Kultur | 09.04.2013

Keine Schmerzensschreie

Text von Sina Kloter | Bilder von zvg/FIFF
Am letzten Tag des internationalen Filmfestival in Fribourg stand der Abschlussfilm "The Grandmaster", der zugleich Schweizer Premiere war, auf dem Programm. Ein Film des chinesischen Regisseurs Wong Kar-Wai über den Kung-Fu-Meister Yip Man (1893-1972).
Gong Ers stärkste Waffe ist die "64-Hände-Technik".
Bild: zvg/FIFF

Yip Man gilt als “Grossmeister” der südchinesischen Kampfkunst “Wing Chun” (auch WingTsun). Viele Varianten dieser Kampfkunst beruhen bis heute auf seinen Lehren. Er war einige Jahre als Polizist in Südchina tätig, bevor er in Hong Kong mehrere Kung-Fu-Schulen eröffnete. Sein berühmtester Schüler war Bruce Lee, der heute als einer der grössten Kampfkünstler des 20. Jahrhunderts und als Martial-Arts–Film-Ikone gilt.

 

Der erste Kampf

“The Grandmaster” spielt im Jahre 1936 in China. Ein bekannter Grossmeister des nördlichen Kung-Fu, Gong Baosen (Wang Qingxiang), tritt ab. Jedoch nicht ohne noch einmal gegen einen jüngeren Kämpfer aus dem rivalisierenden Süden anzutreten. Der bislang ungeschlagene Yip Man (Tony Leung) wird als Gegner auserkoren und er entscheidet das Duell gegen den Grossmeister für sich. Die Tochter Baosens, Gong Er (Zhang Ziyi), fordert daraufhin eine Revanche, um die Familienehre wiederherzustellen.

 

“64-Hände”

Gong beherrscht die “64-Hände«, eine nördliche Kung-Fu-Technik, die ihr schliesslich den Sieg über Yip Man beschert. In einem Hollywood-Film wäre dieser Kampf eine Tanzszene, in welcher es zwischen den Hauptcharakteren zu knistern beginnt. Wong Kar-Wai lässt seine zwei Hauptfiguren tanzen, jedoch auf weit kunstvollere Weise, als es je ein Mainstream-Streifen vermögen wird. Die Zeitlupen-Aufnahmen dieser Kampfszene verdeutlichen die aufkeimende Zuneigung der beiden zueinander. Gekämpft wird ruhig, präzise und kunstvoll. Kein Knochenbrechen, keine Schmerzensschreie der Beteiligten unterbrechen den Kampf. Schnell wird klar, weshalb Kung-Fu als Kampfkunst bezeichnet wird.

 

Atmosphäre aus der Fremde

Ein erneutes Wiedersehen der beiden Verliebten wird allerdings durch den Ausbruch des zweiten Japanisch–Chinesischen Kriegs 1937 in China verhindert. Der Film zeigt sowohl Gong Ers weitere Geschichte, als auch diejenige von Yip Man. Diese Erzählweise erweist sich im Verlauf des restlichen Films als Fehler. Durch die unterschiedlichen Handlungsstränge und die für ein westliches Publikum meist unbekannten historischen Zusammenhänge, fällt es dem Zuschauer schwer, der Handlung zu folgen.

 

Zum Glück schafft die uns entfernte Kultur im Film eine Atmosphäre, welche die Zuschauerinnen und Zuschauer trotzdem nie ganz loslässt. Dies ist zudem durch die starke Leinwandpräsenz der beiden Hauptdarsteller und der Aufnahmen bedingt. Oft werden die Charaktere in Grossaufnahmen gezeigt oder die Handlungen in Zeitlupe abgespielt. Dennoch ist es möglich einzuschlafen, was die Schnarchgeräusche eines Sitznachbars eindrücklich bewiesen.

 

Eine Kunstform

“The Grandmaster” überzeugt durch seine ungewohnt schöne Ästhetik der Kampfszenen. Solche werden im Regen abwechselnd in Zeitlupe und normaler Geschwindigkeit gezeigt. Dadurch verliert der Kampf an Brutalität und wird zu einer wunderschönen Kunstform und jeder Kampf zu einer Zeremonie. Dies macht “The Grandmaster” zu einem Film, den man gesehen haben muss.

 


Kinostart in der Deutschschweiz: 11.07.2013