Kultur | 06.05.2013

Schutzlos und voll dabei

Text von Charlotte Hoes | Bilder von Charlotte Hoes
Vor sechs Jahren brachte sich Asaf Avidan, enttäuscht über das Ende seiner ersten grossen Liebe, das Gitarrenspielen selbst bei und begann, Musik zu machen. Am vergangenen Sonntag spielte er in Zürich ausserdem noch Mundharmonika und pfiff Melodien, dass sie durch Mark und Bein gingen.
Geradezu verletzlich gibt sich Asaf Avidan mit seinen melancholischen Liedern. Wer sich auf die charakteristische Stimme und ihrem emotionalen Einsatz einlassen konnte, blieb davon verzaubert.
Bild: Charlotte Hoes

Am meisten fesselt wohl sein Charakteristikum: die Stimme. Die ist – da sind sich die meisten wohl einig – aussergewöhnlich. Man kann sie mögen, oder eben nicht. Doch wenn man sie mag, dringt sie in jede Faser des Körpers über die Hörkanäle ein und geht schutzlos nahe, so schutzlos, wie sich der Sänger durch sein Gebären und sein Einlassen auf den Moment selbst auf der Bühne präsentiert. Eines kann man ihm wahrlich nicht vorwerfen: er sei nicht leidenschaftlich bei seiner Musik.

 

Er gibt viel preis von sich. Wenn er dort auf der Bühne steht, ist vermeintlich viel Platz zwischen ihm und dem Publikum. Gleichsam scheint er nackt, lässt die Verletzlichkeit seiner Musik an sich und jeden heran, der sich darauf einlässt. Vielleicht muss man mit einem gewissen emotionalen Gepäck auf das Konzert kommen. Vielleicht muss man die Augen schliessen und diese eigenartige Kombination von Text und Stimme wirken lassen. Aber wenn man das alles tut, geht man bereichert aus dem Zürcher “Komplex 457” heraus.

 

Rastlos unterwegs

Als Spross einer Diplomatenfamilie war der heute 33-jährige ständig unterwegs. Irgendwo zu Hause zu sein, kennt er nicht. Er sei heimatlos, sagte er zuletzt gegenüber der “Zeit”. Deshalb ist er auch die meiste Zeit des Jahres auf Tour, nur drei Wochen im Jahr gönnt er sich eine Pause und zieht sich ganz zurück. Schmerzlich suchend und gleichzeitig resigniert sind auch seine Lieder. Eine Art Therapie in der Verlorenheit der schnellen Welt, in die er sich nicht hineinfinden mag. Intensiv muss das Leben sein, genau wie seine Musik.

 

Aber es ist auch eine seltsame Entrücktheit in beidem: ihm und seiner Kunst. Auch das macht seine Musik so berührend. Nicht einfach nur die melancholischen Texte, die einfahrende Melodie und der signifikante Gesang. Die Lieder ohne die Person Asaf Avidan sind eigentlich nicht denkbar.

 

Ungewollter Erfolg

Umso erstaunlicher, dass die Mehrheit des Publikums nur wegen eines Stückes gekommen zu sein scheint. Jenes Liedes, welches Avidan selbst nicht einmal mag. Vor dem Remix von “The Reckoning” kann man sich kaum noch retten. Seit der Berliner DJ Wankelmut den Song neu mischte, ist auch Asaf Avidan mit dieser Version untrennbar verknüpft. Hierzulande scheint es ihn überhaupt erst bekannt gemacht zu haben. Damit ist er wenig glücklich. Er soll sich anfangs sogar gegen dessen Veröffentlichung gewehrt haben. Am Sonntag war das ebenfalls zu spüren: “Stell dir vor, ich komme an einem verdammten Abend an deine verdammte Tür und setzte mich in dein verdammtes Wohnzimmer und rufe ‘one day, one day’, entgegnet er auf die Rufe einiger Zuschauer.

 

Altes wie Neues

Wirklich übel nimmt ihm das keiner. Charmant erzählt er weiter von der Entstehung seiner Songs und damit auch von sich, gekleidet im charakteristischen, ärmellosen Shirt und mit Hosenträgern. Auf der Bühne unterstützen ihn zwei Frauen und Männer, die ihn bis auf den Schlagzeuger alle auch gesanglich begleiten. Sie spielen Stücke von seinem neuen Soloalbum “Different Pulses” und solche von seiner ehemaligen Band “The Mojos”. Bekannte Lieder wie “Weak” und “Maybe You Are” sind darunter. Und immer wieder von neuem wirft er sich mit allem, was er hat, in seine Musik und Gefühle hinein. Wenn man ihm folgen mochte, war es ein verzaubernder Abend.