Kultur | 29.04.2013

Verbindung von Stille und Klang

Text von Jutta Galizia | Bilder von zvg
Jeder Klang ist ein Teil von Musik, ein Teil des Lebens. Was jedoch ist Klang und Musik, wenn man sie nicht hören kann? "Fuck the Sound" verschafft denjenigen Gehör, welche gehörlos sind. Vier Filme setzten sich am 13. April in der Bühne A in Zürich intensiv mit der Thematik auseinander.
The Beach House: Ein Standbild zeigt den gehörlosen Emmet Ames.
Bild: zvg

“Wenn jemand zu mir käme und mit dieser Zeichensprache mit mir reden wollte, würde ich das nicht registrieren. Ich glaube, ich wüsste nicht, wie ich reagieren sollte.”

 

Das sagt Robert, ein junger Mann aus dem Publikum und bringt damit ein Kommunikationsproblem zur Sprache. Dieses ist die Ursache für das Entstehen der Grenze zwischen Hörenden und Gehörlosen. Doch jede Grenze kann man durchbrechen. Das Wort schreit geradezu danach. Dieses Sprengen der Grenzen, das Aufheben der Barrieren ist in den Filmen allgegenwärtig. Sie lassen diese zwei Welten aufeinander wirken, lassen sich suchen und finden.

 

Grenzen überschreiten

Felix, die 12-jährige Hauptperson im gleichnamigen Film von Andreas Utta hat seine eigene Art, um die Grenze unsichtbar zu machen. Online chattet er mit der gleichaltrigen, tauben Lena, die ihn schon bald neugierig um ein Treffen bittet. Der hörende Felix gibt vor, ebenfalls taub zu sein. Um Lena zu täuschen bringt er sich selbst die Gebärdensprache bei. Doch schon bald fliegt er auf. In diesem Film ist die grosse Bereitschaft zum Schritt auf den anderen zu seh-, hör- und spürbar. Die beiden bleiben trotz der Lüge von Felix zusammen, weil er dafür kämpft.

 

The Beach House

“I wish I would be deaf too. It’s hard beeing hearing (Ich wünschte, ich wäre auch taub. Es ist hart, hörend zu sein).” River Ames (26), einzig hörender Mensch in einer tauben Familie, kehrt nach sechs Jahren und dem Tod seiner Eltern zu seinen gehörlosen Geschwister Emmet (18) und Enola (6) zurück.

 

Der Film “The Beach House” von Richard Standen behandelt ein Wiedersehen, das am Anfang geprägt ist von Vorwürfen gegenüber River. Doch dann wird die Bereitschaft, sich erneut zu verbinden immer grösser. Der Film bleibt  im Gedächtnis mit seinen Bildern und dem Gefühl, welches die Bilder auslösen. Stille. Rauschendes Meer. Wieder Stille. Es ist als wolle der Film uns dazu bewegen, uns in zwei unterschiedliche Menschen hineinzuversetzen. Zwei Welten, die sich aber nicht zwingend fremd sind.

 

Die Musik (Daydreaming von Dark Dark Dark), die Bilder, die Worte, das Szenenbild, all diese Faktoren spielen im Film genau so zusammen, dass eine melancholische Grundstimmung entsteht, die einen nicht loslässt.

 

Im Norden zu finden

“You will find me up North” oder “Du finner meg i nord”. Ein Junge reist zu einer alten Frau in den Norden und trifft dort auf ein gehörloses Mädchen, das mit Bäumen spricht. Die Begegnungen sind rätselhaft, und doch voller natürlichem Verständnis. “Du findest mich im Norden”, diese Nachricht hinterlässt sie ihm auf einem Papierfetzen. Er lächelt und man ahnt, dass die Geschichte noch lange weiter geht. Der Film “You Will Find Me Up North” von Valerié Gaudissart stammt aus Norwegen und behandelt das Thema mit einer verblüffend schönen Leichtigkeit.

 

Ein anderer Zugang zur Musik

Was ist Musik, wenn man sie nicht hören kann? Der einzige Dokumentarfilm “Lied und Leid”  setzt den Schwerpunkt auf diese Frage. Zwei gehörlose Frauen teilen die Leidenschaft der Musik, die sie trotz ihres Hörverlusts nicht losgelassen hat. Brigitte, spielt Klavier und singt, Fiona, spielt Gitarre und singt. Sie erzählen vom Verlust ihres Gehörs und und von der darauf folgenden Neuorientierung im Leben. Der Film “Mit Lied und Leid” von Maurizius Staerkle bietet starke Momente, wie etwa die Szene, in der Brigitte in Gebärdensprache singt. Auf ihre eigene Art und Weise. Ihr Mund formt stille Wörter, ihre Hände gestikulieren wild vor lauter Zeichen und ihr ganzer Körper bewegt sich, als ob er gesteuert würde vom Bedürfnis, sich auszudrücken. Beim Sehen dieser Bilder verstand man, dass die Musik immer noch ganz tief in ihr verankert ist. “Obwohl ich die Musik nicht höre, spüre ich sie”, sagt Brigitte darüber.

 

Remo, eine Stimme aus dem Publikum erwidert: “Es heisst, du musst den Rhythmus spüren. Denn Musik geht nicht nur durchs Ohr, Musik geht durch den ganzen Körper. Sie fliesst durch jede Ader und durchdringt jede Zelle unseres Körpers.” Das Schlusswort zu diesem Film aus dem Munde von Robert: “Wie sehr Gehörlose trotz ihres klanglosen Daseins einen Zugang zur Musik haben und wiederfinden hat mich sehr beeindruckt. Denn Musik bedeutet auch mir selbst extrem viel.”