Kultur | 05.04.2013

Nicht lokalisierbare Rückenschmerzen

Text von Sina Kloter | Bilder von FIFF/zvg
«The Story of Film: An Odyssey" ist ein 15-stündiger Dokumentarfilm, der die Filmgeschichte von den Gebrüdern Lumière über Charlie Chaplin bis hin zu James Cameron erzählt. Das FIFF zeigte ihn erstmals in der Originallänge von 900 Minuten. Ohne Pause, von 9 Uhr früh bis Mitternacht. Ein Erlebnisbericht.
15 Stunden Dokumentarfilm: Braucht es das wirklich? - Kyoko Kagua ist eine von vielen, die in "The Story of Film" zu Wort kommen.
Bild: FIFF/zvg

Ausgerüstet mit einem Kaffee setze ich mich auf den Wartesessel vor dem Kinosaal. Eigentlich sollte der bereits geöffnet sein, weit und breit huschen jedoch nur Schulklassen durch die Gänge des Kino Ciné Caps in Fribourg. Um fünf vor neun taucht der Direktor des FIFFs, Thierry Jobin, auf. “Est-ce que vous voulez un café?” Ich verweise auf denjenigen in meiner Hand und verneine – ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.

 

Die Konkurrenten

Neben mir haben sich noch drei andere Leute für dieses Abenteuer entschieden – drei Mitstreiter, die es mit Ausdauer und Durchhaltewille zu schlagen gilt. Nach einer kurzen Einführung des Direktors, der Bemerkung, dass bis jetzt erst ein Besucher die vollen 15 Stunden im Kino zugebracht hatte und der Frage nach unseren Ambitionen bezüglich der Dauer des Kinoaufenthalts, beginnt “die Odyssee” in 15 Episoden. Eine Odyssee, die einen 15 Stunden an einen Kinosessel fesselt.

 

Die Geburtsstunde des Films

Nach einer Einführung beginnt 1895 die Geschichte des Films. In diesem Jahr führten die Lumière-Brüder den sogenannten Cinématographe vor, eine technische Errungenschaft, die Filmkamera, Kopiergerät und Filmprojektor in einem war.

 

Während ich meine Schuhe ausziehe und meine Füsse auf den Sitz neben mir lege, berichtet der Erzähler in amüsantem, britischem Englisch, dass einer der ersten Filme grosses Entsetzen unter den Anwesenden ausgelöst habe. Er zeigte eine Zugseinfahrt und die Besucher hatten das Gefühl, der Zug würde aus der Leinwand hinaus direkt in sie hinein fahren.

 

Kinonormen ausser Kraft

Nach der dritten Stunde – ich habe mittlerweile bereits den Schneidersitz als nicht situationsgerecht klassifiziert – füllt sich das Kino allmächlich. Die Odyssee ist bereits bei Charlie Chaplin und der Passion der Jungfrau von Orléans angekommen. Verglichen mit den Leiden der Jungfrau habe ich mit meinem eingeschlafenen Fuss das grosse Los gezogen.

 

Ein fünfzehnstündiger Film setzt offenbar die gängigen Kinonormen ausser Kraft. So ist plötzlich ein Tippgeräusch von einem Nachbarn schräg hinter mir zu hören. Nachdem sich alle anderen bereits umgedreht haben, nutze ich meinen nächsten Sitzpositionswechsel – klassische, aufrechte Sitzposition mit verschränkten Beinen – für einen Schulterblick. Da sitzt ein älterer Herr, der in die Tasten seines Laptops hämmert und offenbar die Gunst der Stunde zum Beantworten von Mails oder Ähnlichem nutzt.

 

Koffeinmangel

Um 12 Uhr bekomme ich langsam Hunger, obwohl gerade in Luis Buñuel “Un chien andalou” (1929) einer Frau das Auge aufgeschnitten wurde. Während sich meine drei Mitstreiter vom Anfang in die Mittagspause verabschieden, bleibe ich eisern sitzen, ungeachtet der Tatsache, dass sich die mangelnde Koffeinbasis langsam bemerkbar macht. Mittlerweile tief in meinem Sessel versunken und die Füsse auf dem vorderen Sessel platziert versuche ich die magische Grenze, 14 Uhr, zu erreichen. Dann wäre ein Drittel der Gesamtzeit geschafft. Obwohl nun, “The Master of Suspense”, Alfred Hitchcocks Beitrag zur Filmgeschichte ergründet und gewürdigt wird, kapituliere ich um viertel vor zwei – das wird aufgerundet.

 

Ein Ritter in glänzender Rüstung

Nach der zwanzigminütigen Mittagspause geht es weiter. Vier Sitzpositionen und zwei Stunden später ist der Film bei Fellini und meine Hirntätigkeit in komatösen Bereich angelangt. In der Hoffnung, Koffein könnte mein Ritter in glänzender Rüstung sein und mich die restlichen acht Stunden durchhalten lassen, begebe ich mich an die frische Luft und auf die Suche nach Kaffee.

 

Zurück im Kinosaal habe ich immer noch gute sieben Stunden vor mir – allerdings nun einen entscheidenden Vorteil: den idealen Sitzplatz. Ganz oben rechts, der letzte Sitz in der Reihe. Seine Vorzüge: Erstens nur ein potentieller Nachbar, zweitens, wegen direkter Angrenzung an die Kinowand, eine Anlehnmöglichkeit mehr, und drittens keine Stinkefüsse, die auf der Kopflehne neben einem ruhen. Zeit für eine kurze Standortbestimmung: Episode neun flimmert im Moment über die Leinwand, behandelt werden die Jahre 1967 bis 1979. Nach all den asiatischen und russischen Filmbeispielen sind wir endlich bei Woody Allen und Martin Scorsese angelangt. Leider sind “Talkies” (Tonfilme) zu dieser Zeit bereits seit 30 Jahren die cineastische Norm, was sich bei mir mit leichten Kopfschmerzen bemerkbar macht.

 

Die letzte Stunde hat geschlagen

Die Stunde 15 bricht an und der Rest meines Ehrgeizes beginnt zu bröckeln. Nebst den Rückenschmerzen, die nicht mehr auf eine genaue Stelle zu lokalisieren sind, überkommt mich die Müdigkeit. Das Rechnen beginnt: Von meinen Mitstreitern sind noch zwei übrig, die haben aber jeweils zwei Stunden Mittagspause plus einige Zigaretten- oder Pinkelpausen auf dem Konto. Meine Pausenzeit belief sich auf ungefähr eine Stunde und dreissig Minuten. Nach dieser Feststellung schäle ich mich eine viertel Stunde vor Ende aus dem Kinosessel, mit der Erkenntnis, dass es keine Sitzposition gibt, die einen 15 Stunden im Kinosessel hält.