Diplomausstellung

Etwas karg präsentiert sich die Messehalle noch zur Pressekonferenz. Ganz anders 24 Stunden später, als die Ausstellung eröffnet wird. Wo ein Tag zuvor noch fleissig Gerüste aufgebaut, Monitore und Scheinwerfer verkabelt wurden, drängen sich nun in Scharen elegant gekleidete, mit den unvermeidlichen Sektgläsern und Häppchen ausgerüstete Besuchende. Jahrmarkthaft muten einzelne Aspekte der Diplomausstellung an: So betreibt ein Stand am Eingang tatsächlich Popcornmaschinen und in einer Ecke lassen sich Kinder mit farbenprächtigen Luftballons vor einer weissen Leinwand fotografieren.

Institutionelle Vielfalt

Trotz des übergreifenden Titels “Perspektiven” verfügt die Diplomausstellung selbst über kein einheitliches Konzept und die acht beteiligten Institute agieren in der Präsentation ihrer Arbeiten völlig unabhängig voneinander. So werden die Arbeiten der Sparte Industriedesign grösstenteils auf Podesten in Bodennähe ausgestellt und mittels Fähnchen beschriftet. Die Exponate des Hyperwerks hingegen sind durch charakteristische Bambusgitterkonstruktionen kenntlich gemacht. Das Institut für Mode-Design präsentiert in seiner Kino-Nische die bereits im März im Rahmen der Diplomübergabe erfolgte Modenschau und das Institut für Kunst greift für die Darbietung ihrer Werke auf jene weissen Sperrholzplatten zurück, welche auch an der Art Basel als Trenn- und Ausstellungswände Verwendung fanden. Aus ästhetischen Gründen verzichten diverse Institute ausserdem bewusst auf eine Beschriftung der einzelnen Arbeiten, was die Navigation durch die Ausstellung für den Zuschauer alles andere als einfach gestaltet.

Traumzelt und Fliegenfänger

Der kreative Kopf David Baur gehört zu den Absolventen des prozessorientierten Instituts Hyperwerk. Bei seiner Abschlussarbeit “Festival Nomad” oder “Ein Zelt geteilter Träume” handelt es sich um ein mit Fellen und Decken ausgestattetes kuppelförmiges Zelt mit integriertem Schattenbildprojektor, welcher von den Besuchenden selbstgestaltete Schattenrisse an die Zeltwände projiziert und zum meditativen Verweilen einlädt. Bereits an sechs Festivals war David Baur mit seinem Traumzelt zu Gast. Ziel seiner Arbeit ist es, einen Raum für die Festivalbesucher zu schaffen, in dem sie sich mit dem Thema Traum und ihrer eigenen Kreativität auseinandersetzen können. Das Projekt soll die Menschen berühren und bleibende visuelle Eindrücke hinterlassen, so der engagierte Absolvent.

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt die botanische Installation “Get closer!” der Künstlerin Yolanda Esther Bürgi vom Institut Kunst. Auf einem Sockel aus Lindenholz steht ein Topf mit einer fleischfressenden Pflanze der Spezies Venusfliegenfalle, darüber hängt ein mit Fliegenleim beschichteter Papierstreifen. Sollte sich wider Erwarten ein unbedarftes Insekt in den Ausstellungsraum und in die Nähe der Installation verirren, so fände es sich dort recht schnell in einer lebensbedrohlichen Zwickmühle wieder. “Es sind die paar Zentimeter zwischen den beiden Konkurrenten Fliegenfänger und Fliegenfalle die mich interessieren”, so Yolanda Esther Bürgi. “Sie bilden einen konzentrierten Denkraum, in dem über ein notwendigerweise fatal endendes Schicksal reflektiert wird. Die Rolle des Insekts bleibt dabei eher zweitrangig.”

Minimalismus und kulinarische Kombinationsfreude

Minimalistisch präsentieren sich die C-Prints von Alexandra Meyer mit den lakonischen Titeln “Hemd I, II, III”: Drei reduzierte Schwarzweiss-Aufnahmen von weissen Hemden, welche durch subtile Eingriffe zum Beispiel in Form von Knitterfalten und Abbinden verfremdet wurden. In ihren Arbeiten spielen Themen wie der menschliche Körper und die Verfremdung alltäglicher Gegenstände seit jeher eine zentrale Rolle. Alles andere als reduziert gibt sich hingegen das Kochbuch der Grafikkünstlerin Angela Stocker vom Institut für Visuelle Kommunikation. In ihrer Arbeit “More is more” oder “Darf es etwas mehr sein” verpackt die Absolventin die verschiedene Ebenen eines Kochbuches und verzichtet dabei bewusst auf die Maxime des Minimalismus, dass weniger in jedem Falle mehr sei. So sind die Ingredienzen der einzelnen Gerichte im Buch jeweils einer bestimmten Farbe zugeordnet und auf perforierte Kärtchen gedruckt, die sich herauslösen und zu immer neuen Farb- und Menukombinationen zusammenstellen lassen. Der Titel “Will you pick me” verweist bereits auf den spielerischen Charakter des ungewöhnlichen kulinarischen Lesevergnügens.

Durchführung 2014 unklar

Wann und ob die Diplomausstellung 2014 überhaupt stattfinden wird, steht momentan noch in den Sternen. Die Hochschule für Gestaltung und Kunst befindet sich momentan in einer Umbruchs- und Umzugsphase. Im Verlauf des nächsten Jahres werden nämlich sämtliche über die Stadt Basel verteilten Institute ihre Sitze in das neu erbaute Hochhaus auf dem Dreispitzareal verlegen. Die Direktorin Kirsten Langkilde verspricht sich für die Zukunft einiges von der Zusammenführung der Institute und Werkstätten. Ziel ist es, den Campus Dreispitz dadurch zu einer kreativen Brutstätte umzugestalten, deren Einfluss idealerweise auch auf die umliegenden Stadtteile ausstrahlt und diese mit der Hochschule verbindet. Ob dieses ehrgeizige Projekt auch Früchte trägt, wird sich erst noch zeigen.

Ein Hit und alle stehen

Der Blick ins Hallenstadion lässt nicht auf ein Rockkonzert schliessen: Stuhlreihen in der Standing-Area, wo normalerweise enthusiastischen Musikfans ihrer Lieblingsband am nächsten sind. Beim letzten Besuch in Zürich hatten Toto eine neue Platte im Gepäck und 10’000 Zuschauer wollten sie sehen. Dieses Jahr feierte Toto sein 35jähriges Bestehen mit einer Jubiläumstour, die nur noch 3’300 Fans anlocken konnte. Die Bühne wurde in der Hallenmitte aufgebaut, was trotz der mässigen Zuschauerzahl das Gefühl eines grossen Konzertes vermittelte. Doch schon die ersten Klänge von “On the run” machen klar, dass es heute nichts mit einer gemütlichen Schunkelparty wird. Mittlerweile sind die Fans der ersten Stunde zwar etwas angegraut, doch spätestens beim Überhit „Rosanna“ sind alle auf den Beinen, singen und tanzen mit.

 

Die Hauptrolle geht an Lukather

Was Toto live zu einem Erlebnis macht, sind die Soundqualität und die musikalischen Höhenflüge der Bandmitglieder. Steve Lukather, David Paich, Simon Phillips, Nathan East und Steve Porcaro liefern ein musikalisches Feuerwerk höchster Güte ab. Nicht weiter schlimm, dass Sänger Joseph Williams und die beiden Backgroundsänger höchstens eine Statistenrolle besetzen. Unumstrittener Bandleader ist Gitarrist Steve Lukather, der bereits mit 17 Jahren zu den wichtigsten Studiogitarristen in den USA zählte und der mit Toto seit der Bandgründung 1977 unterwegs ist.

Die Band bediente sich am Abend im Hallenstadion Zürich aus dem reichen musikalischen Fundus und präsentierte alte Trouvaillen wie „St. George and the Dragon“ vom zweiten Album „Hydra“ oder das epische „Better World“ vom 1999er Album „Mindfields“. Natürlich durften ihre grössten Hits „Hold the Line“ und „Africa“ auf der Setliste nicht fehlen. Mit neuen Arrangements klangen sogar die millionenfach gespielten Hit-Songs bei Toto frisch und unverbraucht.

Zwar füllte sich das Hallenstadion nicht wie in den Jahren zuvor. Die Band zeigte sich unbeeindruckt und bot dem fast intimen Rahmen eine mitreissende Show. Bei Toto steht nicht Effekthascherei im Vordergrund, sondern das musikalische Handwerk und eine Vielfalt an Stilrichtungen, wie sie nur selten gehört wird. Die Band verabschiedeten sich mit „Home of the brave“ von einem dankbaren Publikum. Mit Toto wird auch beim 40-jährigen Jubiläum zu rechnen sein.

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Die Jugend im Leben auf Pump

Laut dem Nationalrat und FDP-Politiker Hiltpold Hugues führt der heutige Konsumkult, aber vor allem auch der einfache Zugang zu Kreditkarten, Leasingverträgen oder Kleinkrediten zu einer verschlimmernden Jugendverschuldung. Bereits heute geben 25 Prozent der 16- bis 25-Jährigen mehr Geld aus, als sie haben. Hugues erwartet, dass sich diese Tendenz noch zuspitzt, da die “Kultur des Lebens auf Pump”, die in den USA schon länger üblich ist, in der Schweiz erst vor kurzem entdeckt wurde. Der Politiker will deswegen die Kreditanbieter in die Pflicht nehmen, in dem das Bundesgesetz über den Konsumkredit (KKG) dahingehend ergänzt wird, dass ein Teil des Umsatzes von Unternehmen, die Konsumkreditverträge im Sinne von Artikel 1 KKG anbieten, für die Finanzierung von nationalen Präventionsprogrammen gegen die Verschuldung junger Menschen verwendet werden kann.

 

Tink.ch traf sich am 21. Juni am Puls der Aktualität mit Christoph Mattes und erfuhr vor Ort, dass die Initiative von Hugues soeben mit 98 zu 87 Stimmen vom Nationalrat knapp abgelehnt wurde. “Ein Etappenerfolg”, zitierte Mattes seinen Kontakt der Caritas Schweiz, der ihn über den Verlauf der Initiative informiert und mit einer deutlicheren Ablehnung gerechnet hatte.

 

Problematische Verschuldung

Wie alarmierend ist nun die heutige Jugendverschuldung? Christoph Mattes behauptet, dass die Verschuldung im geringen Masse zur Jugendkultur gehöre und nicht weiter problematisch sei. Die Ursachen für problematische Verschuldung oder Überschuldung liegen in erster Linie nicht beim Konsum- und Kaufverhalten, sondern sei eine Frage der Ungleichheit der Gesellschaft. Etwa 8 Prozent der Jugendliche leiden an einer problematischen Verschuldung, also deutlich weniger als im Nationalrat angenommen wurde. Schaue man bei diesen Jugendlichen nach, könne man feststellen, dass die meisten nicht aus wirtschaftlich stabilen Verhältnissen kommen, sondern eine Kombination von mehreren Aspekten der Benachteiligung zur dauerhaften Verschuldung führe. Sinnvoller als sich auf eine Prozentzahl zu konzentrieren, sei es zu fragen, welche Alltagszusammenhänge zur problematischen Verschuldung von Jugendlichen führen, so Mattes weiter.

 

“Wenn du dabei sein willst, dann konsumiere!”

Zur Rolle, die die Konsum- und Kreditwirtschaft bei der Jugendverschuldung spielen, erzählt Mattes, dass die Kreditunternehmen mit ihrer Werbung sicher als einer der Akteure mitmischen. Das Motto “Wenn du dabei sein willst, dann konsumiere!” werde an die Jugendliche kommuniziert. Dabei seien Erwachsene gleichermassen Adressaten dieser Werbung. Diese haben mit ähnlichem Konsumverhalten zu kämpfen, wie die Jugendliche auch. Wichtig sei es laut Mattes, Jugendliche, für die es aufgrund von Überschuldung irgendwann problematisch wird, mit Präventions- aber auch Einzelhilfeangeboten zu unterstützen. Das Bild des Schuldners, der nur Konsumschulden hat, sei allerdings falsch. Schulden habe man in der Regel bei einem breiten Spektrum von Gläubigern. Steuerschulden und Schulden bei Krankenversicherungen oder Vermietern seien genauso massgebend.

 

Verschuldung – ein Aspekt der Erziehung?

Mattes gibt zu bedenken, dass die Jugendverschuldung nicht bei Banken oder in der Konsumwirtschaft anfange, sondern meist schon innerhalb der Familie. Aus der Jugendverschuldungsforschung gehe hervor, dass sich Jugendliche zwischen dem vierzehnten und achtzehnten Lebensjahr vor allem bei den Eltern und Verwandten verschulden. Damit würden die Kinder schon in verschiedenen Formen erzogen, auf Kredit zu konsumieren. Da dies oft übersehen werde, nehme man allgemein an, Verschuldung beginne mit der Volljährigkeit und mit dem Zugang zu Kreditangeboten. Prävention sollte nach Mattes deshalb vor allem im erzieherischen, familiären Kontext ansetzen.

 

Spezifische Angebote für benachteiligte Jugendliche

Die von Hugues geforderte Beteiligung der Kreditwirtschaft an Präventionsmassnahmen sieht Mattes als sehr wichtig und sinnvoll. Verschuldungsprävention laufe aber immer die Gefahr, dass sie sehr allgemein verfasst werde. Dabei brauche es spezifische Angebote für sozial benachteiligten Jugendlichen. Nun wäre es die Frage, ob die richtigen Jugendlichen, also die, die auch wirklich gefährdet sind oder an problematischen Verschuldung leiden, mit vermehrter Prävention erreicht werden. Der Trend gehe gemäss Mattes stark in die Richtung, die Kreditwirtschaft in die Pflicht zu nehmen, was auch richtig sei. Für eine erfolgreiche Prävention empfindet er es aber von gleicher Bedeutung, die Eltern darauf zu sensibilisieren, was sie hinsichtlich Finanzkompetenz ihrer Kinder für eine Verantwortung tragen.

 

Man sollte davon wegkommen, zu sagen: “Es wird immer schlimmer.”

Das Ausmass der Verschuldung abzuschätzen ist relativ schwierig. Mattes macht deutlich, dass sämtliche Prognosen aus der Vergangenheit eigentlich falsch waren. Als die Handys aufkamen und plötzlich ein Teil der Jugendliche deswegen verschuldet war, gab es Szenarien, dass irgendwann jeder Jugendliche pleite sein würde. Ein Grossteil der Prognosen sei nicht eingetreten. Klar ist, dass das Angebot an Kreditkarten, Leasingverträgen und Internetkreditanbietern grösser und auch unübersichtlicher wird.

 

Mattes spricht sich für ein Stück Vertrauen in die Jugendlichen aus, dass sie mit diesen Veränderungen eigenverantwortlich umgehen können. Man sollte davon wegkommen zu sagen: “Es wird immer schlimmer.” Eine Jugendstudie, egal aus welchem Land, egal zu welchem Thema, beginne stets damit zu sagen, die Jugend sei nicht so schlimm wie ihr Ruf. Der Tenor laute jeweils, dass wir uns etwas anderes über die Jugend einbilden, als sie ist. Das treffe auch auf die Jugendverschuldung zu. Der Experte auf dem Gebiet der Verschuldung ist der Meinung, dass die mangelnden Finanzkompetenzen von Jugendlichen häufig kritisiert werden, aber man wisse nicht, ob diese bei den Erwachsenen höher seien.

“Wir feiern die Gleichwertigkeit der Arbeit”

Wie funktioniert das Tauschnetz?

Wir tauschen auf der Grundlage von Zeit. Eine Stunde ist eine Stunde und damit ist eigentlich schon der Begriff der Wertigkeit gegeben. Das heisst, dass bei uns jede Tätigkeit gleich viel wert hat. Die Stunde, die man dafür aufwendet wird einem auch vergütet. Das Prinzip ist einfach. Wenn ich jemandem die Haare schneide und zwei Stunden dafür brauche, muss der mir diese zwei Stunden auf mein Konto überweisen. Mit den erhaltenen Stunden kann ich anderswo eine Dienstleistung beziehen. Wir feiern also die Gleichwertigkeit der Arbeit. Wichtig ist, dass die Leute, die etwas anbieten und die, die etwas suchen einander finden. Dazu bieten wir eine Plattform.

 

Und wenn der Andere gar nichts hat, was mir nutzt?

Man muss nicht hin und retour tauschen, denn wir sind ein Vieleck. Wenn ich jemandem Sprachunterricht gebe, heisst das nicht, dass der dann mein Velo flicken muss.

 

Dann ist Zeit eine Art Kapital?

Zeit ist die Währung. Im Moment ist ja die politische Debatte am brodeln, in der sich die Frage stellt, ob jemand so viel mehr verdienen darf als jemand anderes? Im heutigen Geldsystem ist das möglich und dadurch spaltet sich die Gesellschaft. Das wollen wir nicht!

 

Wer fühlt sich denn vom Angebot des Tauschtreffs angesprochen?

Was uns ein bisschen fehlt, ist eure Generation. Das hat auch damit zu tun, dass ihr natürlich in wechselnden Situationen seid und in der Ausbildung. Aber es spricht nichts dagegen, das Tauschen nicht trotzdem zu probieren. Die meisten Tauschenden sind zwischen 35 und 55. Dann gibt es noch die ganz Alten, die einfach sehr viel Zeit haben. Aber das Engagement von den Jungen nehmen wir mit offenen Armen entgegen. Wir habe keine Altersbegrenzungen.

 

Gibt es denn Menschen, die sich voll aus dem Geldsystem ausklinken und nur noch tauschen?

Nein, das Tauschen ist einfach eine Ergänzung zum bestehenden System. Es hat schon die kritische Pointe gegenüber dem Geldsystem aber einen Ausstieg, dazu motiviere ich die Leute nicht. Ich weiss, dass die Leute ihre Sozialversicherungen brauchen und dass unser Tauschnetz zurzeit nur eine minimale Ergänzung zum vorherrschenden System ist. Es sind etwa tausend Stunden, die im Jahr getauscht werden und das ist nicht so viel.

 

Dann kann das Tauschnetz noch wachsen?

Ja, es könnte noch viel mehr sein. Wir versuchen es immer wieder zu aktivieren. Aber wir sind infiziert vom Geldsystem, wo wir Dinge nur tun, um mehr zu verdienen. Deswegen ist es super, wenn wir die Idee des Tauschnetzes unter den Jungen verbreiten können. Denn ich glaube schon, dass es auch ein Modell für eine Weltanschauung ist. Die Gleichwertigkeit der Arbeit ist in unserer Gesellschaft überhaupt nicht vorhanden. Gerade sie ist bei uns im Tauschnetz die grosse Voraussetzung.

 

Wie muss man sich so ein Tauschtreff vorstellen?

Wir sind nicht nur ein Verein, der es ermöglichen soll, zu tauschen, es ist auch ein sozialer Anspruch dabei. Die beiden dort an der Theke (zeigt ans andere Ende des Raumes, Anm. d. Red.) zum Beispiel sind gerade dabei diesen sozialen Kontakt zu knüpfen. Er erzählt ihr von seinen polnischen Rezepten und damit kann vieles beginnen, vieles passieren. Vielleicht bittet sie ihn ein polnisches Nachtessen zu kochen für ein Fest und schon sind die beiden im Geschäft. Deswegen bieten wir jeden Monat den Tauschtreff an, wo Leute sich finden können.

 

Mit welcher Überlegung?

Jeder und jede gibt, jede und jeder nimmt und alle profitieren davon. Es geht darum, dass die Zirkulation in Gang kommt. Wir versuchen die Talente der verschiedenen Mitglieder in den Austausch zu bringen. Wenn jemand den Garten machen kommt trinkt man noch einen Tee zusammen berichtet über dieses und jenes. Dann kann man nicht sagen, diese halbe Stunde solle auch verrechnet werden. Von dem her ist es ein ganz neuer Umgang mit Zeit. Es ist ein Problem in der heutigen Gesellschaft, dass viele sagen,: “Ich habe ja gar keine Zeit. Bei mir ist ja sonst schon alles voll, wie soll ich da mit einem wenig vorhandenen Gut wie Zeit tauschen?” Ich sage dann immer: “Das ist eine reine Sache der Organisation.” Wir alle haben 168 Stunden in der Woche, man muss nur entscheiden, was man wann macht. Insofern ist es eine schlechte Ausrede, wenn man sagt man habe keine Zeit.

“Erwarte das Unerwartete”

Im Vorherein wurde ich darüber informiert, dass das Künstlerduo keine Fotoaufnahmen erlauben würde. Falls ich sie aber zeichnen möchte, sei dies ohne Probleme möglich. Ich erwartete, zwei komplett geschminkt und verkleidete Herren anzutreffen, mit Masken und Hüten – wie auf dem Cover halt. Mit einem etwas mulmigen Gefühl betrete ich das  Hotelzimmer in Zürich, um mich mit den zwei Australiern, Luke Steel und Nick Littlemore, zu treffen.

 

Tink.ch: Huch – ihr seid ja gar nicht verkleidet, wie ich das eigentlich erwartet hatte! Wieso dürfen wir denn keine Fotos von euch machen?

EOTS: Es wäre, als würde man den Schleier um die ganze Empire-Mysterie heben. Sind wir nicht von allem noch viel faszinierter, wenn wir es nicht ganz kennen. Solange etwas verborgen ist, ist es viel mysteriöser; unbekannt halt.

 

Unbekannt ist auch die Herkunft eures Namens: Ihr nennt euch Empire of the Sun. Macht ihr das wegen Steven Spielbergs gleichnamigem Film?

Nein, mit Steven Spielberg hat das nichts zu tun. Wir wollten etwas grosses, faszinierendes. Empire of the Sun, fiel uns einfach plötzlich ein und wir dachen: Das sind wir, das verkörpert die Musik, die wir machen.

 

Euer erstes Album “Walking on a Dream” war ein Riesen-Erfolg – steht ihr jetzt unter Druck?

Ständig! Wir stellen uns gegenseitig unter Druck wenn wir am Schreiben sind. In diesem Business musst du Perfektionist sein, und das sind wir in vielen Bereichen.

 

Ihr seid beide neben Empire of the Sun noch mit anderen Bands erfolgreich. Wie habt ihr überhaupt Zeit gefunden, das neue Album zu fertigen und neue Songs zu schreiben?

Ich glaube wir haben die Zeit nicht gefunden – aber wir haben sie uns genommen. In den letzten 19 Monaten haben wir alles in dieses Projekt gesteckt. Wir sassen viel zusammen und ja, haben die Lieder geschrieben. Wir flogen um die ganze Welt, einzig für die Aufnahmen. Wir taten alles, was es brauchte. Es wurde wie zu einer Obsession!

 

Habt ihr euch auch Ziele gesetzt, welche ihr mit dem neuen Album erreichen möchtet?

Die Möglichkeit, weiterzumachen mit dem was wir tun. Es ist eine berechtige Sorge aller Künstler, dass du die Chance nicht erhältst, das Publikum zu erreichen. Das ist der Grund, wieso wir so hart – auch an uns! – arbeiten. Wir haben zu viele Künstler gesehen, die den Erfolg als gegeben erachtet haben und die deshalb untergegangen sind. Wir hatten beide schon vor Empire of the Sun ein Leben im Musikbusiness aber wir sehen hier die Chance, genau das zu tun was wir so lieben und deshalb wollen wir auch alles darein investieren.

 

Ist jemand von euch denn für die Instrumentierung an sich zuständig und der andere für die Songtexte?

Nein, wir machen beide beides. Wir sind wie Vögel, wir fliegen los und finden andere Gegenstände um unser Nest zu bauen.

 

Wo findet ihr denn diese Gegenstände, eure Inspiration?

Es ich überall möglich Inspiration zu finden, aber am meisten Inspiration finden wir in unseren eigenen Leben: In Beziehungen, Freundschaften, Familie, Liebe und allen Dingen, die mit Liebe zu tun haben.

 

Zumindest inIn euren Videos sind viele religiöse Symbole zu finden. Findet ihr auch in der Religion Inspiration?

Ja, wir nehmen alles auf, was wir sehen, jegliche Mythologien und alle Arten von Verehrung und Glauben und Gottheiten. Da sind so viele brillante Sachen, die vor uns waren, die Antike beispielsweise. All das fasziniert uns! Wir möchten diese Sachen miteinander verschmelzen lassen, zu etwas Neuem werden lassen.

 

Auf der neuen CD hat es erstaunlich viele Balladen.

Was wir mit unserer Musik versuchen, ist Momente des menschlichen Seins wiederzugeben und zu teilen und sie mit Musik auszudrücken und auf eine Art zu ehren. Wir wollen das, was wir in unseren Herzen fühlen teilen – das sind teilweise sehr intime Momente, wie beispielsweise im Song “I’ll be around”. Der berührt mich jedes mal von neuem und das, obwohl ich diesen Song selber geschrieben habe. Normalerweise verfliegt das Mysteriöse an neuen Songs und du hast das Rätsel gelöst. Nicht aber bei diesem Song, der trifft mich jedes Mal mitten ins Herz.

 

Um auf eure Tour sprechen zu kommen: Sie startete direkt in einem der Wahrzeichen Australiens: dem m Sydney Opera House. Können wir an eurem einzigen Konzert in der Schweiz, am Heiteren Openair, auch eine solch riesige Show erwarten?

Erwarte das Unerwartete. Es ist wie wenn du in die Kirche gehst: Du erwartest etwas und danach bist du auf eine Art verwandelt.

 

Zum Schluss ein kurzer Slogan, wieso auch jene, die noch nie etwas von euch gehört haben die CD kaufen sollen:

Wieso “Stay up all night to get lucky” (Anspielung auf den Song “Daft Punk”, Anm. d. Red.), wenn du am morgen aufstehen kannst und die neue CD von Empire of the Sun kaufen gehen kannst!

Ich gebe dir und du gibst mir

Sechs Millionen Menschen aus 100’000 Städten weltweit öffnen jeden Tag die Türen zu ihrem Zuhause, um Reisende willkommen zu heissen. Es wurden 5.9 Millionen Nächte gesurft, 3.4 Millionen Tage zusammen gereist und 19.1 Millionen Freundschaftslinks erstellt. In den neun Jahren seit seiner Gründung ist Couchsurfing.org zu einem der beliebtesten Gastfreundschaftsnetzwerke herangewachsen.

 

Das Konzept ist simpel: Man erstellt ein persönliches Profil, stellt sich entweder als Gastgeber zur Verfügung, oder sucht nach Menschen, die einen Schlafplatz in der gewünschten Reisedestination anbieten. Sei es in einem Einzelzimmer, Massenlager oder wortwörtlich auf der Couch. Referenzen, ein Bürgschaftssystem und die freiwillige Verifizierung des Namens und der Adresse tragen zur Sicherheit bei.

 

Wie eine riesige Familie

Doch Couchsurfing ist viel mehr geworden, als nur eine Suchmaschine, wo man einen Schlafplatz findet. Viele Mitglieder fühlen sich Teil einer Familie, in welcher man teilt, lernt und lehrt und sich gegenseitig inspiriert.

 

Was für Möglichkeiten eröffnen solche Internetseiten, die gleichgesinnte Menschen miteinander verbinden? “Tausende und Abertausende”, schwärmt die leidenschaftliche Couchsurferin und Filmemacherin, Alexandra Liss, im Interview mit Tink.ch. Die 30-jährige Amerikanerin aus San Francisco ist die Regisseurin des ersten Dokumentarfilms über Couchsurfing. Doch das waren erst die ersten Schritte auf dem Weg zu ihrem persönlichen Lebensziel: All ihre Möglichkeiten mit Fremden zu teilen.

 

Sie bezeichnet sich selbst als “Unternehmer-Flüsternde” und Pionier der “New Sharing Economy”, eine neue Wirtschaft, die auf Teilen basiert: “Diese Idee stellt den ‘American Dream’ total auf den Kopf. Wenn wir diese alten Ideologien loslassen, die unseren menschlichen Wert nach unserem Besitz definiert, dann können wir uns selber befreien und auf der Welle des Zugangs und der Möglichkeiten mitreiten.” Um ihre Aussage zu beweisen, gab die Amerikanerin alles auf, was sie besass. Ihr übriges Leben packte sie in einen Rucksack und machte sich auf zu einer Reise durch sechs Kontinente, mehr als 20 Länder und ein Ratatouille von Kulturen.

 

Warum einen Dokumentarfilm über Couchsurfing? “Meine Einstiegsdroge für dieses neue Konzept war Couchsurfing”, scherzt Alexandra. “Ich wollte einen Film kreieren, der über den kulturellen Austausch hinausgehen würde. Mein Ziel war, Reisende zu finden, die von ihrem Lebensziel angetrieben werden und dokumentieren, wie sie Couchsurfing benutzen, um dieses Lebensziel zu erreichen.”

 

Auch ein Teilen: “crowd sourcing”

Alexandras Können geht über die Filmmacherei hinaus. Sie ist eine gerissene Unternehmerin. Um die 7’700 Dollar für ihren Film zusammen zubekommen, wagte sie den Versuch, auf Kickstarter.com das nötige Geld zu sammeln.

Auf dieser Internetplattform können amerikanische und englische Künstler, Musikerinnen, Filmschaffende und Schriftsteller ihre Projekte präsentieren und zur Mithilfe ihrer Projektfinanzierung aufrufen. Unterstützende aus aller Welt können dann einen Beitrag leisten, häufig für ein Dankeschön in Form einer Special Edition oder einem Abendessen mit dem Autor.

 

Alexandra ist begeistert: “Crowd sourcing” ist die Zukunft. Alles was es braucht, sind genug Leute, die willig sind, einen kleinen Beitrag zu investieren, um der Welt zu sagen, dass dieses Projekt existieren soll.” Und es funktionierte. In 28 Tagen sammelte die Amerikanerin 7’955 Dollar. Genug, um ihren Film zu realisieren.

 

Talente aus aller Welt

Doch Geld alleine macht noch keinen Film. Alexandra wusste, dass es mit ihren Mitteln in unserer materiellen Welt fast unmöglich sein wird, einen Dokumentarfilm zu drehen, der mit einem grosszügig unterstützten Projekt mithalten kann. Durch Aufrufe auf Couchsurfing und anderen sozialen Netzwerken konnte sie 60 Freiwillige aus aller Welt für ihren Film begeistern. “Dieser Film musste einfach existieren. Viele Leute, die diese Leidenschaft und das Verständnis für Couchsurfing teilen und die in ihrem professionellen Umfeld eine Menge Geld wert sind, spendeten ihre Zeit und Energie für diesen Film.”

 

Lektionen fürs Leben

“Trotz unserer Unterschieden fühlen wir alle den selben Schmerz und die selbe Freude. Egal, wo wir aufgewachsen sind oder was wir für eine Sprache sprechen, wir sind alle auf der Suche nach Liebe und Akzeptanz, in dem wir uns zusammenschliessen.” Alexandra glaubt fest daran, dass das Zeitalter des Teilens gerade erst begonnen hat.

 

“Ich bin eine Couchsurferin fürs Leben. Egal, ob ich heiraten oder eine Familie gründen werde. Ich will, dass meine Kinder mit verschiedenen Kulturen aufwachsen und ihnen dieses Konzept von Teilen und Austauschen von Geburt an eintröpfeln. Wenn ich zu alt sein werde, um selber zu reisen, werde ich von meinem Schaukelstuhl aus Gastgeberin sein und meine Tür immer offen halten”, sagt Alexandra mit einem Lächeln. “Und ich glaube wirklich, dass Couchsurfing unsere Welt besser macht. One couch at a time.”

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Ein Spieler für die Zukunft

Tink.ch: In deiner ersten Super League Saison beim FC Thun hast du scheinbar alles richtig gemacht. Du wirst zum BSC YB wechseln. Hast du deine eigenen Ziele erreicht?

Renato Steffen: Ja, ich denke schon. Ein Ziel war bestimmt, in meiner ersten Profi-Saison Spielpraxis zu sammeln, und das konnte ich. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit der letzten Saison.

 

Trotz den guten Leistungen durftest du nicht immer von Beginn weg auf dem Platz stehen, warum?

Ein Punkt ist sicherlich die mangelnde Erfahrung. Denn für einen Trainer ist es immer ein Risiko, einen jungen, unerfahrenen Spieler aufzustellen. Darum konnte ich ohne Problem damit leben. Zweitens war ich zu Beginn der Saison verletzt und wurde immer wieder von kleineren Blessuren zurückgeworfen.

 

Aber wenn du von Anfang an gespielt hast, dann warst du immer mit vollem Einsatz dabei. Dies sah man gut, wenn du wie gegen GC oder den FCZ Weltklasse-Tore geschossen hast. Was hast du dir bei diesen Wunderschüssen überlegt?

Gar nichts. Dann kommen diese Schüsse auch so aufs Tor. Dies ist eine meiner Stärken: Nicht viel überlegen sondern einfach das tun, was der Instinkt sagt. So kommt das eine oder andere Mal ein schönes Tor zustande. Das Wichtigste ist einfach losspielen und nicht schauen wo, wie und wann.

 

Wurdest du auch von deinen Mitspielern angestachelt zu schiessen oder hast du selber auf dein Talent vertraut?

(Lacht) Der Trainer sagte ab und an ich solle schiessen, aber die Mitspieler weniger. Ich denke, dass solche Schüsse kommen, wenn man Selbstvertrauen hat und an seine Fähigkeiten glaubt. Dies muss man können, wenn man in Thun oder in der Super League allgemein spielen will. Ich habe viele Gespräche mit dem Trainerstaff geführt und dabei Selbstvertrauen gewonnen.

 

Nach der starken Saison ist die Schweizer-Nati noch kein Thema?

Klar ist für jeden Spieler die Nati ein Thema, zumindest, wenn er den Schweizerpass besitzt. Die Nati muss ein Ziel sein, und wenn ich meine Leistungen bestätigen kann, wird es vielleicht ein konkretes Thema.

 

Nachdem du diese Saison deine Ziele erreicht hast, werden sie nächste Saison sicher höher sein. Hast du dir schon welche gesetzt?

Ja sicher. Ich will die Leistungen bestätigen und mich festigen. Das sind meine Hauptziele und mehr will ich mir gar nicht setzen. Auf diesem Niveau ist es schnell möglich, seine Ziele zu verfehlen. Darum lieber kleine Ziele und sie erfüllen anstelle von grossen, die man dann nur zur Hälfte erreicht.

 

Als junger Fussballprofi wird man oft zu einem Vorbild für die Junioren des eigenen Vereines. Fühlst du dich als Vorbild?

(Lacht) Ja, schon ein bisschen. Man muss aber in diese Vorblidfunktion hineinwachsen wollen. Für mich ist es neu, dass Leute, vor allem Kinder, mich zum Vorbild nehmen. Gewissermassen ist es auch schön, wenn man ein Vorbild sein darf. Allerdings muss man dementsprechend auf sein eigenes Handeln vermehrt Acht geben.

 

Hattest du selber auch ein Vorbild?

Mein Vorbild ist David Beckham. Er war ganz einfach der erste Spieler, den ich am Fernsehen gesehen habe und er war sofort mein Lieblingsspieler. Damals spielte er bei Manchester United, deshalb ist mein Lieblingsverein bis jetzt noch ManU.

 

Was kannst du Fussballjunioren mitgeben, die auch den Sprung in die Super League schaffen wollen?

Wenn sie das Ziel vor Augen haben, ist ganz wichtig immer an sich zu glauben. Hürden wird es immer geben im Fussball, auch ich hatte bis zu meinem Super League-Debut in Thun einen steinigen Weg. Wenn einem Steine in den Weg gelegt werden, darf man sich nicht zurückwerfen lassen. Man muss weiter an sich arbeiten. Manchmal muss man mehr tun als die Anderen und wenn der Wille da ist, ist alles möglich. Mein Leitspruch ist “Impossible is nothing” – und der hat sich bislang bewährt.

Zu Besuch bei Studierenden in Bosnien

In Bosnien und Herzegowina, ein Teilstaat des ehemaligen Jugoslawiens, wurden in der Hauptstadt Sarajevo 1984 noch feierlich die olympischen Winterspiele ausgetragen. Der Krieg, der von 1991 bis 1995 wütete, war auf bosnischem Gebiet am schlimmsten. Muslimische Bosniaken, die christlich-orthodoxen Serben und römisch-katholische Kroaten tun sich bis heute schwer damit, im selben Land zu leben.

 

Als unser Bus von Serbien die bosnische Grenze überquert, sind aber keine Spuren eines Kriegslandes zu sehen: satte grüne Wiesen, Familienhäuser mit Gemüsegärten, an den Wäscheleinen draussen hängt Wäsche. Die Fassaden stehen meist ohne Verputz da, der ist bei einer Arbeitslosenquote von geschätzten fünfzig Prozent jedoch Nebensache.

 

Viele soziale Probleme und keine Arbeit für Sozialarbeitende

Die grossflächig um die Häuser angelegten Schrebergärten dienen der Selbstversorgung, erzählt mir Selma, eine bosnische Studentin und Begleiterin und meint: “Ja, das ist Bosnien. Es dreht sich immer noch alles um die Landwirtschaft.” Es ist eine Aussage, die keineswegs romantisch zu verstehen ist. Denn Selma und die anderen bosnischen Studierenden, welche uns ihre Gastfreundschaft erweisen und mit denen wir uns rege austauschen, sie werden ihr Sozialarbeits- oder Sozialpädagogikstudium in einem Jahr abschliessen. Ihre Chancen, dann einen Job im eigenen Land zu finden, sind gleich null.

 

Ein Umstand, der die Studierenden niedergeschlagen und gleichzeitig wütend werden lässt. Denn in ihrem Studium setzen sie sich intensiv mit den zahlreichen sozialen Problemen des Landes auseinander: die Arbeitslosigkeit, die Problematik der vereinsamten alten Menschen, viele Personen mit Kriegstraumata, die nie professionelle Hilfe erhalten haben und eine stark steigende Zahl von Vorfällen häuslicher Gewalt als Folge davon.

 

Ich spüre wie motiviert und kritisch diese jungen Leute sind. Einer bosnischen Studentin, wir unterhalten uns auf Englisch, gebe ich den Tipp, wo sie in England ein Praktikum absolvieren könnte. Sie antwortet mir: “Aber ich will gar nicht weg. Ich will hier in Bosnien arbeiten und eine Familie gründen.”

 

Ein nicht handlungsfähiger Staat

“In Bosnien erlischt langsam die Hoffnung, dass sich etwas verändern wird”, ist die Aussage eines bosnischen Dozenten auf die Zukunft des Landes angesprochen. Die Politiker halten ein nicht funktionierendes, korruptes System aufrecht, welches ihnen persönliche Vorteile bringt. Die Regierung im Land teilt sich in drei ethnischen Gruppen auf, so kann zumindest die Waffenruhe seit dem Dayton-Abkommen der USA und der UNO aufrechterhalten werden. Aber eine handlungsfähige Regierung ist das nicht.

 

Wie konnte der Geist verloren gehen, der im Gebiet um Sarajevo seit Jahrhunderten ein Nebeneinander von Religionen und Glaubensrichtungen ermöglicht hatte? Moscheen, Kirchen und Synagogen wurden in Sarajevo nicht weit voneinander entfernt erbaut und die Stadt wird wegen dieser Besonderheit gerne mit Jerusalem verglichen.

 

Mit den bosnischen Studierenden zusammen besuchen wir soziale Einrichtungen im Kanton Tuzla. Ein Waisenhaus, eine ambulante Psychiatrie, ein Massnahmenzentrum für delinquente Jugendliche, ein Traumatherapie-Zentrum und eine Selbsthilfeorganisation von Kriegsveteranen. In den Organisationen treffen wir Sozialarbeitende. Sie arbeiten volontär. Ihre Hoffnung ist, irgendwann eine bezahlte Anstellung zu erhalten. Doch Geld ist augenscheinlich kaum vorhanden. Das Sozialamt hat seit einem halben Jahr kein Geld erhalten, um ihre Klienten finanziell unterstützen zu können.

 

Filteranlage abgestellt

Mit einem Reisebus fahren wir zu einem nahe gelegenen Stausee. Der Blick vom Restaurant auf den See ist traumhaft. Ein Holzsteg führt an den Strand. Doch das blaue Wasser trügt. Weil der See vergiftet ist, ist das Baden streng verboten. Über den See führt eine industrielle Seilbahn. Wir hören die Geschichte, dass eine staatliche Zementfabrik industriell genutztes Wasser ungefiltert in den See ableitet. Eine Kläranlage haben sie, doch diese werde wegen der Energiekosten nicht eingeschaltet. Dies erzählt uns eine Umweltaktivistin. Auf Berichte von NGO’s hin kontrollierte ein Staatsbeamter die Anlage und bescheinigte, dass alles korrekt sei. Gut für das Land und die Bevölkerung und deren Gesundheit ist das nicht. Immer wieder enden die Gespräche dieser Woche konsternierend damit, dass dies halt eine Sache der Politik sei.

 


Die Studienreise

Eine Gruppe von zwanzig Studierenden der FHNW Soziale Arbeit waren in der ersten Juniwoche auf einer sozialpolitische Studienreise in Bosnien-Herzegowina unterwegs. Fünf Tage lebten sie mit einheimischen Studierenden im Studentenwohnheim der Universität Tuzla. Begleitet wurden sie von ihren Dozentinnen Myriam Eser und Barbara Schürch, welche die Kontakte zur bosnischen Hochschule der Universität Tuzla sowie zu Entwicklungshilfeorganisationen im Land über Jahre hinweg aufgebaut haben. Finanzielle Unterstützung erhielt das Projekt von der Stiftung 3FO, die sich u.a. für die Schaffung von Lernräumen zur Kooperation und Konfliktbewältigung engagiert.

“Meistens sage ich einfach nichts”

Die 14-jährige Bernerin Laura Steiner* ist oft unsicher, wie sie reagieren soll, wenn sie mit der Handlung einer Freundin nicht einverstanden ist. “Meistens sage ich einfach nichts.” In einer brenzligen Lage wolle sie nicht auch noch einen Konflikt auslösen, selbst wenn sie falsch findet, was ihre Freunde tun. Andererseits sei es wichtig für sie, dass man zu seiner Meinung stehen kann. Auch die 14-jährige Ayla Schneider aus Wabern hält sich in einigen Situationen mit Kommentaren zurück: “Manchmal könnte meine Meinung jemanden verletzen. Ausserdem möchte ich nicht immer Partei ergreifen.”

 

Laura Steiner und Ayla Schneider geht es wie vielen der befragten Jugendlichen: Hin- und hergerissen zwischen Herzchen auf Facebook und wahrer Freundschaft ist es nicht leicht, sich mit dem Privileg der freien Meinungsäusserung zurecht zu finden. Norman Gattermann, Jugendarbeiter in Wabern, erklärt die schwierige Situation: “Was man sagt und was nicht, hängt mit vielen Faktoren zusammen. Wie man sich fühlt, ob man gerne im Mittelpunkt steht oder sich eher im Hintergrund hält, mit wem man unterwegs ist und ob man gerade nur mit einer Person spricht oder in der Gruppe diskutiert.”

 

Ein wichtiger Punkt ist auch das Verhältnis, das man zu seinen Freunden hat. “Es ist mir sehr wichtig, dass meine Freunde Gutes von mir denken, denn sonst würden sie mir nicht mehr viel anvertrauen”, so die 16-jährige Bernerin Bonita Straub. Man will verstanden werden, an einem Ort dazugehören und Leute haben, die einen akzeptieren und begleiten. Genau deshalb fällt es vielen schwer, sich gegen die Meinung der eigenen Gruppe zu stellen.

 

Was Demokratie und Gruppendruck verbindet

“Zwei gegen einen!” So lautet ein beliebter Spruch von Kindern, wenn sie in der Überzahl sind und wissen, dass sie ihren Willen durchsetzen können. Das grundlegende Prinzip der Demokratie ist damit von früh auf in den Kindern verwurzelt und bildet sich zu einem Gruppendenken aus, das sowohl positiv als auch negativ sein kann: Einerseits lernt man, dass es selbstverständlich ist, bei Entscheidungen auf andere zu hören und manchmal der Mehrheit nachzugeben. Aber andererseits wird auch der Gedanke gefördert, dass eine Meinung in der Minderheit weniger Wert hat.

 

Ob es ihr leichter fällt, jemanden zu kritisieren, wenn eine Gruppe ihr den Rücken stärkt, ist für Laura Steiner von Situation zu Situation unterschiedlich. “Wahrscheinlich fühle ich mich wohler, wenn die Mehrheit auf meiner Seite ist”, gibt sie zu. Für die 14-jährige Céline Walder dagegen ist es nicht wichtig, ob sie bei Kritik die Gruppe auf ihrer Seite hat: “Ich kritisiere Leute eigentlich nur, wenn mich etwas wirklich stört. Ob dann die Mehrheit meiner Meinung ist oder nicht, ist mir egal.”

 

Freunde, Autoritätspersonenen und viele Erfahrungen

Der 11-jährige David Brunner* aus Wabern findet es besonders schwierig, vor Autoritätspersonen ausserhalb der Familie zu seiner Meinung zu stehen: “Meinem Lehrer oder Fussballtrainer kann ich schlechter widersprechen als meinen Eltern.” Im Freundeskreis dagegen entscheidet David Brunner situativ, ob er sagt, was er denkt: “Bei den meisten Dingen ist es kein Problem, meinen Kollegen zu widersprechen, aber man merkt einfach, wann das geht und wann nicht.”

 

Im Jugendalter steht man mitten in der Entwicklung und muss anfangen, die Fäden der eigenen Persönlichkeit zu entwirren und neu zu verknüpfen. Da ist es schwer, den Druck der Gruppe auszuhalten, den man umgekehrt auch selbst auf sich ausübt. Allerdings seien Erwachsene keinesfalls von diesem Druck befreit, so Norman Gattermann: “Gruppenzwang und der Wunsch, sich anzupassen, kann bei Erwachsenen genauso vorhanden sein wie bei Jugendlichen – nur vielleicht in einem kleineren Ausmass.” Letztendlich gehe es vor allem darum, Erfahrungen zu machen und so die Art, wie man sich ausdrückt, zu verändern, erklärt der Jugendarbeiter. “Jugendliche erproben vor allem ihre Möglichkeiten und Grenzen. Im Laufe der Zeit lernen sie meistens, wie sie die eigene Meinung auf konstruktive Weise einbringen und so die höchste Wirkung erzielen können.”

 

Sich wehren, ohne anzuecken

Trotz der Unsicherheit setzen sich einige Jugendlichen in schwierigen Situationen klar für andere ein, auch wenn sie sich dazu von ihrer Gruppe abgrenzen müssen. Céline Walder erzählt: “Einmal hat ein Junge in meiner Schule ein Mädchen so krass fertig gemacht, dass es geweint hat. Alle schauten bloss zu. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich mischte mich ein, auch wenn ich das normalerweise nicht tue. Er drängte sie in eine Ecke. Ich stellte mich vor sie und fing an, ihm richtig meine Meinung zu sagen. Er war richtig erschrocken. Seit diesem Tag hat dieser Junge Respekt vor mir und hat sich nie wieder getraut, jemanden in meiner Gegenwart zu drangsalieren.” Auch Bonita Straub findet es falsch und ausserdem unnötig, eine Person aus der Clique auszuschliessen: “Wenn ich jemanden nicht mag, kann ich denjenigen einfach ignorieren – oder eben nur grüssen, und das wars.”

 

Laura sieht das anders. “Es kann einem echt auf die Nerven gehen, wenn jemand immer an einem rummeckert.” Allerdings fügt sie hinzu: “Die Schuld liegt aber nicht nur bei der Person, die ausgeschlossen wird, sondern auch bei derjenigen, die sie ausschliesst.”

 

*Name von der Redaktion geändert

 

 

Young Reporters


Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts Young Reporters und erschien erstmals am 12. Juli 2012 in der Onlineausgabe der “Berner Zeitung”. Tink.ch ist Partner von Young Reporters und veröffentlicht alle Beiträge fortlaufend.