Gesellschaft | 29.04.2013

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

Text von Basil Schöni | Bilder von Manuel Lopez
Die Reitschule ist beliebt, das zeigen ihre Besucherzahlen. Für die einen ist sie ein kulturelles Zentrum, für die anderen ein beliebter Ort, um sich kulinarisch gütlich zu tun. Doch für all das bezahlt man - wie überall.
Ist aus der Reitschule ein kommerzieller Ausgehort entstanden?
Bild: Manuel Lopez

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»