Gesellschaft | 24.05.2013

Von Freiraum und Verantwortung

Text von Rade Jevdenić | Bilder von Raphael Moser
Ein Anlass polarisiert über die Landesgrenzen hinaus: Die Berner Tanzdemo "Tanz dich frei" steht dieses Jahr mit der dritten Ausgabe in den Startlöchern. Derweil scheiden sich, wenn es um "Tanz dich frei" geht, besonders in der Stadt Bern die Geister. Tink.ch traf auf Meinungen, die weit auseinandergehen.
Vor einem Jahr: 10'000 und mehr Leute tanzen auf den Strassen und Plätzen von Bern. Wieviele dieses Jahr kommen werden, ist unklar.
Bild: Raphael Moser

Wir schreiben den 3. Juni 2012, als mindestens 10’000 Teilnehmer der Grossdemo “Tanz dich Frei” durch Bern laufen, tanzen und nicht wenige torkeln. Von Sachschäden abgesehen, verläuft der Grossanlass ohne grössere Zwischenfälle. Die Bilder gehen um die Welt. Ein Jahr ist vergangen, der nächste Anlass steht vor der Tür. Die Drahtzieher bleiben im Dunkeln, das Event ist umstrittener denn je.

 

“Asoziale” Veranstalter

Die Organisation des “Tanz dich Frei 3” scheint derweil auf Hochtouren zu laufen. Die Drahtzieher hinter dem Event nennen sich “Das Kollektiv” und unterhalten die Veranstaltungsseite auf Facebook. Regelmässig wenden sie sich mit kürzeren Mitteilungen an die vielen User, welche mit der Seite des Events verlinkt sind. Kürzlich richteten sie auch einige Worte direkt an den Berner Gemeinderat Reto Nause, welcher im Interview mit der Berner Zeitung warnte, dass eine Teilnahme an “Tanz dich frei” mit grösseren Sicherheitsrisiken einhergehe. Rasch reagierte “Das Kollektiv” über Facebook. “Mittlerweile ist sich unfassbarerweise sogar die Organisation des Tanz dich Frei der baulichen Situation in der Innenstadt bewusst”, so die Medienmitteilung.

 

Für Erich Hess, Präsident der Jungen SVP Schweiz, liegt die Sache auf der Hand: “Das Tanz dich frei ist eine politische Veranstaltung der Reithalle”, meint der 32-jährige Politiker, “und wenn etwas passiert, will niemand verantwortlich sein oder die Haftung übernehmen.” Ein solches Verhalten sei laut Hess “asozial”. Denn die Kosten des Events müsse der Steuerzahler berappen und dies treffe auch Leute mit kleinem Einkommen. Des weiteren spanne die Reithalle Jugendliche, die nur wegen der Party kämen und mit Politik nicht viel am Hut hätten, für ihre Polit-Kampagne ein. Einen Mangel an kulturellen Angeboten gebe es jedoch in Bern gemäss Hess nicht. Die Personen hinter “Tanz dich Frei” versuchten, Leute für ihre alternativen Clubs anzuwerben: “Es scheint wohl, als würde das Gros der Jugendlichen jedoch aber andere Lokale bevorzugen.”

 

Kosten und Verantwortung

Die Stadt Bern plant derzeit parallel zum “Kollektiv”, jedoch an teuren Sicherheitsmassnahmen. Laut Gemeinderat Reto Nause, gebe es für die Kostenfrage noch keine Lösungsansätze: “Dies werden wir klären müssen, sobald der Anlass vorbei ist.” Letztes Jahr entstanden am Event Sachschäden von rund 100’000 Franken. Die Vorbereitungen der Stadt Bern gehen dieses Jahr auch bereits in den sechsstelligen Bereich. Nause versteht das Bedürfnis der Jugendlichen nach nicht-kommerziellen Freiräumen, an denen sie sich ungezwungen treffen können. Dies ist der Stadt bekannt und entsprechende Lösungen werden derzeit gesucht. Jedoch stört ihn am “Tanz dich Frei”, dass die anonyme Organisation hinter dem Event nicht bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Für Nause ist jedoch klar: “Die Verantwortung tragen diejenigen Personen, die zum Anlass aufrufen.” Auch wenn sie dies anonym tun. Die Stadt verfüge bis heute über keinen verlässlichen Ansprechpartner. Deshalb könne man sich nicht auf die Route verlassen und zentrale Sicherheitsfragen klären. Obwohl die Route aufgrund der baulichen Massnahmen in der Innenstadt verlegt wurde, scheinen die Gefahren nicht gefeit. “Die vorgeschlagene Route tangiert eine der Rettungsachsen, die wir vorgesehen haben”, so Nause.

 

Das Recht auf Freiraum

Zuversichtlicher sieht die 20-jährige Alice, aktiv bei der Jungen Alternativen (“JA!”) in Bern, die Situation. “Das Tanz dich Frei ist sinnvoll, weil hier Jugendliche auf eigene Faust etwas organisieren und sich den Raum, den sie dazu benötigen, auch nehmen”, so die Geschichtsstudentin. Die Junge Alternative stehe hinter dem Event, da man sich bei der “JA!” für öffentlichen Raum einsetze, welcher ohne Konsumzwang von allen genutzt werden kann. Über die Kosten ist sie sich zwar bewusst, kann allerdings das grosse Polizeiaufgebot nur schwer nachvollziehen. “Ich hätte lieber etwas weniger Repression”, so Alice. Weiter sagt sie, dass die Veranstalter nicht die alleinige Verantwortung übernehmen sollen. Jeder Teilnehmer selbst müsse zu einer gewaltfreien und sicheren Demonstration beitragen.

 

Genau diese Teilnehmer sollen zahlreich erscheinen, sofern man sich auf Angaben von Facebook verlassen kann: Rund 13’000 Teilnehmer haben sich online bereits zum Event angemeldet, über 40’000 weitere Personen wurden eingeladen. Wie viele sich bei den kühlen Temperaturen schlussendlich auf die Strasse wagen, wird sich spätestens diesen Samstag in Bern zeigen.