Kultur | 20.04.2013

“Wut in Positives umwandeln”

Text von Linda Bergauer | Bilder von zvg
Emad Burnat hat sein gesamtes Leben in dem kleinen Dorf Bil'in im Westjordanland verbracht. Als Israel im Jahr 2005 beschliesst, den Dorfbewohnern 55 Prozent ihres Landes zu enteignen, um einen Zaun durchzuziehen und anschliessend mit der Konstruktion einer illegalen Siedlung zu beginnen, widersetzt sich die Dorfgemeinschaft von Bil'in. Mit seiner Kamera verfolgte Emad Burnat die sieben Jahre gewaltfreier Protestbewegungen, Rückschläge und Erfolge seines Dorfes und offenbart den Zuschauern ein intimes Bild des Lebens von Palästinensern zwischen Verzweiflung und Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.
Emad Burnat: "Ich wurde etliche Male bei meinen Filmarbeiten verletzt, verhaftet oder unter Hausarrest gesetzt."
Bild: zvg

Tink.ch: Zu Beginn Ihres Filmes “5 Broken Cameras” sagen Sie folgende Worte: “Ich habe nie daran gedacht, einen Film zu produzieren”. Wie kommt es, dass Sie es trotzdem getan haben?

Emad Burnat: Es hat alles im Jahr 2005 angefangen, als mein Sohn Gibreel zur Welt kam, dessen Aufwachsen ich auf der Kamera festhalten wollte.  Zur gleichen Zeit begannen die Israelis ihre Konstruktionen auf unserem Land. Sie nahmen uns 55% unseres Grundes und Hunderte unserer Olivenbäume wurden von ihren Bulldozern zerstört. Mein Dorf entschied sich dazu, friedlich gegen die Besetzung Israels, gegen die Mauer und die Konstruktionen mitten auf unserem Land zu demonstrieren.

 

Bil’in ist ein kleines Dorf und wir haben uns gewehrt. Mein Teil war es, unseren Kampf zu dokumentieren, da ich die einzige Person im Dorf bin, die im Besitz einer Kamera ist. Also sah ich es als meine Verantwortung, alles auf einem Film festzuhalten. Einer meiner Freunde hatte mir dies vorgeschlagen, da ich das Leben in Unterdrückung kenne und mich stets mitten im Geschehen befinde. Die Kamera ist meiner Meinung nach ein sehr starker Zeuge und zugleich ein Schutz. Ich dachte, sie würde mich und meine Freunde beschützen. An einen Kinofilm habe ich damals noch nicht gedacht. Es sollte mehr ein Zeugnis unserer Situation sein, ein Blick auf unser tägliches Leben, von meiner persönlichen Perspektive aus. Es existieren unzählige Filme, die sich um den Palästina-Israel-Konflikt drehen. Meine Aufnahmen sollten eher persönlich sein und ein reales Bild unseres Lebens vermitteln.

 

Da unser Protest gewaltfrei war, wurden wir von Aktivisten aus aller Welt unterstützt. Darunter befanden sich auch Filmemacher, welche sich meines Materials bedienen konnten. Diese blieben meist nur für ein oder zwei Wochen, sie haben nicht dasselbe erlebt und gefühlt wie wir. Ich hingegen habe mich tagtäglich im Dorf befunden und gefilmt. Tag für Tag bin ich meinen Freunden und meiner Familie mit meiner Kamera gefolgt und habe aufgezeichnet, was in Bil-˜in vor sich geht.

 

Letzten Endes haben Sie sich trotzdem dazu entschieden, einen Film in Zusammenarbeit mit dem israelischen Filmproduzenten Guy Davidi zu produzieren. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Wie ich bereits erwähnt habe, wurde unser Dorf von verschiedenen Aktivisten aus allen möglichen Ländern unterstützt und wurde zum Symbol der friedlichen Protestbewegung im Israelkonflikt. Da ich der einzige Kameramann aus dem Dorf war, lernte ich alle kennen – so auch Guy Davidi. Er drehte zu dieser Zeit einen Film über Wasserprobleme in Bil’in und wir begegneten uns eines Nachts ausserhalb Bil’ins. Da ich noch Unterstützung zur Beendung und Editieren des Filmes suchte, habe ich mich an ihn gewendet. Guy hat zugesagt und so hat unsere Zusammenarbeit begonnen.

 

Die Kollaboration mit einem israelischen Filmproduzenten war allerdings nicht als politische Botschaft gedacht. Mein Ziel war es nicht, ein Israel-Palästina-Projekt zu lancieren.

 

Sie erwähnen im Film mehrmals eine Filmgenehmigung, welche Sie trotz der Ausnahmesituation erhalten haben. Wie sind Sie an diese gekommen und hat sie Ihnen geholfen?

Da ich von 2005 bis 2006 im Auftrag von Reuters gefilmt hatte, war ich tatsächlich im Besitz einer offiziellen Dreherlaubnis. Doch selbst wenn man eine solche Genehmigung auf sich trägt, kümmert dies die israelische Armee kaum.

 

Ich wurde etliche Male bei meinen Filmarbeiten verletzt, verhaftet oder unter Hausarrest gesetzt. Zudem wurden fünf Kameras während den Dreharbeiten zerstört. Sieben Jahre filmen war ein grosses Risiko, ich habe mich lebensgefährlichen Situationen ausgesetzt.

 

Herr Burnat, Ihre dritte Kamera hat Ihnen das Leben gerettet. Inwiefern?

Ja, zwei Kugeln trafen meine dritte Kamera und ich glaube, diese Kamera hat mein Leben gerettet. Die Kugeln wurden direkt auf mein Gesicht abgefeuert. Eine traf den Bildschirm meiner Kamera, die andere die Linse. Trotzdem wollte ich weiterdrehen. Mich für mein Land, mein Dorf und meine Leute einzusetzen, schien mir zu wichtig, sodass ich es in Kauf nahm, mein Leben zu riskieren.

 

Das Leben riskierte auch einer Ihrer besten Freunde. Phil ist bei Protesten von der Polizei erschossen worden. Wie konnten Sie trotz all der Wut und Trauer stets friedlich bleiben bei den Demonstrationen?

Allen von uns wurde Unrecht angetan. Viele wurden verhaftet, andere verletzt oder sogar erschossen. Niemand hat den Tod meines Freundes erwartet. Er stand uns sehr nahe und sein Tod hat alle schockiert. Aber er war nicht der erste Palästinenser, der in diesem Konflikt ums Leben gekommen ist. Gerade diese Woche sind wieder fünf oder sechs Kinder im Westjordanland umgebracht worden. Es zeugt von viel Kraft, wenn man seine Wut in etwas Positives umwandeln kann. Ich wollte trotz allem ein Projekt zu Ende führen, um der Welt zu zeigen, was bei uns geschieht und um etwas an unserer Situation zu ändern. Der Film wurde weltweit publiziert und ich glaube daran, dass die Reaktion darauf eine starke sein wird.

 

Gegen Ende des Filmes folgt die Zeile: “Heilen ist eine Herausforderung im Leben. Es ist die Pflicht eines Opfers. Indem wir heilen, widersetzen wir uns der Unterdrückung.” Können Sie uns diesen Satz erklären?

Wir müssen an unsere Kinder und deren Zukunft denken. Selbst wenn wir ein Leben in Unterdrückung führen, dürfen wir nicht unsere Hoffnung verlieren. Wir müssen an einer besseren Zukunft und für den Frieden in der nächsten Generation arbeiten. Wir müssen weiterhin für Freiheit und Frieden kämpfen und dafür, unser Land zurückzuerlangen. Nichtsdestotrotz können wir nicht beständig daran denken, dass wir Opfer sind und uns ständig beklagen. Wir müssen die Wunden heilen, uns weiterentwickeln und ein Leben neben den Problemen führen. Schöne Momente zu schätzen und wie normale Leute zu leben, das ist von Bedeutung.

 

Denken Sie, dass Israelis und Palästinenser eines Tages in Frieden zusammenleben können?

Die meisten Juden wandern aus aller Welt zu. Viele von ihnen haben schon vorher in arabischen Ländern gewohnt, bevor der Israelische Staat gegründet wurde. Zudem gibt es ungefähr 1,5 Millionen Palästinenser, die in Israel wohnhaft sind. Das bedeutet, dass Araber und Israelis eigentlich kein Problem haben, zusammenzuleben. Ich selbst habe auch schon für Israelis gearbeitet, mit ihnen zusammen gegessen. Viele davon sind Freunde von mir. Das Problem ist nicht das Beisammensein. Doch nach einem Treffen beispielsweise, gehen sie zurück und wir bleiben in unseren Leben in Unterdrückung und militärischer Kontrolle.

 

Sie müssen sich endlich entscheiden und ihre Denkweise gegenüber uns Palästinenser ändern. Unser Schicksal kümmert sie nicht gross. Es ist gut für sie, wenn wir für sie arbeiten oder uns mit ihnen treffen. Die politische Situation und die Tatsache, dass uns Land enteignet wird, stört sie jedoch nicht. Das Problem ist ihr Denken. Sie könnten viel verändern, wenn sie nur wollten. Doch sie wollen nicht. Es geht nicht um das Zusammenleben. Wir haben bewiesen, dass dieses problemlos funktionieren könnte. Das Problem liegt bei der Regierung, an welcher die Israelis etwas ändern müssen.

 

Wie fühlen Sie gegenüber den Siedlern, welche die neu errichteten Wohnungen auf ihrem ehemaligen Land bezogen? Verspüren Sie ihnen gegenüber Wut oder richtete sich diese eher gegen die Politiker Israels?

Es ist nicht deren Leute Entscheidung, uns unser Land zu nehmen. Es ist die Regierung mit ihrer Strategie, welche seit 1967 Siedlungen auf unserem Land errichtet um jüdischen Migranten aus aller Welt damit einen Wohnort offerieren zu können. Es liegt in der Hand des Staates. Den Leuten wird ein günstiges, komfortables Leben versprochen. Ein Angebot, welches nicht ausgeschlagen wird. Allerdings stehen die Siedler in keiner Verbindung zum Land. Im Gegenteil: Es stört sie nicht, wenn es zerstört wird und die Olivenhaine verbrannt werden. Für uns sind diese jedoch von Bedeutung, wir haben einen Bezug dazu.

 

Auch bei der Entscheidung eine Mauer zu bauen, geht es der Regierung nicht nur um Sicherheit. Sie geht weit ins Westjordanland, da Israel mehr und mehr Land für sich in Anspruch nehmen möchte und auf diesem Wege Wasserressourcen unter seine Kontrolle bringen kann. Die Mauer so nahe an meinem Dorf Bil’in zu errichten, ist Teil des Planes. Ziel ist es, Häuser zu errichten und Leute anzusiedeln, um mehr Land an sich zu bringen.

 

Am Schluss des Filmes zeigen Sie eine hoffnungsvolle Szene, wo zwei Ihrer Söhne am Meer in Tel Aviv spielen. Welche Symbolik hält diese Szene inne?

Die Szene soll einen friedlichen Moment darstellen. Wir hoffen auf diese Momente des Friedens! Wir hoffen auf eine gute Zukunft für unsere Kinder. Es war das erste Mal, dass Gibreel und sein Bruder das Meer sahen, da wir aufgrund der Grenzen normalerweise keinen Zugang dazu haben.

Die Szene soll zeigen, dass Hoffnung auf eine bessere Zukunft besteht.