Kultur | 13.04.2013

Pinkhaarscharfes Häppchen-Festival

Text von Kaspar Rechsteiner | Bilder von Katharina Good
Kaspar Rechsteiner ist Redaktionsleiter Solothurn beim Jugendmagazin Tink.ch und arbeitet in seiner Heimat im Stadttheater. Er ist unser Chronist an der 54. Schweizer Künstlerbörse.
Mit einem pinken Abend startet Kaspar Rechsteiner in die 54. Schweizer Künstlerbörse.
Bild: Katharina Good

Ich bin ein Theaterkind. Dass ich bisher nicht beim Film gelandet bin, liegt weniger an fehlenden Chancen, als an der Bühne. Auf ihr bin ich gross geworden, habe fast alles gelernt, was ich über Kunst, Performance und gute Geschichten weiss. Aber die Aussicht auf Horizonterweiterung am Thunersee-Ufer liess mich doch ein Urlaubsgesuch beim hiesigen Stadttheater einreichen. Der rote Regio-Express fährt eine gute Stunde lang von Solothurn aus quer durchs Mittelland direkt nach Thun. Zwei Theaterhochburgen mit Direktverbindung, ohne eine “grosse Stadt” auch nur zu touchieren. Von Provinz zu Provinz durch eine Kitschpostkartenkulturlandschaft im Möchtegernschnellzug – von einem Ort, wo die heimische Bühne nicht schläft an ein Festival mit gefühlten hunderttausend verschiedenen Auftritten.

Nur vage weiss ich: Kleinkunst und mehr und eine Gala heute Abend im Schadausaal des Kultur- und Kongresszentrums Thun. Die Webseite der Künstlerbörse klärt: ktv ist weder ein Fernsehprogramm noch ein katholischer Turnverein. Es treten überwiegend Menschen im fortgeschrittenen Alter auf und die Prämierten des heutigen Abends stehen bereits fest: Hohler, Monti, Rebetez. Das freut mich. Denn ich bin seit dem Krabbelalter Fan von Franz Hohlers Geschichten, ebenso wie von Johannes Muntwylers Circus Monti. Seit vier Minuten und einigen irritierten Blicken meiner Mitreisenden blicke ich gespannt im iPhone auf die dritte Ausgezeichnete: Eugénie Rebetez gibt via Youtube allerlei eigenartige Töne von sich. Angesichts ihrer Performance mit starkem Körpereinsatz schwanke ich zwischen peinlich berührt und fasziniertem Hingucken.

Der Abend mit dem Apéro ist dank dieser Gäste ein gelungener Auftakt. Johannes Muntwyler vom Monti strahlt wie ein Marienkäfer. Während Massimo Rocchis Laudatio verwandelt sich Eugénie Rebetez von der starken Performerin zur gerührten Jurassierin. Franz Hohler bedankt sich mit stiller Grösse für die stehenden Ovationen. Durch den Abend führen Sandrine Viglino (Französisch) und Andreas Thiel (Deutsch). Künstlerin Viglino, in rosa, wirkt ein bisschen entrückt. Zu Beginn würgt sie beinahe einen warmen Applaus für die Familie Muntwyler ab, überzeugt aber immer mehr mit welschem Charme. Thiels Irokesenkamm beisst die Kleiderfarben seiner Partnerin. So verpasst er pinkhaarscharf seine Moderationsaufgabe, weil er primär den (Fehl-)Übersetzer spielt und allerlei politisch mehr oder weniger korrekte Statements verkündet. Anfang durchaus komisch verlieren Thiels Pointen rasch an Reiz, spätestens neben Altmeister und Ehrenpreisträger Hohler.

Trotzdem, ein guter Abend. Morgen fängts richtig an. Vor den ersten Künstlerhäppchen wurde ein von Liechtenstein gesponsertes opulentes Apéro-Buffet aufgetragen. Wenn diese Künstlerbörse sich als ähnliches Häppchen-Festival entpuppt, dann können wir uns die Finger lecken.