Kultur | 01.05.2013

Orientierung für moderne Pilger?

Text von Anna Riva | Bilder von Anna Riva
Das Basler Museum der Kulturen geht der Frage nach der Bedeutung der spirituellen Pilgerreisen in der heutigen säkularisierten Gesellschaft nach. Zehn Monate lang beherbergt der oberste Stock des am Münsterplatz gelegenen Museums Heiligtümer, Idole und geweihte Schriften, die die Macht haben, mehr als 200 Millionen Menschen aus aller Welt pro Jahr auf den Weg zu setzen. Und das nicht nur zur Erfüllung einer religiösen Pflicht, sondern auch aufgrund eines ganz menschlichen, profanen Bedürfnisses.
1950 km nach Santiago, viele weniger zum Museum der Kulturen. Die Ausstellung "Pilgern boomt" ist noch bis am 21. Juli im Basler Museum der Kulturen zu betrachten.
Bild: Anna Riva

Nachdem man vier Stockwerke zu Fuss hochgelaufen ist, liegt der Wunsch nach einer göttlichen Erlösung nahe – wenn möglich sollte dieser Gott eine Wasserflasche in der Hand halten. Was aber die erschöpften Museumsbesuchenden erwartet, ist viel mehr als die irdische Manifestation eines Geistes.

 

Denn es scheint, als hätten alle Götter des Olymps das Museum der Kulturen zum temporären Aufenthaltsort ihrer heiligen Gegenstände und Schriften erkoren. Der geräumige Saal wimmelt von einer umfänglichen Menge an Gedenkstätten, Jungfrauenstatuen und Kreuzen, so dass gar nicht Gläubige gegen den Trieb kämpfen müssen, sich beim Eintritt zu bekreuzigen. Es fehlt an nichts: Von den goldenen Götzenbildern bis zu den kitschigsten Souvenirs, den Auswüchsen unserer Kommerz-Ära, die in der Regel an Wallfahrtsorten die Kasseneinkünfte erheblich steigern lässt.

 

Pilgern als menschliches Bedürfnis

Obwohl sich die Ausstellung “Pilgern boomt” hauptsächlich auf christliche Wallfahrtreisen konzentriert, wird das Pilgern als ein allen Religionen gemeinsames Phänomen dargestellt. Besonderes Gewicht nimmt demzufolge die Frage nach der Natur des menschlichen Bedürfnisses an, das die mühsamen wochen-, manchmal sogar monatlangen Reisen rechtfertigt. Mit dieser Ausstellung wird die totale Verdrängung des Religiösen in der modernen Gesellschaft verneint: Vielmehr wird eine funktionale Vermischung zwischen weltlichen und sakralen Bereichen thematisiert.

 

Warum pilgern?

Pilgerreisen stehen mit ihrer eigentümlichen Langsamkeit und ihren Gemeinschaftserlebnissen in vollem Kontrast zum hektischen Alltag mit seinen Pflichten und Bürden. Wie es in der Ausstellung zu lesen ist, werden sie aus ganz unterschiedlichen Gründen unternommen, etwa wegen Kummer, Unwohlsein oder Krankheit. Und jeder Pilger erhofft am Ende seiner Reise eine Art spirituelle Reinigung, die seinem Leben eine Wende gibt und ihn mit neuer Kraft erfüllt. Beliebte Wallfahrtsziele sind meistens Orte, wo Gläubigen zufolge Wunder geschehen sind, von denen Mirakelbücher ebenso wie moderne Reiseorganisationen reichlich berichten. Besonders interessant sind körperliche Schmerzen, die Bussen und das Leid, die oft mit Pilger im Zusammenhang stehen und quasi als Gegenleistung für die spirituelle Transformation den Göttern angeboten werden.

 

Die Ausstellung fordert zur Reflexion auf. Was suchen wir Menschen in dieser modernen Epoche, wo alle Sicherheiten verschwunden zu sein scheinen? Wieso brauchen wir ständig die Sicherheit oder die Bestätigung, überirdische Wesen stehen uns im diesseitigen Leben bei? Wirken Politiker, Schauspieler und Sportler heutzutage nicht als gottähnliche Gestalten? Was verbirgt das Bedürfnis nach Verehrung? Wem vertrauen wir unser Leben an, und unter welchen Kosten? Einen Teil der Antworten auf diese Fragen liefert die Ausstellung, wenn wir uns für zwei Stunden in die Rolle des Pilgernden hineinversetzen und den vierten Stock des Museums der Kulturen erkunden. Eine, wenn nicht spirituelle, zumindest intellektuelle Reinigung kann uns positiv überraschen.