Kultur | 06.06.2013

Mehr als Susi

Text von Joanna Skwarek | Bilder von zvg
Im Rahmen der Jugendfilmtage in Zürich gingen in diesem Jahr Hauptpreis und Publikumspreis an Oliver Schwarz. Der Jungregisseur suchte sich für seine Bachelor-Arbeit an der Hochschule Luzern ein experimentelles Thema aus. Er drehte den Dokumentarfilm "Traumfrau", in dem er zeigt, wie Dirk eine Beziehung zu seiner Puppe aus Silikon aufbaut. Eine eindrückliche Beziehung.
Susi ist nicht eine Gummipuppe wie jede andere. Filmemacher Oliver Schwarz brauchte Zeit, um das Vertrauen von Dirk zu gewinnen.
Bild: zvg

Sie sieht toll aus, ist jung und wiegt etwa 40 Kilogramm. Sie ist nicht toxisch, geschmacks- und geruchsneutral, hält extremen Temperaturen stand und hat keinen Leberfleck. Jenny ist eine Traumfrau – nicht von jedermann, aber sie ist die Traumfrau von Dirk.

 

Das Treffen

Die Kontaktaufnahme mit dem Protagonisten war für Schwarz nicht einfach. Es dauerte über ein Jahr, bis er effektiv mit dem Projekt beginnen konnte. Auf einer Community-Seite für Puppenliebhaber gelang es dem Regisseur, langsam eine Freundschaft zu Dirk aufzubauen. Etwas später ging er zuerst alleine nach Deutschland und traf in einem Restaurant diesen besonderen Menschen. Sie diskutierten über drei Stunden. „Das Vertrauen, der gegenseitige Respekt war da“, erzählt Oliver Schwarz.

 

Besonderheit der Liebe

Die Liebe zu einer Puppe ist für Dirk etwas Besonders. Liebe, die wenig braucht und trotzdem alles ist – erläutert der Protagonist. Sie erfüllt seine Bedürfnisse. Obwohl Dirk eine Beziehung mit einer Frau nicht ausschliessen will, bleibt die Puppe Jenny für immer in seinem Herzen. Der potenziellen Frau gegenüber wolle er ehrlich sein und hoffen, dass sie seine Vorliebe akzeptieren könne, erklärt Filmemacher Schwarz gegenüber Tink.ch. Eine zukünftige Frau solle auch mit Jenny zusammenleben.

 

Wie ein Kunstwerk

Der Trieb nach Sexualität, wie er bei anderen Menschen vorkommt, die Puppen im Netz bestellen, rückt bei Dirk schnell in den Hintergrund. Viel wichtiger werden das Betrachten, Fotografieren und Anziehen der Luxuspuppe. Die Puppe hat für Dirk gleichwohl stets eigene Qualitäten. Es geht nicht darum, dass sie eine Frau ersetzen soll. Sie zwingt zu nichts und ist einfach da, sorgt für eine entspannte und wohlige Atmosphäre. So beschreiben es die Käufer einer solchen Puppe auf einer Internetseite, wo man diese anonym bestellen kann. Sie wird zu einem wertvollen Objekt. Je mehr man sie betrachtet, desto mehr wird sie zum Kunstwerk. Für Dirk ist Jenny nicht bloss ein Kunstwerk, er führt eine Beziehung mit ihr – erklärt Schwarz.

 

Neue Wege, neues Glück

Das Internet ist nicht nur ein Ort, wo man Liebe suchen und finden kann, es ist ein Ort der Konstruktion und Kreation von Liebe. Der Film zeigt eindrücklich, was mit dem Menschen passiert, wenn seine Sehnsucht nach Nähe, Geborgenheit und Aufmerksamkeit nicht befriedigt werden. Er kreiert eine eigene Puppe im Internet. Dies trägt oft zur persönlichen Erfüllung der Menschen in der heutigen Gesellschaft bei, wie uns der Regisseur im Film zeigt.

 

Oliver Schwarz‘ Film ist eine spannende Geschichte über Liebe, die nicht wie in herkömmlichen Liebesfilmen verläuft. Es ist eine besondere Art der Liebe, die den Zuschauer zur Reflexion zwingt und über Liebesarten in der heutigen Gesellschaft nachdenken lässt.