Man kann sich vorstellen, dass ab und an die Kamera nicht auf perfekter Position war. Musstest du Szenen nachstellen?

Es gibt einen Unterschied zwischen nachgespielten und nachgestellten Szenen. Zum Beispiel beim Kochen sind Szenen nachgestellt und nicht nachgespielt. In diesem Fall macht man mehrere Aufnahmen, wie die Suppe gerührt, probiert, gewürzt und aufgetischt wird. Aber Dialoge sind im Film keine nachgespielt. Dagegen gibt es Szenen, in denen Ibrahim Gezer weinen muss. Das sind Sachen, die sind unwiederholbar. Man kann niemandem sagen, kannst du mir bitte nochmal für die Kamera weinen.

 

Im Film ist zu sehen, wie Ibrahim Gezer sich regelmässig eine kurdische Zeitung kauft, in der jeweils den durch die türkische Regierung getöteten Widerstandskämpfern gedacht wird. Eines Tages ist das Bild seines eigenen Sohnes zu sehen. Wie konntest du in dieser Situation weiterdrehen?

Zusammen mit Ibrahim Gezer haben wir abgemacht, dass ich drehen werde, auch wenn es sehr schlimm sein wird. Er hat mir gesagt, du bist der Chef. Du kannst drehen was du willst. Das war also die Abmachung zwischen uns. Als er vorerst die Nachricht von Bekannten erhielt, dass sein Sohn lebt, dachte ich, wow, dann bringt der Film Vater und Sohn zusammen. Leider hat meine Vorstellung nicht mit der Realität übereingestimmt. Der Sohn wurde drei Wochen später umgebracht.

 

Wie bist du mit dieser Situation umgegangen?

Das war für mich sehr emotional, ich war betroffen. Dann gab es zwei Möglichkeiten: Jetzt werde ich nicht drehen oder ich werde drehen. Und Ibrahim Gezer hat von Anfang an gesagt, dass seine Geschichte erzählt werden soll, egal wie es kommt. Das Vertrauen zwischen uns hat ausgemacht, dass ich in diesem Moment weitergedreht habe.

 

Du hattest also eine Abmachung mit Ibrahim Gezer, dass du unbeschönigt erzählst. Was hatte das für Auswirkungen auf den Film?

Ich fragte Ibrahim Gezer zum Beispiel: “Du schnarchst, wenn du schläfst. Soll ich trotzdem drehen?” Seine Antwort war, dass ich einfach drehen soll. So schläft und schnarcht Ibrahim Gezer also im Film. Aber es ist nicht böse gemeint. Es ist einfach ein Mensch. Alle Menschen schnarchen ab und zu, wenn sie müde sind.

 

Wie hat Ibrahim Gezer den Erfolg des Filmes aufenommen?

Zu Beginn hat er mir nicht zugetraut, dass der Film professionell wird. Er hatte keine Erfahrungen mit Film. Er ist ein Mensch, der die Bienen, die Natur kennt, jeden Stein und jede Pflanze in den Bergen bestimmen kann. Aber er kennt kein Kino. Wahrscheinlich war er in seinem Leben ein oder zweimal im Kino.

 

Wie konntest du ihn dann überhaupt für das Projekt gewinnen?

Zu Beginn wollte er gar nicht mitmachen. Als er erfahren hat, dass ich ein Portrait von ihm machen will und nicht von seinen Bienen und der Problematik des Bienensterbens. Danach hat fast ein halbes Jahr kein Kontakt mehr zwischen uns stattgefunden. Ich konnte ihm aber klarmachen, dass seine Geschichte so speziell ist, dass sie erzählt werden musste.

 

Gab es während den vier Jahren Dreharbeit noch weitere Hürden zwischen dir und dem Protagonisten, die es zu überwinden galt?

Ich glaube, wenn man seinen Protagonisten gern hat, und umgekehrt auch, dann gibt es keine Probleme. Dann verschwindet die Kamera dazwischen. Ibrahim Gezer sagte immer, wenn wir andere Menschen antrafen: “Dass ist Mano, mein Freund, er begleitet mich.”

 

Für den Film habt ihr auch in der Türkei Aufnahmen gemacht. Wie war es euch möglich, in diesem Land zu drehen, ohne die Gefahr zu laufen, als kritischer Filmemacher erkannt zu werden?

Wenn sie gewusst hätten, dass wir einen Film drehen, wären wir unmöglich in die Türkei gelangt. Deshalb sind wir als Touristen eingereist. Aber eigentlich drehe ich keine kritischen Filme gegen jemanden. Es gibt keine angreifenden Elemente in meinen Filmen.

Deshalb ist es mein Wunsch, dass sich auch die türkische Regierung einmal hinsetzt mit warmem Herz und kühlem Kopf statt umgekehrt. Ich würde ihnen sagen: “Schaut euch diesen Film an, statt die Waffen zu ergreifen.”