Gesellschaft | 14.05.2013

Kindererziehung nach Gottes Plan

Text von Sina von Aesch | Bilder von Sina von Aesch
Im April 2013 untersuchten die Fachstelle Infosekta und die Stiftung Kinderschutz Schweiz zwei umstrittene, evangelikale Erziehungsratgeber. Viele Freikirchen wurden daraufhin gerügt, systematische Züchtigung und psychischen Terror an Kindern auszuüben. Das Bieler Tagblatt kritisierte am 9. April 2013 insbesondere die landeskirchliche Gemeinschaft Jahu. Tink.ch traf Thomas Kunz, Mitglied der Gemeinschaftsleitung dieser Freikirche.
Die Bieler Freikirche Jahu lud die amerikanischen Autoren zu einem Vortrag ein.
Bild: Sina von Aesch

Im Erziehungsratgeber „Growing Kids God’s Way“ oder zu Deutsch „Kindererziehung nach Gottes Plan“ werden unterschiedlichste Methoden der Erziehung diskutiert. Das Buch stammt vom US-Autorenpaar Anne Marie und Gary Ezzo, die in Amerika durch ihre Erziehungsratgeber in evangelikalen Kreisen grosse Popularität erlangten. Den Inhalt dieser Bücher bieten sie in diversen Ländern auch als Erziehungskurs an, unter anderem in der Schweiz.

 

Mit gesundem Menschenverstand

Infosekta kritisiert vor allem das sogenannte elterngelenkte Füttern (EGF). Diesem System liegt laut Herr und Frau Ezzo die Idee zugrunde, dass jedes Kind nach dem Rhythmus seiner Eltern gefüttert oder gestillt werden muss. In der ersten Ausgabe wurden vier Stunden vorgegeben, in Folge starker Empörung von Fachleuten und Lesern noch drei Stunden in der zweiten und in der dritten von 1998 noch zwei Stunden. Das Ehepaar Ezzo rät, ein Baby auch mal schreien und sich nicht von ihm „tyrannisieren“ zu lassen. Im Ratgeber wird bereits ein Säugling als manipulativ bezeichnet und Eltern werden davor gewarnt, Sklaven ihrer Kinder zu werden.

 

Thomas Kunz spricht sich deutlich dagegen aus, Babys schreien zu lassen. „Wenn meine Kinder weinten, wurden sie gestillt, egal, ob die drei Stunden bereits um waren oder nicht. Wichtig ist, dass man einem Kind durchaus einen Rhythmus lehren kann. Es geht aber nicht darum, diesen um jeden Preis durchzuziehen, sondern mit gesundem Menschenverstand von Situation zu Situation neu zu entscheiden.“

 

Der amerikanische Filter

Die Ezzos waren 2011 in der Gemeinde Jahu als Gastredner eingeladen. Jahu ist in Biel und Umgebung eine bekannte wie auch umstrittene Gemeinschaft und hatte bereits verschiedentlich mit Sektenvorwürfen zu kämpfen. Thomas Kunz, einer der Verantwortlichen bei der Freikirche, stellt sich der Frage von Tink.ch, warum das Paar Ezzo trotz dem Wissen um die Kritik rund um deren Publikationen eingeladen wurde. Er erklärt, dass sie innerhalb der Gemeinde im Vorfeld lange Diskussionen führten und sich dann für die Ezzos entschieden, weil sie unter anderem über einige Aspekte mehr wissen wollten. Die Ezzos betonen in ihrem Ratgeber die Wichtigkeit der Pflege der Paarbeziehung in einer Familie und die Wichtigkeit Kinder zu selbständigen und eigenverantwortlichen Menschen zu erziehen. „Für uns als Gemeinschaft war es ein wichtiger Input, die Beziehung des Paares wieder vermehrt ins Zentrum zu stellen. Wir sind überzeugt, dass die Ehe gepflegt werden muss. Wenn es einer Ehe gut geht, geht es auch dem Kind gut.“

 

Der Tipp aus dem Buch, sich jeden Abend zuerst eine halbe Stunde mit seiner Frau über den Tag auszutauschen, sei für Kunz in der Praxis nicht umsetzbar und viel zu gekünstelt. Wenn er in den Büchern der Ezzos lese, schalte er automatisch den „amerikanischen Filter“ ein. Er erklärt, dass er nichts direkt übernehmen könne. „Wenn da also steht, ich solle meine Ehe wieder ganz zum Zentrum meines Lebens machen, heisst dies für mich nicht, dass ich das Kind deshalb vernachlässige. Es gibt mir vielmehr einen Denkanstoss und ich gebe mir Mühe, etwas zu verbessern.“ Man dürfe nicht vergessen, dass die Amerikaner einen ganz anderen sozio-kulturellen Hintergrund haben als wir Westeuropäer. Dieser Unterschied sei in den vergangenen Medienberichten nicht berücksichtigt worden. „Die amerikanische Kultur nimmt auch nicht alles wörtlich. Sie haben grundsätzlich eine positive, hoffnungsorientierte Grundeinstellung,“ ist Kunz überzeugt.

 

Körperstrafe als allerletzte Konsequenz

Vor dem Vortrag der Ezzos wurde dessen Inhalt mit der Leitung der Jahu abgesprochen. „Es wurde bewusst darauf verzichtet, Blöcke über körperliche Züchtigung einzuplanen, weil dies für uns kein zentrales Element in der Erziehung darstellt“, erzählt Kunz. In einigen Stellen des Buches wird davon geschrieben, dass Züchtigung „ein nötiges Mittel zur moralischen Erziehung des Kindes“ sei. Begründet wird diese Position durch das immer noch gültige Dogma der Erbsünde. Dies wiederum impliziert für streng evangelikale Kreise, dass Eltern dem Kind helfen müssen, es von seinem „sündigen Herzen“ zu befreien. Die Empörung der hiesigen Bevölkerung ist angesichts dieser Haltung durchaus verständlich.

 

Auch Kunz hat Verständnis für all jene, die sich nach den Berichten schockiert und teilweise sehr wütend an ihn wandten: „Ich verstehe, dass einige Leute erzürnt waren. Durch diese tendenziöse Berichterstattung werden aber alle evangelikalen Christen in einen Topf geworfen.“ Kunz hält es für unfair, wenn Personen, die in einer Studie kritisiert werden, vor deren Veröffentlichung nicht informiert werden. „Wir wurden regelrecht überfahren von Reaktionen aus dem Umfeld.“

 

Die Leitung der Bieler Freikirche distanziert sich denn auch ganz klar von jeglicher Gewalt an Kindern. Kunz betont den „amerikanischen Filter“: „Wir haben nie auch nur daran gedacht, Kinder in irgendeiner Weise systematisch zu züchtigen. Wir sind gegen Gewalt jeglicher Art.“ Trotzdem könne es vorkommen, dass ein Kind mal einen „kontrollierten Tätsch aufs Füdli“ bekomme, dies sei für ihn keineswegs Gewalt. Über diese Aussage lässt sich streiten. Die Studie der Infosekta hat die klare Ansicht, dass jegliche körperliche Strafe ein Verstoss gegen die Unversehrtheit des Kindes ist. Auch Kunz ist es wichtig, dass Körperstrafe nur die allerletzte Konsequenz sein darf und fügt an: „Wer sein Kind schlägt, gibt zu, überfordert zu sein.“

 

Emotionale Debatte abkühlen lassen

Die Studie hat hohe Wellen geworfen, weil sie ein Thema bearbeitet, zu dem die meisten eine klare Meinung haben. Für Kunz ist die Studie wichtig: „Sie gibt uns den Anstoss, innerhalb der Gemeinde wieder einmal grundlegend zu diskutieren, wofür wir stehen wollen.“ Die Gemeinde Jahu in Biel hat im November eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit zwölf verschiedenen christlichen Erziehungsratgebern auseinandersetzt. „Wenn diese Gruppe mit ihrer Arbeit fertig ist, werden wir öffentlich zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Für uns scheint die Diskussion im Moment aber noch zu emotional und eine verfrühte Stellungnahme unserseits würde nur noch mehr Öl ins Feuer giessen.“