Gesellschaft | 25.06.2013

“Meistens sage ich einfach nichts”

Text von Anna Sutter | Bilder von zvg
Wer sagt im Zeitalter von "Gefällt mir"-Buttons überhaupt noch, was er wirklich denkt? Fünf Berner Jugendliche erzählen, wie hoch der Druck ist, sich den andern anzupassen.
Kunst als Weg, sich auszudrücken: Von Jugendlichen gestaltetes Graffiti.
Bild: zvg

Die 14-jährige Bernerin Laura Steiner* ist oft unsicher, wie sie reagieren soll, wenn sie mit der Handlung einer Freundin nicht einverstanden ist. “Meistens sage ich einfach nichts.” In einer brenzligen Lage wolle sie nicht auch noch einen Konflikt auslösen, selbst wenn sie falsch findet, was ihre Freunde tun. Andererseits sei es wichtig für sie, dass man zu seiner Meinung stehen kann. Auch die 14-jährige Ayla Schneider aus Wabern hält sich in einigen Situationen mit Kommentaren zurück: “Manchmal könnte meine Meinung jemanden verletzen. Ausserdem möchte ich nicht immer Partei ergreifen.”

 

Laura Steiner und Ayla Schneider geht es wie vielen der befragten Jugendlichen: Hin- und hergerissen zwischen Herzchen auf Facebook und wahrer Freundschaft ist es nicht leicht, sich mit dem Privileg der freien Meinungsäusserung zurecht zu finden. Norman Gattermann, Jugendarbeiter in Wabern, erklärt die schwierige Situation: “Was man sagt und was nicht, hängt mit vielen Faktoren zusammen. Wie man sich fühlt, ob man gerne im Mittelpunkt steht oder sich eher im Hintergrund hält, mit wem man unterwegs ist und ob man gerade nur mit einer Person spricht oder in der Gruppe diskutiert.”

 

Ein wichtiger Punkt ist auch das Verhältnis, das man zu seinen Freunden hat. “Es ist mir sehr wichtig, dass meine Freunde Gutes von mir denken, denn sonst würden sie mir nicht mehr viel anvertrauen”, so die 16-jährige Bernerin Bonita Straub. Man will verstanden werden, an einem Ort dazugehören und Leute haben, die einen akzeptieren und begleiten. Genau deshalb fällt es vielen schwer, sich gegen die Meinung der eigenen Gruppe zu stellen.

 

Was Demokratie und Gruppendruck verbindet

“Zwei gegen einen!” So lautet ein beliebter Spruch von Kindern, wenn sie in der Überzahl sind und wissen, dass sie ihren Willen durchsetzen können. Das grundlegende Prinzip der Demokratie ist damit von früh auf in den Kindern verwurzelt und bildet sich zu einem Gruppendenken aus, das sowohl positiv als auch negativ sein kann: Einerseits lernt man, dass es selbstverständlich ist, bei Entscheidungen auf andere zu hören und manchmal der Mehrheit nachzugeben. Aber andererseits wird auch der Gedanke gefördert, dass eine Meinung in der Minderheit weniger Wert hat.

 

Ob es ihr leichter fällt, jemanden zu kritisieren, wenn eine Gruppe ihr den Rücken stärkt, ist für Laura Steiner von Situation zu Situation unterschiedlich. “Wahrscheinlich fühle ich mich wohler, wenn die Mehrheit auf meiner Seite ist”, gibt sie zu. Für die 14-jährige Céline Walder dagegen ist es nicht wichtig, ob sie bei Kritik die Gruppe auf ihrer Seite hat: “Ich kritisiere Leute eigentlich nur, wenn mich etwas wirklich stört. Ob dann die Mehrheit meiner Meinung ist oder nicht, ist mir egal.”

 

Freunde, Autoritätspersonenen und viele Erfahrungen

Der 11-jährige David Brunner* aus Wabern findet es besonders schwierig, vor Autoritätspersonen ausserhalb der Familie zu seiner Meinung zu stehen: “Meinem Lehrer oder Fussballtrainer kann ich schlechter widersprechen als meinen Eltern.” Im Freundeskreis dagegen entscheidet David Brunner situativ, ob er sagt, was er denkt: “Bei den meisten Dingen ist es kein Problem, meinen Kollegen zu widersprechen, aber man merkt einfach, wann das geht und wann nicht.”

 

Im Jugendalter steht man mitten in der Entwicklung und muss anfangen, die Fäden der eigenen Persönlichkeit zu entwirren und neu zu verknüpfen. Da ist es schwer, den Druck der Gruppe auszuhalten, den man umgekehrt auch selbst auf sich ausübt. Allerdings seien Erwachsene keinesfalls von diesem Druck befreit, so Norman Gattermann: “Gruppenzwang und der Wunsch, sich anzupassen, kann bei Erwachsenen genauso vorhanden sein wie bei Jugendlichen – nur vielleicht in einem kleineren Ausmass.” Letztendlich gehe es vor allem darum, Erfahrungen zu machen und so die Art, wie man sich ausdrückt, zu verändern, erklärt der Jugendarbeiter. “Jugendliche erproben vor allem ihre Möglichkeiten und Grenzen. Im Laufe der Zeit lernen sie meistens, wie sie die eigene Meinung auf konstruktive Weise einbringen und so die höchste Wirkung erzielen können.”

 

Sich wehren, ohne anzuecken

Trotz der Unsicherheit setzen sich einige Jugendlichen in schwierigen Situationen klar für andere ein, auch wenn sie sich dazu von ihrer Gruppe abgrenzen müssen. Céline Walder erzählt: “Einmal hat ein Junge in meiner Schule ein Mädchen so krass fertig gemacht, dass es geweint hat. Alle schauten bloss zu. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich mischte mich ein, auch wenn ich das normalerweise nicht tue. Er drängte sie in eine Ecke. Ich stellte mich vor sie und fing an, ihm richtig meine Meinung zu sagen. Er war richtig erschrocken. Seit diesem Tag hat dieser Junge Respekt vor mir und hat sich nie wieder getraut, jemanden in meiner Gegenwart zu drangsalieren.” Auch Bonita Straub findet es falsch und ausserdem unnötig, eine Person aus der Clique auszuschliessen: “Wenn ich jemanden nicht mag, kann ich denjenigen einfach ignorieren – oder eben nur grüssen, und das wars.”

 

Laura sieht das anders. “Es kann einem echt auf die Nerven gehen, wenn jemand immer an einem rummeckert.” Allerdings fügt sie hinzu: “Die Schuld liegt aber nicht nur bei der Person, die ausgeschlossen wird, sondern auch bei derjenigen, die sie ausschliesst.”

 

*Name von der Redaktion geändert

 

 

Young Reporters


Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts Young Reporters und erschien erstmals am 12. Juli 2012 in der Onlineausgabe der “Berner Zeitung”. Tink.ch ist Partner von Young Reporters und veröffentlicht alle Beiträge fortlaufend.