Politik | 29.06.2013

Die Jugend im Leben auf Pump

Text von Rick Nellestein | Bilder von Rick Nellestein
Am 21. Juni stimmte der Nationalrat über die parlamentarische Initiative Prävention der Jugendverschuldung von Nationalrat Hiltpold Hugues ab. Die Initiative verlangt, dass Kreditunternehmen einen Teil ihres Umsatzes für die Prävention von Jugendverschuldung einsetzen. Christoph Mattes von der Fachhochschule Nordwestschweiz, der zum Thema zahlreiche Publikationen veröffentlicht hat, meint dazu: "Man sollte davon wegkommen, zu sagen: Es wird immer schlimmer.»
Ist die Jugend wirklich so verschuldet, wie gemeinhin angenommen?
Bild: Rick Nellestein

Laut dem Nationalrat und FDP-Politiker Hiltpold Hugues führt der heutige Konsumkult, aber vor allem auch der einfache Zugang zu Kreditkarten, Leasingverträgen oder Kleinkrediten zu einer verschlimmernden Jugendverschuldung. Bereits heute geben 25 Prozent der 16- bis 25-Jährigen mehr Geld aus, als sie haben. Hugues erwartet, dass sich diese Tendenz noch zuspitzt, da die “Kultur des Lebens auf Pump”, die in den USA schon länger üblich ist, in der Schweiz erst vor kurzem entdeckt wurde. Der Politiker will deswegen die Kreditanbieter in die Pflicht nehmen, in dem das Bundesgesetz über den Konsumkredit (KKG) dahingehend ergänzt wird, dass ein Teil des Umsatzes von Unternehmen, die Konsumkreditverträge im Sinne von Artikel 1 KKG anbieten, für die Finanzierung von nationalen Präventionsprogrammen gegen die Verschuldung junger Menschen verwendet werden kann.

 

Tink.ch traf sich am 21. Juni am Puls der Aktualität mit Christoph Mattes und erfuhr vor Ort, dass die Initiative von Hugues soeben mit 98 zu 87 Stimmen vom Nationalrat knapp abgelehnt wurde. “Ein Etappenerfolg”, zitierte Mattes seinen Kontakt der Caritas Schweiz, der ihn über den Verlauf der Initiative informiert und mit einer deutlicheren Ablehnung gerechnet hatte.

 

Problematische Verschuldung

Wie alarmierend ist nun die heutige Jugendverschuldung? Christoph Mattes behauptet, dass die Verschuldung im geringen Masse zur Jugendkultur gehöre und nicht weiter problematisch sei. Die Ursachen für problematische Verschuldung oder Überschuldung liegen in erster Linie nicht beim Konsum- und Kaufverhalten, sondern sei eine Frage der Ungleichheit der Gesellschaft. Etwa 8 Prozent der Jugendliche leiden an einer problematischen Verschuldung, also deutlich weniger als im Nationalrat angenommen wurde. Schaue man bei diesen Jugendlichen nach, könne man feststellen, dass die meisten nicht aus wirtschaftlich stabilen Verhältnissen kommen, sondern eine Kombination von mehreren Aspekten der Benachteiligung zur dauerhaften Verschuldung führe. Sinnvoller als sich auf eine Prozentzahl zu konzentrieren, sei es zu fragen, welche Alltagszusammenhänge zur problematischen Verschuldung von Jugendlichen führen, so Mattes weiter.

 

“Wenn du dabei sein willst, dann konsumiere!”

Zur Rolle, die die Konsum- und Kreditwirtschaft bei der Jugendverschuldung spielen, erzählt Mattes, dass die Kreditunternehmen mit ihrer Werbung sicher als einer der Akteure mitmischen. Das Motto “Wenn du dabei sein willst, dann konsumiere!” werde an die Jugendliche kommuniziert. Dabei seien Erwachsene gleichermassen Adressaten dieser Werbung. Diese haben mit ähnlichem Konsumverhalten zu kämpfen, wie die Jugendliche auch. Wichtig sei es laut Mattes, Jugendliche, für die es aufgrund von Überschuldung irgendwann problematisch wird, mit Präventions- aber auch Einzelhilfeangeboten zu unterstützen. Das Bild des Schuldners, der nur Konsumschulden hat, sei allerdings falsch. Schulden habe man in der Regel bei einem breiten Spektrum von Gläubigern. Steuerschulden und Schulden bei Krankenversicherungen oder Vermietern seien genauso massgebend.

 

Verschuldung – ein Aspekt der Erziehung?

Mattes gibt zu bedenken, dass die Jugendverschuldung nicht bei Banken oder in der Konsumwirtschaft anfange, sondern meist schon innerhalb der Familie. Aus der Jugendverschuldungsforschung gehe hervor, dass sich Jugendliche zwischen dem vierzehnten und achtzehnten Lebensjahr vor allem bei den Eltern und Verwandten verschulden. Damit würden die Kinder schon in verschiedenen Formen erzogen, auf Kredit zu konsumieren. Da dies oft übersehen werde, nehme man allgemein an, Verschuldung beginne mit der Volljährigkeit und mit dem Zugang zu Kreditangeboten. Prävention sollte nach Mattes deshalb vor allem im erzieherischen, familiären Kontext ansetzen.

 

Spezifische Angebote für benachteiligte Jugendliche

Die von Hugues geforderte Beteiligung der Kreditwirtschaft an Präventionsmassnahmen sieht Mattes als sehr wichtig und sinnvoll. Verschuldungsprävention laufe aber immer die Gefahr, dass sie sehr allgemein verfasst werde. Dabei brauche es spezifische Angebote für sozial benachteiligten Jugendlichen. Nun wäre es die Frage, ob die richtigen Jugendlichen, also die, die auch wirklich gefährdet sind oder an problematischen Verschuldung leiden, mit vermehrter Prävention erreicht werden. Der Trend gehe gemäss Mattes stark in die Richtung, die Kreditwirtschaft in die Pflicht zu nehmen, was auch richtig sei. Für eine erfolgreiche Prävention empfindet er es aber von gleicher Bedeutung, die Eltern darauf zu sensibilisieren, was sie hinsichtlich Finanzkompetenz ihrer Kinder für eine Verantwortung tragen.

 

Man sollte davon wegkommen, zu sagen: “Es wird immer schlimmer.”

Das Ausmass der Verschuldung abzuschätzen ist relativ schwierig. Mattes macht deutlich, dass sämtliche Prognosen aus der Vergangenheit eigentlich falsch waren. Als die Handys aufkamen und plötzlich ein Teil der Jugendliche deswegen verschuldet war, gab es Szenarien, dass irgendwann jeder Jugendliche pleite sein würde. Ein Grossteil der Prognosen sei nicht eingetreten. Klar ist, dass das Angebot an Kreditkarten, Leasingverträgen und Internetkreditanbietern grösser und auch unübersichtlicher wird.

 

Mattes spricht sich für ein Stück Vertrauen in die Jugendlichen aus, dass sie mit diesen Veränderungen eigenverantwortlich umgehen können. Man sollte davon wegkommen zu sagen: “Es wird immer schlimmer.” Eine Jugendstudie, egal aus welchem Land, egal zu welchem Thema, beginne stets damit zu sagen, die Jugend sei nicht so schlimm wie ihr Ruf. Der Tenor laute jeweils, dass wir uns etwas anderes über die Jugend einbilden, als sie ist. Das treffe auch auf die Jugendverschuldung zu. Der Experte auf dem Gebiet der Verschuldung ist der Meinung, dass die mangelnden Finanzkompetenzen von Jugendlichen häufig kritisiert werden, aber man wisse nicht, ob diese bei den Erwachsenen höher seien.