Gesellschaft | 14.05.2013

Balanceakt

Die Diagnose "ADHS" hat Hochkonjunktur. Zur Zeit ist ADHS die häufigste psychiatrische Störung im Kindes- und Jugendalter. Wo liegen die Ursachen für ADHS und welche Kinder leiden an dieser Krankheit? Was ist noch normal und was gilt bereits als "krank"?
Bei vielen Kindern, die sich schlecht konzentrieren können, wird oft vorschnell ADHS diagnostiziert. Die richtige Behandlung kann deren Leben beeinflussen.
Bild: Katharina Good

Bist du talentiert im Vergessen von aufgetragenen Haushaltsarbeiten, Terminen und Geburtstagen? Eine Meisterin im Einbauen von Flüchtigkeitsfehlern in Matheprüfungen? Verlierst du häufig Habseligkeiten wie Stifte oder Bücher? Gleicht die Dauer deiner Aufmerksamkeitsspanne in einer Vorlesung derjenigen einer Kurzstreckenfahrt im Bus? Fühlst du dich angesprochen? Es fehlen nur noch zwei Symptome und du erfüllst die notwendigen Kriterien für die Untereinheit “vorwiegend unaufmerksamer Typus” der hyperkinetischen Störung ADHS.

 

Subtypen

ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, gilt als die häufigste psychiatrische Störung im Kindes- und Jugendalter. Im Standartwerk “diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen” (DSM-IV) werden drei Subtypen unterschieden. Aufgeführt werden der vorwiegend unaufmerksame Typus, der vorwiegend impulsiv-überaktive Typus und der kombinierte Typus. Am häufigsten ist der letzte Subtyp, diese Kinder zeigen sowohl Symptome von Unaufmerksamkeit, als auch solche für Hyperaktivität und Impulsivität. ADS wird oft, fälschlicherweise, als Synonym für ADHS verwendet, bezeichnet jedoch die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität.

 

 

Unklare Ursachen

Über die Ursachen, die zu einer ADHS-Erkrankung führen, sind sich die Fachexperten nicht einig. Sicher ist, dass eine falsche Erziehung alleine die Krankheit nicht auslösen kann. Der amerikanische Psychologe Russel Barkley, der seit mehr als 35 Jahren über ADHS forscht, vertritt die Meinung, dass ADHS auf rein biologische Ursachen zurückzuführen ist. Diese These wird durch die Tatsache unterstützt, dass häufig Kinder, die an ADHS leiden, entweder Eltern oder Verwandte haben, die ebenfalls mit dieser Störung leben.

 

Aufgrund dieser Annahme ziehen Russell Barkley und andere Psychologen eine Therapie mit Medikamenten, sogenannten Stimulanzien, einer psychologischen Behandlung vor. Meist wird Methylphendiat, besser bekannt als Ritalin, verschrieben. Allgemein hat Ritalin eine leistungssteigernde Wirkung, jedoch wirkt es bei ADHS-Patienten beruhigend. Die motorische Aktivität sinkt, die äusseren Reize können besser gefiltert werden und ihre Reaktionen fallen aus Gesellschaftsperspektive “angemessener” aus.

 

Hinauswachsen

Früher ist man davon ausgegangen, dass die betroffenen Kinder aus der Krankheit hinauswachsen und ADHS mit dem Erreichen des Jugendalters automatisch verschwindet. Dies wurde jedoch durch zahlreiche Studien widerlegt. 65 bis 80 Prozent, der im Kindesalter Betroffenen, leiden ihr Leben lang an den Symptomen. Allerdings lernen viele mit der Krankheit umzugehen und ein unabhängiges Leben zu führen.

 

Tendenz steigend

1902 wird ADHS erstmals wissenschaftlich als eine Krankheit beschrieben. Heute kommt auf ein Klassenzimmer durchschnittlich ein Kind, das an ADHS leidet – Trend aufwärts. Dabei stellt sich die Frage, wie viele dieser Kinder tatsächlich an einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung leiden.

 

ADHS ist eine ernst zu nehmende Krankheit, die Betroffenen das Leben schwer macht. Doch lange nicht jedes verhaltensauffällige Kind leidet daran. Bestimmt gibt es viele Schülerinnen und Schüler, die ihre Freizeit vor dem Fernseher verbringen, statt draussen Fussball zu spielen, um so ihre Energie loszuwerden. Da ist es nicht verwunderlich, dass es schwer fällt, sich in der Schule zu konzentrieren und still zu sitzen. Hyperaktiv sind diese Kinder deshalb noch lange nicht. Sowohl Eltern als auch Lehrpersonen neigen dazu, vorschnell abzuklären, ob ADHS vorliegt. Wie schnell die Krankheit diagnostiziert wird, ist von Arzt zu Arzt verschieden.

 

Balanceakt

Im Alter von ungefähr sechs Jahren werden Kinder in der Schweiz eingeschult. Davor konnten sie mehrheitlich viel spielen, sei es im Kindergarten oder zu Hause. Plötzlich ändert sich das jedoch: 45 Minuten am Stück muss ein Kind nun auf dem Stuhl an seinem Tisch sitzen, die Hand heben bevor es spricht und zuhören, was die Lehrperson sagt. Dabei wird oft vergessen, dass Konzentration auch gelernt und gelehrt werden muss. Für ruhigere und verträumte Kinder ist es schwierig, sich gegen aufgeweckte durchzusetzen. Eine vorschnelle Diagnose als Grund für die Unaufmerksamkeit hilft ihnen aber nicht weiter. Umgekehrt gelten Schüler, die laut und unruhig sind, sehr schnell als hyperaktiv.

 

Doch welches Verhalten gilt als “krank” und was befindet sich in einem angemessenen Rahmen? Die Relativität dieser Frage zeigt den schmalen Grat, auf welchem psychologische Diagnosen balancieren. Während eine richtige Diagnose Hilfe bedeutet, können falsche Zuweisungen die Betroffenen ihr Leben lang beschäftigen.