Gesellschaft | 26.06.2013

Ich gebe dir und du gibst mir

Text von Mirjam Berger | Bilder von zvg
Was wäre, wenn ich dir verrate, dass es eine Website gibt, die Gleichgesinnte aus aller Welt verbindet? Du kannst durch sie in jedes Land reisen und Menschen und Kulturen hautnah erleben. Vielleicht hilft sie dir sogar, dein Lebensziel zu erreichen. Was würdest du tun?
Alexandra Liss träumt von einer Idee, der "New Sharing Economy". Dafür reist sie um die ganze Welt.
Bild: zvg

Sechs Millionen Menschen aus 100’000 Städten weltweit öffnen jeden Tag die Türen zu ihrem Zuhause, um Reisende willkommen zu heissen. Es wurden 5.9 Millionen Nächte gesurft, 3.4 Millionen Tage zusammen gereist und 19.1 Millionen Freundschaftslinks erstellt. In den neun Jahren seit seiner Gründung ist Couchsurfing.org zu einem der beliebtesten Gastfreundschaftsnetzwerke herangewachsen.

 

Das Konzept ist simpel: Man erstellt ein persönliches Profil, stellt sich entweder als Gastgeber zur Verfügung, oder sucht nach Menschen, die einen Schlafplatz in der gewünschten Reisedestination anbieten. Sei es in einem Einzelzimmer, Massenlager oder wortwörtlich auf der Couch. Referenzen, ein Bürgschaftssystem und die freiwillige Verifizierung des Namens und der Adresse tragen zur Sicherheit bei.

 

Wie eine riesige Familie

Doch Couchsurfing ist viel mehr geworden, als nur eine Suchmaschine, wo man einen Schlafplatz findet. Viele Mitglieder fühlen sich Teil einer Familie, in welcher man teilt, lernt und lehrt und sich gegenseitig inspiriert.

 

Was für Möglichkeiten eröffnen solche Internetseiten, die gleichgesinnte Menschen miteinander verbinden? “Tausende und Abertausende”, schwärmt die leidenschaftliche Couchsurferin und Filmemacherin, Alexandra Liss, im Interview mit Tink.ch. Die 30-jährige Amerikanerin aus San Francisco ist die Regisseurin des ersten Dokumentarfilms über Couchsurfing. Doch das waren erst die ersten Schritte auf dem Weg zu ihrem persönlichen Lebensziel: All ihre Möglichkeiten mit Fremden zu teilen.

 

Sie bezeichnet sich selbst als “Unternehmer-Flüsternde” und Pionier der “New Sharing Economy”, eine neue Wirtschaft, die auf Teilen basiert: “Diese Idee stellt den ‘American Dream’ total auf den Kopf. Wenn wir diese alten Ideologien loslassen, die unseren menschlichen Wert nach unserem Besitz definiert, dann können wir uns selber befreien und auf der Welle des Zugangs und der Möglichkeiten mitreiten.” Um ihre Aussage zu beweisen, gab die Amerikanerin alles auf, was sie besass. Ihr übriges Leben packte sie in einen Rucksack und machte sich auf zu einer Reise durch sechs Kontinente, mehr als 20 Länder und ein Ratatouille von Kulturen.

 

Warum einen Dokumentarfilm über Couchsurfing? “Meine Einstiegsdroge für dieses neue Konzept war Couchsurfing”, scherzt Alexandra. “Ich wollte einen Film kreieren, der über den kulturellen Austausch hinausgehen würde. Mein Ziel war, Reisende zu finden, die von ihrem Lebensziel angetrieben werden und dokumentieren, wie sie Couchsurfing benutzen, um dieses Lebensziel zu erreichen.”

 

Auch ein Teilen: “crowd sourcing”

Alexandras Können geht über die Filmmacherei hinaus. Sie ist eine gerissene Unternehmerin. Um die 7’700 Dollar für ihren Film zusammen zubekommen, wagte sie den Versuch, auf Kickstarter.com das nötige Geld zu sammeln.

Auf dieser Internetplattform können amerikanische und englische Künstler, Musikerinnen, Filmschaffende und Schriftsteller ihre Projekte präsentieren und zur Mithilfe ihrer Projektfinanzierung aufrufen. Unterstützende aus aller Welt können dann einen Beitrag leisten, häufig für ein Dankeschön in Form einer Special Edition oder einem Abendessen mit dem Autor.

 

Alexandra ist begeistert: “Crowd sourcing” ist die Zukunft. Alles was es braucht, sind genug Leute, die willig sind, einen kleinen Beitrag zu investieren, um der Welt zu sagen, dass dieses Projekt existieren soll.” Und es funktionierte. In 28 Tagen sammelte die Amerikanerin 7’955 Dollar. Genug, um ihren Film zu realisieren.

 

Talente aus aller Welt

Doch Geld alleine macht noch keinen Film. Alexandra wusste, dass es mit ihren Mitteln in unserer materiellen Welt fast unmöglich sein wird, einen Dokumentarfilm zu drehen, der mit einem grosszügig unterstützten Projekt mithalten kann. Durch Aufrufe auf Couchsurfing und anderen sozialen Netzwerken konnte sie 60 Freiwillige aus aller Welt für ihren Film begeistern. “Dieser Film musste einfach existieren. Viele Leute, die diese Leidenschaft und das Verständnis für Couchsurfing teilen und die in ihrem professionellen Umfeld eine Menge Geld wert sind, spendeten ihre Zeit und Energie für diesen Film.”

 

Lektionen fürs Leben

“Trotz unserer Unterschieden fühlen wir alle den selben Schmerz und die selbe Freude. Egal, wo wir aufgewachsen sind oder was wir für eine Sprache sprechen, wir sind alle auf der Suche nach Liebe und Akzeptanz, in dem wir uns zusammenschliessen.” Alexandra glaubt fest daran, dass das Zeitalter des Teilens gerade erst begonnen hat.

 

“Ich bin eine Couchsurferin fürs Leben. Egal, ob ich heiraten oder eine Familie gründen werde. Ich will, dass meine Kinder mit verschiedenen Kulturen aufwachsen und ihnen dieses Konzept von Teilen und Austauschen von Geburt an eintröpfeln. Wenn ich zu alt sein werde, um selber zu reisen, werde ich von meinem Schaukelstuhl aus Gastgeberin sein und meine Tür immer offen halten”, sagt Alexandra mit einem Lächeln. “Und ich glaube wirklich, dass Couchsurfing unsere Welt besser macht. One couch at a time.”

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