Gesellschaft | 01.05.2013

Im hohen Norden

Im Juni 2009 stand Sarah auf einem Felsen am Ufer des Atlantiks, blickte in das endlose Blau hinein und beschloss, nach Norwegen auszuwandern. Heute sind diese Felsen ihr Zuhause geworden. Zurück in die Schweiz möchte sie nicht.
  • 300 Kilometer nördlich des Polarkreises ...

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  • Stockfisch am Trocknen: Für Touristen ein eher streng riechend, für die Einheimischen der Geruch des Geldes.

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  • Stockfisch am Trocknen: Für Touristen ein eher streng riechend, für die Einheimischen der Geruch des Geldes.

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  • Fischerboot: Moderne Technologie hat den Fischerberuf einen anderen gemacht.

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  • Die Autorin und das Meer: Blick ins endlose Blau.

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  • Typischer Blick auf Reine: Deswegen kommen die Touristen in Scharen her.

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  • Reine by night: Bei der Fischfabrik wird auch nachts gearbeitet.

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  • Nordlichter: Tanzende Lichtformen am Himmel über Reine.

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  • Nordlichter: Tanzende Lichtformen am Himmel über Reine.

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  • Nordlichter: Tanzende Lichtformen am Himmel über Reine.

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  • Friedhof zwischen Reine und Å: Der wohl schönste Ruheort der Welt.

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  • Am Ende der Welt - oder zumindest der Lofoten.

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  • Eine Welt in Pastellfarben: Bucht südlich von Reine.

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  • Morgenstimmung in Reine: Die Holzkonstrukte für den Stockfisch werden zur beeindruckenden Kulisse.

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  • Der Hausberg von Reine: Der Olstind ist in manch einem Ferien-Fotoalbum verewigt.

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  • Morgenstimmung in Reine: Die Holzkonstrukte für den Stockfisch werden zur beeindruckenden Kulisse.

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  • Reichtum dank dem Fisch: Herrschaftliche Häuser an bester Lage.

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  • Huskies im Schnee: Die Autorin mit Frøya und Anker. (Foto: Tristan Neri)

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  • Die Bucht von Reine: Das Licht der Abendstimmung bleibt hier im Winter stundenlang an den Felswänden hängen

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  • Haus am Meer: Fischerhaus Nummer 8.

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  • Im Bunesfjord ist man mit sich selbst alleine: Nur ein paar verlorene Ferienhäuser stehen hier, doch im im Winter sind sie verlassen.

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  • Im Bunesfjord ist man mit sich selbst alleine: Nur ein paar verlorene Ferienhäuser stehen hier, doch im im Winter sind sie verlassen.

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  • Sarah Wyss lebt seit 2010 auf den Lofoten. (Foto: ZVG)

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Dieser Text erscheint unter anderen in unserem aktuellen Printmagazin. Es trägt den Titel “Leistungsdruck”. Vier mal im Jahr veröffentlicht Tink.ch ein Magazin in Papierform. Wir würden uns freuen, wenn wir dir auf diesem Weg das tinksche Lesevergnügen bereiten könnten. Hier kannst du das Tink.ch-Themenmagazin bestellen.

Das Tink.ch-Team wünscht eine angenehme Lektüre!

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Sarah war 28, als sie ihre Sommerferien im hohen Norden verbrachte. Mit Rucksack, Gaskocher und Zelt beladen, eine Freundin im Schlepptau und mit Essen für mehrere Tage ausgerüstet, wanderte sie quer über die Vesterålen und die Lofoten, zwei vorgelagerte Inselgruppen an der norwegischen Atlantikküste. Sie war damals gerade dabei, Zürich zu verlassen und nach Biel zu ziehen, um dem Tages Anzeiger und dem dort drohenden Stellenabbau den Rücken zu kehren und in Bern bei einem kleinen Magazin anzuheuern. Vorher hatte sie in Winterthur ihr Studium als Kommunikatorin abgeschlossen – eine vielversprechende Karriere im Journalismus oder der Kommunikationsbranche erwartete sie.

Und doch: innendrin rief Norwegen nach ihr. Schon immer hatte sie eine Faszination für dieses Land verspürt und als sie 2009 dort auf diesem Felsen stand, vor sich nichts weiter als dieses endlose, wuchtige Blau, da wurde ihr bewusst: Jetzt oder nie!

Service-Pinguin und Barmaid

“Ich fand mich nach diesen Ferien plötzlich nicht mehr zurecht in der Schweiz”, erinnert sie sich. Als sie sich am neuen Arbeitsplatz nicht richtig wohfühlte, beschloss sie, einen Sommer in Norwegen zu verbringen. Ohne Kenntnis der Landessprache, wohlgemerkt. Und so wurde aus der Schweizer Journalistin eine Reiseleiterin in Nordnorwegen. Im Frühling 2010 kündigte Sarah Wohnung und Arbeit, brachte die Katze zu ihrer Schwester, packte ein paar Kisten und war weg. Aus Biel war Gravdal auf den Lofoten geworden, Sarah streifte sich eine weisse Bluse über und holte fortan Touristen bei den Kreuzfahrtschiffen für die Landausflüge ab, um ihnen etwas über die Landschaft, die Leute und die Tiere der Lofoten zu erzählen. Sarah war glücklich, schickte gigabiteweise paradiesische Bilder nach Hause, unternahm lange Wanderungen und war im Paradies angekommen. Und sie beschloss, zu bleiben.

Eine neue Schneefräse

Heute, zwei Jahre später, steht Sarah vor ihrer Hotelanlage und hantiert an den Zuggeschirren ihrer beiden Huskies herum. Das Telefon hat sie zwischen Schulter und Ohr geklemmt; in fliessendem Norwegisch organisiert sie gerade die glorreiche Ankunft ihrer niegelnagelneuen Schneefräse. Die Hunde Anker und Frøya ziehen übermotiviert in verschiedene Richtungen davon, Sarah stolpert zwischen ihnen durch den Schnee, “Stå!”, ruft sie und nein, morgen Vormittag sei sie nicht an der Rezeption. Ja, am Nachmittag sei gut. Klar habe sie einen Benzinkanister. Sie legt auf, rollt mit den Augen, lacht.

Die Karriere als Servierdüse und Rezeptionistin hat Sarah längst hinter sich gelassen. Heute ist sie Geschäftsführerin von Reine Rorbuer und managt 36 Bungalows und ein Restaurant, die in der Hauptsaison meist voll belegt sind. Das hat sich mehr oder weniger zufällig ergeben. Als dem ehemaligen Geschäftsführer gekündigt wurde und Sarah die einzige war, die sich in dem Chaos, das er zurückliess, halbwegs auskannte, ernannten sie die Besitzer kurzerhand zu seiner Nachfolgerin. Und dabei blieb es. Nun kauft sie eben Schneefräsen, managt ihr Personal, die Bungalows, nimmt Buchungen entgegen, löst Probleme der Gäste, rät zu schönen Ausflügen, geht zwischendurch mit ihren Hunden raus, plaudert mit den Fischern, bringt die Webseite auf Vordermann.

Die Welt in Pastellfarben

“Anker! Frøya! Ok!” Auf Kommando stürmen die beiden Hunde Richtung Hauptstrasse. Auf dem Weg kommt ihnen einer der wenigen Gäste entgegen, die sich im Winter hierher verirren. Der Chinese will einen Adapter für sein Kamera-Aufladegerät. Etwas besorgt weicht er den beiden Hunden aus. “Deshalb sind sie alle hier”, erklärt Sarah. “Die Fotos.” Tatsächlich ist Reine eines der häufigsten Motive der ganzen Inselgruppe. Auf allen Bildern erstrahlt der Hausberg “Olstind” in warmem Licht, darunter die roten Häuschen, die Brücken, der Schnee, darüber die Nordlichter. Im Winter existiert die Welt hier oben nur in Pastellfarben. Am Nachmittag werden auf der Brücke, die Reine mit der Hauptstrasse verbindet, busweise Touristen abgeladen. Sie packen ihre Stative aus, montieren ihre riesigen Kameras, klick-klack, und weiter geht’s.

Reiche Fischer

Biegt man auf der Brücke nach links ab, kommt man nach acht Kilometern nach Å. Und in Å, so scheint es, hört die Welt auf. Die Strasse, die hier hinunter führt, macht am Ende eine Schleife und dann geht es nur noch zurück. Ein Restaurant gibt es und eine Bäckerei, beides nur von Mitte Mai bis Mitte August geöffnet, und ein paar Wohnhäuser, die meisten Ferienhäuser sind im Winter verlassen. In Reine gibt es immerhin einen Arzt, eine Kirche, einen Kindergarten und ein Gemeindehaus. Und vor allem eine Tankstelle, die den 329 Einwohnern als Treffpunkt und Lebensmittelladen dient.

Und dann ist da noch die Fischfabrik. Der Kabeljau ist die Lebensgrundlage der Lofoten und der Grund, warum hier seit Jahrtausenden überhaupt jemand lebt. Ebenso sind sie der Grund für die schweren Pickups und schönen Häuser. Fischfang ist lukrativ. Die Zeiten, in denen man nicht wusste, ob der Mann, Bruder oder Sohn jemals wieder nach Hause kommt, sind längst vorbei. Mobilfunk und moderne Boote haben das Metier sicherer und den ständigen Kontakt zwischen See und Land möglich gemacht. Trotzdem ist er hart, der Fischerberuf. Ausgerechnet in den Wintermonaten, wenn die norwegische See am wenigsten einladend wirkt, laicht der Kabeljau vor der Inselgruppe. Und dann heisst es früh aufstehen. Noch heute weiss man kaum, wann die Männer zurückkommen. Abhängig von Wetter und Fischbestand sind sie nur einige Tage oder wochenlang unterwegs.

Die meisten Fische enden als Stockfisch auf den Holzgestellen. Ihnen wird der Kopf abgetrennt, dann werden zwei und zwei an der Schwanzflosse zusammengebunden und kopfüber aufgehängt. Gut drei Monate trocknen sie im Freien und sorgen für den typischen Geruch, der die Lofoten im Winter umweht. Wir Touristen rümpfen darob die Nase. Nicht so die Einheimischen: Für sie ist es der wohlriechende Geruch des Geldes.

Rentierfleisch für das New York Times Magazine

Inzwischen ist Sarah mit den Hunden zurückgekommen. Vor der Rezeption wartet ein Mann, der sofort begeistert auf Anker zugeht. “Oh my god! These eyes! Can I take a picture?” Sarah packt etwas Rentierfleisch aus der Tasche und hält es dem blauäugigen Husky vor die Nase. Dieser spitzt die Ohren und macht keinen Wank. Klick-klack. Der Fotograf des New York Times Magazines ist zufrieden. Eigentlich ist er aber für etwas anderes da. Die Fischerhütten. Die Nummer 8 interessiert ihn besonders. Ganz vorne am Meer liegt sie, auf Pfählen, die in den Meeresboden gerammt wurden, und drinnen gibt es lauter Fischereiutensilien, Netze, dunkles Holz, knarrende Böden. Und einen gigantischen Blick hinaus aufs Meer. Am Horizont ragen schneebedeckte Berge aus dem Wasser. Sarah schliesst die Tür hinter sich und stampft durch den Schnee der Sonne entgegen. “Und warum genau sollte ich jemals in die Schweiz zurück wollen, wenn ich das hier haben kann?”