Gesellschaft | 17.04.2013

Vom Äusseren auf das Innere geschlossen

Text von Pascale Amez | Bilder von Pascale Amez
Wer in Thun die Matur machen will, dem stehen zwei Gymnasien zur Auswahl. Je nach Interessengebiet fällt die Entscheidung. Ohne die andere Schule gut zu kennen entstehen durch das Hörensagen Vorurteile gegenüber dem anderen Gymnasium.
In Thun gibt es zwei Gymnasien. Die Schüler des Gymnasiums Seefeld kennen jenen im Schadau nur schlecht.
Bild: Pascale Amez

“Du besuchst das Gymnasium Seefeld? Anstrengen musst du dich aber nicht gross, oder?” Wer ein Schüler des Gymnasiums Seefeld ist, kennt solche Bemerkungen von Freundinnen und Freunden. Schadau liegt nur etwa zehn Gehminuten vom Seefeld entfernt. Trotzdem könnten die Unterschiede nicht grösser sein, schenkt man den Vorteilen der Schüler Glauben. Vorurteile rund um die beiden Gymnasien sind gang und gäbe.

 

Die Quellen der Differenzen

Doch woraus bestehen diese Unterschiede zwischen den Gymnasien eigentlich? Zuerst einmal zu den offensichtlichen Unterschieden. Das Seefeld-Gymnasium hat einen grossen Park und umfasst mehrere Gebäude, welche sich architektonisch unterscheiden. Die Infrastruktur ist teilweise etwas älter und die Platzverhältnisse knapp. Im Kontrast dagegen steht das Gymnasium Schadau. Dieses besteht aus einem alten Gebäude und einem Neubau, welche miteinander verbunden sind. Naturfläche findet man kaum, die einzigen Grünflächen sind die gestrichenen Wände des Neubaus. Diese können einen in den Wahnsinn treiben, wenn man den Kommentaren der Schadauschüler dazu Glauben schenken will.

 

Unterrichtet wird im Seefeld von Physik bis hin zu Gestalten alles. Allerdings setzen sich die wählbaren Schwerpunktfächer aus Musik, Gestalten, Psychologie Pädagogik und Philosophie sowie Biochemie zusammen. Dies sind, abgesehen von Letzterem, musische und sozialwissenschaftliche Fächer. Das Umfeld in Kombination mit diesem Fachangebot liess auf Seiten der Schadauschüler das Vorurteil entstehen, dass die Schülerinnen und Schüler am Seefeld den Tag im Garten faulenzen und sich musikalisch vergnügen. Im Gegensatz dazu stehen die vielen Schwerpunktfachangebote im Schadau. Von Latein über Russisch bis hin zu Spanisch ist sprachlich alles möglich und auch die naturwissenschaftlich Begeisterten kommen nicht zu kurz. Physik und Anwendung der Mathematik wird genau so angeboten wie Wirtschaft und Recht.

 

Ökologisch und faul…

Der Seefeld ist eine der UNESCO assoziierte Schule. Dieser Verbindung angehörige Schulen bemühen sich, die Ziele der UNESCO zu verwirklichen, die unter anderem darin bestehen, aus dem Bemühen um Frieden, dem Einhalten der Menschenrechte sowie die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung und Zugang zu Wissen für alle zu schaffen. Folglich hat das Vorurteil, das Seefeldgymnasium sei das Soziale und Familiäre, einen Nährboden. Es wird automatisch angenommen, dass die Schüler sich für diese Ziele einsetzen. In Tat und Wahrheit wissen nur die Wenigsten, dass ihr Gymnasium an diesem Programm teilnimmt. Die Schadauschüler stellen sich einen übertriebenen Stereotypen eines Seefeldlers ökologisch und etwas faul vor. In ihren Vorstellungen läuft die Hälfte der Schüler barfuss herum und trägt nur Kleider aus umweltfreundlichem Material. Jeder am Seefeld sei irgendwie naturverbunden und die meisten würden kiffen um dies zu zelebrieren. In Tat und Wahrheit landet das Altpapier der Schüler meistens im Abfall und Kiffer sind auf dem Areal keine zu finden. Wer dies in der Freizeit geniesst, muss nicht zwingend den Seefeld besuchen. Es wird gemunkelt, dass das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern im Seefeld entspannter sei als dasjenige im Schadau und schulischen Leistungen nicht im Mittelpunkt stehen und weniger Bedeutung haben. Diese Vorurteile sind vor allem auf die äussere Erscheinung zurückzuführen. Der Park vermittelt dem Aussenstehenden das Gefühl, der Seefeld sei zum Entspannen da.

 

…oder diszipliniert und arrogant?

Das Schadaugymnasium ist aus der Sicht der Seefeldschüler streng und diszipliniert und die Lehrer viel weniger an den Schülern interessiert. Diese würden sich besonders durch ihre Arroganz auszeichnen und sich etwas auf ihr Aussehen einbilden. Ein weiteres angebliches Merkmal eines Schadauschülers sind die reichen Eltern. Im späteren Leben wird der typische Schadauschüler einen hervorragenden Job mit grossem Lohn ausführen, da sein Schwerpunktfach ihn bereits in diese Richtung lenkt. Das Argument der Arroganz ist wohl deshalb auf den zukünftigen, potentiellen Werdegang zurückzuführen. Das Verhältnis der Lehrer und Schüler ist nachweislich nicht weniger familiär und das Klischee der angeblich reichen Eltern ist nicht überprüfbar. Die Vorurteile sind also augenscheinlich auf beiden Seiten  ausgeprägt.

 

Der Hang zur Übertreibung

Der Grund, sich für das eine oder das andere Gymnasium zu entscheiden, ist auf das gewünschte Schwerpunktfach zurückzuführen. Durch das äussere Erscheinungsbild des jeweiligen Gymnasiums und die Zusammenstellung der Schüler durch die Fachangebote werden die Persönlichkeiten der Lernenden abgeleitet.

 

Viele Schüler, die an einem der Gymnasien zur Schule gehen sind der Meinung, dass die Vorurteile in den letzten Jahren weniger geworden sind und an Bedeutung verlieren. Wenn jeweils genauer auf eine in den Interviews gemachte Aussage über das andere Gymnasium eingegangen wurde, kam oftmals eine Abschwächung des Gesagten. Man habe gehört und denke, dass dies eigentlich alles etwas  übertrieben ist, wird zugegeben. Interessanterweise können die Stereotypen, welche sich die Schüler untereinander zuschreiben, von kaum jemandem belegt werden.

 

Fakt ist, dass die Schüler beider Gymnasien den Maturaabschluss als Ziel haben. Um dieses Ziel zu erreichen, muss während drei Jahren der selbe Stoffumfang gelernt beziehungsweise gelehrt werden. Spätestens wenn man sich an der Universität trifft, sind die Klischees vergessen.