Gesellschaft | 03.05.2013

Die Seele Indiens liegt in den Dörfern

Text von David Schneider | Bilder von David Schneider
Das 1995 gegründete Projekt Deepam (indisch für "Lichtfunke") bringt den Einwohnern des südindischen Dorfes Senthanadu die Möglichkeit auf mehr Bildung und Selbstständigkeit. Tink.ch hat den indischen Gründer und Leiter des Hilfsprojekts getroffen.
Der Inder Vanathayaraj setzt sich nicht nur für schulische sondern auch für handwerkliche Ausbildung bei Kinder und Jugendlichen ein.
Bild: David Schneider

Tink.ch: Das Projekt Deepam startete im Jahr 1995, als Sie in Senthanadu ein Stück Land erwarben. Woher kam der Ansporn, solch ein Projekt zu starten?

Vanathayaraj: Eigentlich hatte ich damals nicht im Geringsten die Absicht, Land für ein solches Projekt zu beschaffen. Zu Beginn zog ich aus der Stadt in das Dorf Senthandau und habe mich in einer kleinen Bleibe niedergelassen. Auf einmal kam ein Einwohner zu mir und meinte, dass ich als Lehrer etwas bewirken und vielleicht ein Schule gründen könnte. Er erzählte mir von einem Stück Land, das zum Verkauf stand. Ich fand die Idee toll, hatte aber die nötigen Mittel nicht. Doch nach und nach kam Geld von Freunden aus Deutschland, die sich für die Probleme in Indien interessierten und die mich in meinem Bestreben unterstützten. So kauften wir dieses Areal, errichteten ein Containerhaus und das Projekt nahm seinen Lauf.

 

Bevor Sie sich aufs Land begaben, sahen Sie das Leid in den Städten und den Slums. War dies der Auslöser, sich für Benachteiligte einzusetzen oder haben Sie gar selbst in Ihrer Vergangenheit Ähnliches erlebt?

Ja, es gilt zu sagen, dass ich meine Kindheit zum Teil sehr schmerzvoll erlebte. Auch wenn ich nicht all meine Erinnerungen früher Kindheit behalten habe, gibt es trotzdem einige Erfahrungen, die sich in meinem Unterbewusstsein festgesetzt haben. Diese haben mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, was ich in meinem Leben wirklich tun sollte. Ich wusste nicht von vorneweg, wie ich mich für andere einsetzen sollte. Doch durch Bücher lernte ich immer mehr dazu. Und in einem der Bücher, welches vom Leben des Mahatma Gandhi erzählt, hiess es: “Die wahre Seele Indiens liegt in den Dörfern.” So dachte ich mir, wieso nicht auf das Land ziehen, um wenigstens einigen Menschen ein bedeutsames Leben zu ermöglichen.

 

Ihr Projekt setzt sich ja hauptsächlich für das Wohl der Kinder ein. Wie steht es um das Problem der Kinderarbeit, das in Indien immer wieder ein Thema ist?

Offiziell ist die legale Kinderarbeit komplett abgeschafft worden, doch in der Praxis sieht es ganz anders aus. In den Städten findet man erfreulicherweise so gut wie keine Kinderarbeit mehr, unter 14 Jahren hat niemand zu arbeiten. Aber in manchen Orten gibt es Jungen und Mädchen ab 16 Jahren aufwärts, die arbeiten gehen, um den Lebensunterhalt der Familie bestreiten zu können. Es ist jedoch längst nicht mehr so schlimm wie in der Vergangenheit. Auf dem Land ist es so, dass die Kinder nach der Schule Arbeiten erledigen um für ihre Familie Geld zu verdienen. Doch auch hier ist die Entwicklung vorwärts gerichtet, es sollen keine Kinder mehr als Angestellte behandelt werden. Das haben sowohl der Staat, wie auch die Eltern eingesehen.

 

Dank Deepam konnten nach dem Landkauf zwei Schulgebäude errichtet werden. Doch es blieb die Aufgabe gute und authentische Lehrerinnen oder Lehrer zu finden. Können Sie erklären, wieso zuverlässige Lehrkräfte in Indien die Ausnahme sind und wie sie passende Angestellte dennoch gefunden haben?

Ich würde es eine Suche nach authentischen und erfahrenen Lehrkräften nennen. Es gibt viele Leute, die ehrlich sind und aus vollem Herzen etwas bewirken wollen. Aber auch handwerklich erfahrene Lehrkräfte zu finden ist eine andere Sache. Denn das indische Schulsystem hilft einem nicht, sich Fertigkeiten anzueignen, es füttert nur den Kopf, aber nicht die ganze Person. Wir hatten aber das Glück, eine erfahrene Lehrerin zu finden. Zuerst zögerte sie, weil es für Frauen schwierig ist, auf dem Land zu arbeiten und jeweils zurück in die Stadt zu reisen. Später kam noch eine Lehrerin hinzu. Allgemein war es für uns schwierig, junge Leute für unser Projekt zu gewinnen, da sie den Sinn hinter dem Projekt zu Beginn nicht erkannten.

 

Wie sieht der Schulalltag bei Deepam aus und welche Fächer werden bei euch angeboten?

Grundsätzlich gehören wir dem gleichen System an, welches die Regierung vorschlägt. Allerdings versuchen wir, die bestmögliche Unterrichtsqualität zu bieten. Wir involvieren die Schülerinnen und Schüler in Projekte, organisieren gemeinsame Aktivitäten, bei denen auch handwerkliches Können gefördert wird. Wir wollen ihnen nicht nur Kopfarbeiten auferlegen. Uns ist es wichtig, ihnen Platz zum Zeichnen und Werken zu lassen. Sie sollen im logischen Denken gefördert werden, dafür gehen wir auf ihre Fragen ein und antworten ihnen.

 

In den letzten Monaten wurde viel über die Stellung der Frauen in Indien diskutiert. Viele Mädchen haben keine Möglichkeit auf Bildung. Welche Entwicklung haben Sie diesbezüglich über die Jahre hinweg festgestellt, findet ein Umdenken statt?

Ich finde, dass es bei diesem Thema eine Generationen-Trennung gibt. Die heutige Generation ist sich ihres Images ein wenig bewusster. Sie besitzen mehr Selbstachtung und haben erkannt, dass sie politisches Potential und Rechte besitzen. So auch die Generation vor ihnen, also die Eltern der Studenten und Schüler. Aber die grosselterliche Generation davor haltet grösstenteils überhaupt nichts von diesem Denken. Und deren Einfluss auf die Jugendlichen ist noch vorhanden. Das ist mit ein Grund, wieso der Status der Frauen noch nicht vollkommen gefestigt ist. Der Prozess ist fortwährend.

 

Im Rahmen von Deepam bieten Sie auch Selbsthilfegruppen für Erwachsene aus dem Dorf an. Was wird den Leuten in diesen Kursen angeboten?

Bei diesen Kursen geht es um Existenzfragen. So sind zum Beispiel Ersparnisse ein wichtiges Thema und wir wollen vor allem den Frauen zeigen, dass eigens Erspartes sehr wichtig ist. Auf der anderen Seite bieten wir Kurse im Bereich des sozialen Engagements an. Es stellen sich die Fragen, wie man gezielt seiner Familie helfen kann, wie man die Einwohner für gemeinsame Projekte mobilisieren und zusammenbringen kann. Denn unterschiedlich denkende Familien, vor allem was die Religion anbelangt, tun sich schwer, sich miteinander auszutauschen. Durch die Kurse sollen sie lernen über Beziehungen nachzudenken und herauszufinden, wie sie diese verbessern können. Und schlussendlich haben die Frauen aus dem Dorf durch gemeinsame Tätigkeiten wie Kochen, die Möglichkeit mehr Selbstständigkeit zu erlangen und ihre Autorität zu stärken.

 

Wenn Sie zurückschauen auf mehr als 15 Jahre Arbeit, welches sind die grössten Veränderungen und Erfolge von Deepam?

Ich würde hierbei nicht von grossen Erfolgen reden. Ich würde sagen, dass die Einwohner seit Beginn des Projekts bis heute an Hoffnung, Stärke und Mut gewonnen haben. Sie haben erkannt, dass sie bedeutungsvoll sind. Natürlich gibt es auch sogenannte grosse Meilensteine, wie der Bau und das Führen unserer Schule. Aber genauso wichtig ist es für uns auch, auf die Probleme der einzelnen Personen einzugehen und ihnen zuzuhören. Die Probleme jedes Einzelnen sollen zum Tragen kommen, egal von welcher Grösse sie zeugen. Ich habe noch nie meine Türe verschlossen, wenn jemand mit einem Problem Hilfe suchte.