Gesellschaft | 09.04.2013

Unsere Bilder im Kopf

Text von Sina Kloter | Bilder von zvg/David Zehnder
Auch dieses Jahr wurde in der Stadt Bern anlässlich des 21. März, dem internationalen Tag gegen Rassismus, die Aktionswoche gegen Rassismus durchgeführt. Während sieben Tagen gab es unterschiedliche Veranstaltungen, die sich gegen Rassismus stark machten, um so die öffentliche Wahrnehmung für Rassismus zu fördern.
Die Aktionswoche gegen Rassismus in Bern verweist auf die immer noch aktuelle Thematik.
Bild: zvg/David Zehnder

Fokus Täter

Die 3. Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus wählte dieses Jahr einen anderen Ansatz als bisher. Anstatt auf die Opferseite hinzuweisen, lancierte sie eine Kampagne mit dem Slogan: “Rassismus macht krank. Lass dich nicht von Vorurteilen anstecken.”

 

Die Plakate zeigen Durchschnittsbürger mit ungesunder Hautfarbe und tiefen Augenringen. Marianne Helfer ist Fachspezialistin Integration beim Kompetenzzentrum Integration der Stadt Bern und Projektleiterin der Aktionswoche. Sie erklärt: “Wir wollten eine Kampagne, welche die Täterrolle thematisiert. Und mit Täter meine ich nicht gewalttätige Leute in Springerstiefeln, sondern den Durchschnittsbürger, der Vorurteile hat, wie wir sie alle haben.”

 

Trotz globalisierter Geselschaft

Doch weshalb ist eine solche Veranstaltung in einer hypermobilen und globalisierten Gesellschaft nötig? Unsere geografische Reichweite dehnt sich stetig aus. Dank Billigflügen können wir, wann immer wir gerade Lust dazu verspüren, neue Kulturen erfahren und kennen lernen. Trotzdem scheint sich die Reichweite der Toleranz und dem Verständnis, dass alle Menschen gleich viel Wert sind, auf die eigenen vier Wände zu beschränken. Dies zeigt sich insbesondere beim Thema Rassismus.

 

Im aktuellsten vorliegenden Bericht von 2011 hat “Dosyra” (Dokumentations- und Monitoringsystem) 156 Fälle von rassistischer Diskriminierung registriert. Diese Zahl scheint niedrig zu sein. Allerdings wird eine hohe Dunkelziffer an nicht gemeldeten Vorfällen vermutet. So schreibt Jürg Schertenleib, Präsident humanrights.ch, im Vorwort des Berichts: “Die Erfahrungen der Beratungsstellen zeigen, dass es keinen Grund für Entwarnung gibt. Anzunehmen ist vielmehr, dass die beobachteten Fälle lediglich die Spitze des Eisbergs darstellen.” Die weitere Entwicklung der Situation wird sich im Juni zeigen, wenn der Bericht für das Jahr 2012 veröffentlicht wird.

 

Meldestelle

Am häufigsten geschehen rassistische Diskriminierungen in der Arbeitswelt, auf Wohnungssuche und im öffentlichen Raum. Dies bestätigt auch Olivia Kaufmann von der Informations- und Beratungsstelle der Gemeinden aus dem Raum Bern und Burgdorf zum Thema Gewalt und Rassismus (gggfon). Bei ihr melden sich Betroffene oder Beobachter, die einen Vorfall melden wollen. Wenn zum Beispiel eine Person das Gefühl hat, aufgrund seiner ausländischen Herkunft bei einem Jobangebot übergangen zu werden oder ihr wird aufgrund ihrer Hautfarbe den Zutritt in einen Club verweigert.

 

“Meistens melden sich die Personen per Mail oder Telefon bei uns. Wir nehmen dann den Tatbestand auf und beraten die Betroffenen. Sind rechtliche Schritte notwendig, informieren wir die eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR)”, schildert Olivia Kaufmann.

 

Ansonsten verfasst das “gggfon” einen Brief, in welchem eine Stellungnahme des Täters verlangt wird. Erst wenn der Brief vom Opfer gegengelesen und abgesegnet wurde, verschickt ihn das gggfon an den Täter. “Meistens reagieren die Täter wütend, bestreiten die Vorfälle und wir können ihnen nichts nachweisen”, so Kaufmann. Sie fügt an, dass der Brief jedoch wirkungsvoll sei, um auf Rassismus zu sensibilisieren und in einigen Fällen führe er auch zu konkreten Lösungsansätzen.

 

Aussage gegen Aussage

Strafrechtliche Konsequenzen können nur in den wenigsten Fällen erwirkt werden. Dadurch, dass die meisten Diskriminierungen verbal geäussert werden, ist es schwierig diese vor Gericht einwandfrei zu beweisen. Dazu Olivia Kaufmann: “Mündliche Äusserungen werden im Normalfall nicht festgehalten und können im Nachhinein leicht verdreht werden.” Das erklärt die niedrige Zahl, der vor Gericht verhandelten Fälle wegen rassistischer Diskriminierung, welche das EKR auf ihrer Homepage veröffentlicht. Für das Jahr 2011 beläuft sich diese Zahl auf 14 entschiedene Fälle.

 

Für Experten sind die wirkungsvollsten Mittel gegen Rassismus nicht technische Errungenschaften wie Flugzeuge, die uns die Welt entdecken lassen, sondern das Bewusstsein für rassistische Diskriminierung und die Sensibilisierung der Bevölkerung darauf. Oder wie es Marianne Helfer sagt: “Was hat Rassismus mit allen von uns zu tun? Wo sind meine Bilder im Kopf? Wo sind meine Toleranzgrenzen?”