Kultur | 16.06.2013

Ein Biber zernagt die Schweiz

Die einzige Funktion der Schweiz ist es, eine möglichst schweizerische Version von sich selbst zu präsentieren und ausländische Gäste anzuziehen. Die Schweiz ist nämlich keine Nation mehr, sondern ein Freizeitpark, wo die Grenze zwischen Illusion und Realität verfliesst bis sie am Ende ganz zerbricht. So ist es zumindest in Gabriel Vetters Stück "Der Park", das im Theater Basel zu sehen ist.
Die Illusion, für die die Einwohner in "Der Park" werben, fällt nach und nach in sich zusammen.
Bild: zvg/ Simon Hallström

Man stelle sich eine Schweiz vor, wo jeder Bewohner, jede Strassenecke, jeder Pflasterstein, ja, einfach alles eine Funktion hat. Dieser „Park“, wie die Schweiz nach der Krise und dem Fall des Bankenplatzes in der Welt des Theaterstücks von Gabriel Vetter heisst, wird von zahlreichen Touristen besucht. Die einheimischen Reiseleiter lassen auf ihren Rundführungen vom Matterhorn bis zum Rütlischwur nichts aus. Die Schweizer Einwohner erhalten die Funktion von Schauspielern, die „unbekümmert ihrer Arbeit nachgehen und Gesellschaft spielen sollen“, wie es der Direktor des Parks formuliert. Doch mit dem Versuch das Schweizerische möglichst authentisch zu reproduzieren stossen die Darsteller des Parks an ihre Grenzen und die Organisation des strukturierten Parks droht aus dem Ruder zu laufen.

 

Illusion und Realität

Als Zuschauer ist man dabei, wie ein Schauspiel im Schauspiel entsteht und wieder zusammenbricht. Das Stück lässt das Publikum zwischen Illusion und Realität hin und her pendeln und bringt es dabei immer wieder zum zweifeln. Denn die touristischen Angebote überzeugen die ausländischen Gäste immer weniger und die perfekte Inszenierung der schweizerischen Bevölkerung wird brüchig. Als sich ein Einheimischer in die exotische Touristin verliebt und plötzlich echte Gefühle auftauchen, glaubt man die Illusion sei beendet. Doch als der Direktor des Parks interveniert und das Liebesgeständnis als Touristen-Attraktion verkaufen will, lässt dies jede Hoffnung zusammenbrechen.

 

Zernagtes Bühnenbild

Auch das schweizerische Landschaftsbild liegt auf dem Sterbebett. Zu Beginn ist auf der Bühne eine propere Schweizer Landkarte zu sehen. Die Darsteller sitzen in einer geordneten Reihe und singen brav „s isch äbe ne mönsch uf ärde“. Doch im Laufe des Stücks wird das Bühnenbild zernagt und die helvetische Nation bricht vor den Augen des Publikums wortwörtlich auseinander. Schuld daran ist ein unter Heimatschutz stehender Biber. „Moment Mal, wenn er unter dem Schutz der Heimat steht, warum schützt er dann die Heimat nicht?“ fragt einer der Park-Angestellten. Mit dieser Aussage wirft das Stück die Frage nach der authentischen Präsentation eines Landes auf. Wie weit kann das touristische Schauspiel gehen, bevor es zur Illusion wird? Antworten auf diese Fragen liefert das Stück keine, doch es lässt den Schweizer Bürger reflektieren und zweifeln: Zernagt die Schweiz sich selbst?

 

Von Rivella präsentiert

Doch nicht nur die plötzliche Selbstreflexion der Einheimischen kündet den Zusammenbruch der Schweiz an, auch eine bevorstehende Riesenwelle droht die Schweiz zu überschwemmen. Hier macht das Stück die Verbindung zwischen den selbstkritischen Gedanken über die Schweizer Reproduktion von sich selbst und den aktuellen Fragen zur Umweltkrise. Denn während sich der Direktor des Parks vor allem Gedanken darüber macht, wie er die kommende Umweltkatastrophe in eine Touristenattraktion verpacken kann, sehen sich die Einheimischen zum ersten Mal mit der Realität konfrontiert. Inszenierungsmöglichkeiten und Werbesprüche wie „Die folgende Umweltkatastrophe wird ihnen präsentiert von Rivella blau“ zeigen dem Publikum wie schwierig es ist die tatsächlich vorhandenen Umweltprobleme dieser Welt zu realisieren und greifbar zu machen.

 

„Umwelt c’est moi“

„Der Park“ wurde am 5. Juni, dem UNO-Umwelttag, von Regierungsrat Christoph Brutschin im Rahmen der „Balser Umwelttage“ eingeleitet. Unter dem Motto „Umwelt, c’est moi“ behandelte der Kanton Basel-Stadt vom 1. bis 5. Juni das Thema Umwelt aus verschiedenen Perspektiven. Im Anschluss an das Theatererlebnis fand ein Publikumsgespräch statt. Hier sollte der „Reality-Check“ gemacht und über die tatsächliche schweizerische Zukunftsvision reflektiert werden.

 

Trotz der Anlehnung an Naturkatastrophen und Umweltprobleme muss das Stück isoliert betrachtet werden und steht nur in schwacher Verbindung zu den „Umwelttagen“. Während letztere gezielt die bestehenden und drohenden Umweltprobleme und die Rolle der Bevölkerung darin beleuchten wollen, spricht das Stück weitaus mehr Themen an. Die Umweltkatastrophe wird in Form einer Riesenwelle und eines unstabilen Biber-Damms zwar behandelt, doch drängen sich neben diesen zentralen Aspekte noch weitere Anregungspunkte wie die Wahrnehmung von eigen und fremd und die auf Touristen ausgerichtete Darstellung einer Nation.

 

Dabei bleibt verzeihlich, dass die Fülle der behandelten Themen den Zuschauer zu überwältigen droht. Das Stück lässt mit Life-Musik und der geglückten Kombination von tänzerischen Bewegungsabläufen, witzigen Dialogen und rührenden Gesangseinlagen wunderschöne Bilder entstehen. „Der Park“ lädt ein zum selbstreflektierten Lachen, zum Weinen über die Zukunft und zum wütenden Nachdenken über die seltsamen Handlungen einer Gesellschaft.

 

 

Info


„Der Park“ wird nochmals am 21. Juni ab 20 Uhr und am 23. Juni ab 19 Uhr auf der Kleinen Bühne im Theater Basel aufgeführt.

 

Links