Gesellschaft | 25.05.2013

Partyspass und Tränengas

Text von Peter Pan | Bilder von Matthias Käser
Alle Jahre wieder: In der Nacht auf heute hat in Bern das dritte "Tanz dich frei" stattgefunden. Unser Reporter war vor Ort und hat sich selbst ein Bild von der lang erwarteten Tanzdemo gemacht.
Das diesjährige Tanz dich frei - zwischen Demonstration und Fasnacht.
Bild: Matthias Käser

Acht Uhr

Ich steige aus dem Tram Nr. 8 in der Schwanengasse. Der Bahnhofsplatz ist etwa hundert Meter weit entfernt, doch die Zeichen sind unverkennbar: Bass und Stimmengewirr wehen durch die Gassen. Party liegt in der Luft. Touristen, die aus demselben Tram aussteigen, scheinen von der Geräuschkulisse überfordert, Einheimische grinsen sich gegenseitig wissend an. Das “Tanz dich frei” geht heute in die dritte Runde. Als ich beim Bahnhofsplatz ankomme, treffe ich ein anderes Ambiente an, als noch vor einem Jahr: Alles wirkt durchorganisiert. Die Wagen, die letztes Jahr noch eher behelfsmässig zum Einsatz kamen, sind dekoriert und teilweise in themenbezogene Partymobile umfunktioniert worden. Die noch überschaubare Menge an Teilnehmenden lässt keine Ausschreitungen vermuten. Die könnte man glatt an der Baustelle, die sich mitten durch Bern zieht, vorbeimanövrieren, schiesst es mir durch den Kopf. Ich bin gespannt, was der Abend in Petto hat.

 

Einundzwanzig Uhr dreissig

Zwar ist am Bahnhofsplatz nicht viel mehr los als vor knapp zwei Stunden, aber das Fest hat sich mittlerweile in die umliegenden Strassen ausgebreitet: Jeder Wagen spielt unterschiedliche Musik, es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Im Abstand von jeweils fünfzig bis hundert Metern dröhnen einem Elektro, Techno, Dubstep, aber auch Hip Hop und Reggae entgegen. Die Leute haben Spass und bilden Trauben. Nach einem Rundgang muss ich mein Statement von vor eineinhalb Stunden zumindest teilweise revidieren: Das Publikum geht auch dieses Jahr wieder in die höheren tausend und geniesst das Fest. Die Stimmung passt zur schrillen Aufmachung der meist von Traktoren gezogenen Wagen.

Es ist Fasnacht – im Mai. Nicht, dass der Monat viel aussagt: Es ist kalt und der Regen erholt sich nur vorübergehend von seinem Einsatz. Davon lässt sich jedoch niemand stören. Man ist gut gelaunt und tanzt – eine schöne Party, mitten in den Strassen der Hauptstadt.

 

Dreiundzwanzig Uhr dreissig

Ich bin durstig und gehe deshalb zu einem der vielen Wagen, der lakonische – aber aussagekräftige – Schriftzug “BIER” prangt auf einem weissen Leinentuch. Ich drücke einem Mitglied der Besatzung die erforderlichen drei Franken in die Hände. Und irgendwie kommt es mir seltsam vor, als ich im Gegenzug die kühle Aludose in Empfang nehme. Gab es diese Einkaufsmöglichkeit letztes Jahr schon? Wahrscheinlich. Vielleicht ist sie mir damals nicht aufgefallen. Jedenfalls kostet ein Bier der Sorte, die an diesem Wagen zu erwerben ist, im richtigen Laden geschmeidige fünfzig Rappen. Gehen die restlichen zwei Franken fünfzig an den Kampf gegen den Kapitalismus? Dass sie in einen Fond für die Wiedergutmachung von Sachschäden fliessen, bezweifle ich jedenfalls. Nicht, dass es an Schäden zu wenig gäbe: Die Glasfassaden renommierter Versicherungen und diverser Geschäfte werben seit heute Abend – nicht ganz freiwillig – in knallroter Schrift für globalen Kommunismus und den Umsturz des Systems.

 

Mitternacht

Ich habe mich weiter umgeschaut und bin dabei in die Nähe des Bundesplatzes geraten. Es verwundert mich nicht, dass weiter vorne Feuerwerk gezündet wird. Überrascht bin ich erst, als meine Augen zu brennen anfangen und meine Nase läuft: Offenbar hat die Polizei keine Freude an der Pyrotechnik. Menschenmassen strömen ziellos hin und her, “Tränengas” ist das Wort der Stunde und die Feiernden sind plötzlich gereizt. Und das nicht nur die Schleimhäute betreffend. Irgendwie macht mir diese Party gleich weniger Spass. Ich trete den geordneten Rückzug zum Bahnhofsplatz an. Das Durcheinander hat sich bereits bis dorthin ausgebreitet: Leute binden sich Halstücher ums Gesicht, suchen sich ihre Begleiter zusammen und mir kommt es so vor, als ziehen auch schon aus einer anderen Strasse verheissungsvolle Dunstschwaden auf, in die ich meine Nase lieber nicht stecken will. Ich befinde, dass ich mich für dieses Jahr genug freigetanzt habe.

 

Zwei Uhr

Es ist nicht verwunderlich, dass die Veranstaltung “Tanz dich frei” umstritten ist. Sie polarisiert. Die einen sehen sie als Kritik am Kapitalismus, andere als organisierte Verschandelung des Stadtbilds. Am Ende jedoch ist das “Tanz dich frei” nichts anderes als eine Party. Und eine Gute noch dazu. Ob man den Kapitalismus abschafft, indem man am Rande einer guten Party Pyros zündet oder Abschrankungen demoliert, ist fraglich. Ob es nötig ist, wegen der Provokationen einiger weniger die Stimmung mit Tränengas zu ersticken, ebenfalls. Nachtleben ist in Bern seit Jahren ein Zankapfel – und wird es in Anbetracht des heutigen Abends wohl weiterhin bleiben.