Kultur | 17.04.2013

Zehn Stück makelloser Schönheit

Text von Linda Bergauer | Bilder von zvg
«So klingt Jazz im 21. Jahrhundert!" kommentiert der Kultur-Spiegel die Klänge Erik Truffaz, dem Franko-Schweizermeister des Progressivjazz. Der Trompetist und sein Quartet, eine Formation erstklassiger Musiker aus der Romandie, befindet sich derzeit auf Tournée um die Hörer mit seiner neuesten Kreation "El tiempo de la revolución" zu begeistern. Am Mittwoch, dem 10. April, füllte er in Kooperation mit der Basler Folksängerin Anna Aaron die Turnhalle in Bern.
Mixtur aus Progressivjazz, Pop und Folk im Progr Bern.
Bild: zvg

Nicht selten werden Vergleiche gezogen zwischen Erik Truffaz und der Jazzlegende Miles Davis. Ein Kompliment, welches den Werken Truffaz jedoch nicht ganz gerecht wird. Der Blue-Note-Musiker und sein Quartett sind Meister auf dem Gebiet des avantgardistischen Jazz, wagen sich jedoch auch über die Grenzen des Genres hinaus und gehen Synergien mit komplett andersartigen Klangfarben ein. Beispielsweise mit Schweizer Folkklängen; Anna Aaron, ein aufsteigender Stern am Schweizer Musikhimmel, hatte die Ehre, drei Stücken auf dem neuesten Werk Erik Truffaz  “El tiempo de la revolución” ihre rauchig-soulige Stimme zu leihen und die Zuhörer damit in eine andere Sphäre zu tragen.

 

Ein atmosphärischer Hörgenuss

Der Progr in Bern ist dank seines eher kleinen Formats und der schummrig-warmen Beleuchtung ein intimer Berührungsort zwischen Künstler und Hörer und damit wie gemacht für Erik Truffaz sphärisch-lichten Stücke. Während des gesamten Spieles wähnten sich die entrückten Zuhörer in einer anderen Welt. Einer Welt voller Träume und Mystik. Diesen Effekt hat Anna Aaron mit ihrer tiefen, ganz und gar individuellen Stimme in den Kompositionen “Blue Movie”, “A Better Heart” und “Blow Away” zusätzlich unterstrichen.

 

Vermisste Spontanität

Um die Zuhörer jedoch nicht gänzlich abheben und sich in den Weiten des Klanguniversums Truffaz zu Sternenstaub auflösen zu lassen, setzte das Quartett von Zeit zu Zeit zu etwas groovigeren Klängen an. Die geschickten Finger des Pianisten auf den Tasten seines Electro-Pianos liessen die Hüften der Hörer schwingen, die funkigen Läufe des Herren am Bass die Füsse im Saal wippen. Was die euphorische Stimmung ein bisschen dimmte, war eine sich im Laufe des Abends aufdrängende Frage. Erik Truffaz Spiel war gewohnt souverän. Allerdings liess die Vorführung etwas an Spontaneität missen und die relativ ausdrucklose Fassade des Trompetisten machte es dem Zuhörer schwer, zu beurteilen, ob der Genuss dieses Abends denn auch wirklich beidseitig war.

 

Nichtsdestotrotz darf behauptet werden, dass die Experimentierfreudigkeit der hochkarätigen Gruppe, der Facettenreichtum der Mixtur aus Progressivjazz, Pop und Folk und die sphärische Dichte und Verträumtheit des Abends wahrscheinlich noch lange in den Erinnerungen der Konzertgängerinnen und -gänger hängen bleiben wird. “El tiempo de la revolución” bietet zehn Stück makelloser Schönheit, musikalischer Tiefe und wohlklingender Wehmut, die man sich nicht entgehen lassen sollte.