Kultur | 02.05.2013

Intime Einblicke und leere Hände

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von zvg
Noch bis zum 12. Mai präsentiert das Basler Museum für Gegenwartskunst unter dem Titel "Tell It To My Heart: Collected by Julie Ault" eine Auswahl von Werken aus der Sammlung der Künstlerin und Kuratorin Julie Ault. Über 200 Kunstobjekte, welche sich in über 30 Jahren in ihren Wohnungen angesammelt hatten, fanden Eingang in die aktuelle Ausstellung des Museums.
Die Slogans ihrer knallbunten Drucke übernimmt Corita Kent aus Zeitschriften der Popkultur. Steve Evans Aufschrift prangt auch über dem Schlafzimmer in der Wohnung Julie Aults.
Bild: zvg

Wer als Besucher den Ausstellungsraum im Erdgeschoss des Museums für Gegenwartskunst betritt, wird sogleich von den Waldgeräuschen von Sadie Bennings Animationsfilm “The Baby” empfangen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes wird die Diashow “Lucky Chairs” mit den sich wie zum Tanze immer wieder neu formierenden Stühlen auf die weisse Wand projiziert. Umsichtig weicht der Besucher der Lichterkette von Felix Gonzalez-Torres aus, welche neben dem Diaprojektor auf dem Boden drapiert wurde. Sehr konzeptuell und geheimnisvoll machen sich die Kunstwerke in diesem ersten Raum aus.

 

In der gesamten Ausstellung wird auf weiterführende Angaben zum Kontext der einzelnen Exponate verzichtet. Der uneingeweihte Betrachter steht zu Beginn relativ verloren im Raum und fragt sich, nach welchen Kriterien ausgestellt wurde und wie die einzelnen Objekte miteinander in Zusammenhang stehen. Transportieren sie möglicherweise eine verdeckte politische Botschaft? Schliesslich galt für Julie Ault seit ihrer aktiven Zeit bei der New Yorker Künstlervereinigung Group Material die Präsentation von Kunst im öffentlichen Raum als eine Form von politischem Aktivismus.

 

Komplexe Werkbezüge

Tatsächlich steht in der aktuellen Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst für Ault weniger die politische Aussage der Werke selbst im Vordergrund als die vielen impliziten und expliziten Bezüge, die sich zwischen den gezielt miteinander gruppierten Exponaten bilden. Die Objekte wurden in enger Zusammenarbeit mit der Sammlerin Ault nach Konzepten arrangiert, die sich dem Besucher nicht gleich auf den ersten Blick erschliessen. Dies vor allem, wenn er mit Julie Aults Vergangenheit und ihrem Schaffen nicht vertraut ist. Auf zwei Stöcken finden sich grosse und kleinformatige Werke aus so unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen wie der Fotografie, der Videokunst, der Installation, des Siebdrucks und der Malerei. Kreativ wirkt auch die Verteilung der einzelnen Bilder in den Räumen, wobei sowohl verhalten behängte Wände als auch wandübergreifende Bildertapisserien zu finden sind.

 

Popkultur und Gottvertrauen

Bevorzugt handelt es sich bei den Exponaten um Werke der künstlerisch tätigen Ordensschwester und Friedensaktivistin Corita Kent, sowie der Installationskünstler Felix Gonzalez-Torres und Danh Vo. Vor allem die knallbunten Drucke von Kent aus den wilden 1960er Jahren mit ihren prägnanten, der Popkultur entnommenen Slogans wie “Let the Sun shine in” oder “Jesus never fails” verweisen in ihrer Ästhetik einerseits auf die Werbeindustrie, widerspiegeln jedoch gleichzeitig auch bewusst das Lebensgefühl der damaligen Jugend und einen gewissen religiösen Grundgedanken. Als Akzente wurden zwischen Kents wandfüllender Werksammlung geschickt einige Bilder von Andreas Serrano geschmuggelt, in denen die Thematik des Blutes mit christlichen Symbolen und Symbolfiguren in Verbindung gebracht wird. Sie fügen sich jedoch derart diskret in das Arrangement von Kents Siebdrucken, dass sie vom Betrachter gar nicht erst als Fremdkörper wahrgenommen werden.

 

Auf eigene Faust

Etwas weniger subtil zeigen sich die Referenzen zwischen den Werken in Raum Nummer vier. Mike Gliers “Clubs of Virtue”, mit Ausdrücken wie “Tolerance” oder “Hope” beschriftete Holzlatten und Baseballschläger, sind direkt neben Edward S. Curtis’ Aufnahmen von Ureinwohnern Amerikas platziert – eine bitterböse Spitze gegen geheuchelte Tugend und Rassendiskriminierung. An der Wand gegenüber findet sich jene Aufschrift von Steve Evans, welche für den Namen der Ausstellung Pate stand: “Macho Man, Tell It To My Heart”. Ironischerweise hing jene Aufschrift zuvor in Aults Wohnung über der Schlafzimmertür. Solche kleinen intimen Details vermögen erst die volle Hintergründigkeit gewisser Werke und Werkbezüge zu klären, werden aber erst durch den Ausstellungskatalog ersichtlich. Die Präsentation von Julie Aults Privatsammlung wirkt, als wäre sie in erster Linie für ein Insider-Publikum gedacht. In der Ausstellung selbst erfährt man nicht, dass die meisten Exponate persönliche Geschenke der Künstler an die Sammlerin sind. So bleibt es beim Museumsbesucher, die Entstehungsgeschichte und Erinnerungen zu erraten, die mit den Stücken verknüpft sind. Vermittels ihrer Sammlung erlaubt Julie Ault den Besuchern einen privaten Einblick in ihr Leben, gibt ihnen dabei jedoch keine Orientierungshilfen mit auf den Weg. Die Ausstellung ist eine Reise in das Innere von Ault, die jeder Besucher auf eigene Faust und mit leeren Händen antreten muss.

 

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