Gesellschaft | 17.04.2013

Geschichten und gewagte Aussagen

Text von Anita Béguelin | Bilder von Manu Friedrich
Gestern war der Dalai Lama zu Gast in Bern. Nach dem Auftritt im Bundeshaus sprach er an der Universität zu den Studierenden - und brachte Rektor Täuber in Verlegenheit. Der spirituelle Führer der Buddhisten überraschte mit Witz und gewagten Statements.
Seine Heilikgeit scherzt auch mal auf Kosten des Uni-Rektors.
Bild: Manu Friedrich

Um 9.45 Uhr schliessen sich die Türen zum Hörsaal im Berner Von-Roll-Areal. Der Rektor der Universität, Martin Täuber, begrüsst die Studierenden und instruiert sie über den geplanten Ablauf. Der Dalai Lama werde in einigen Minuten eintreffen, man solle sich bei seiner Ankunft bitte erheben. Bereits jetzt übertragen Kameras seine kurze Ansprache live auf die Wand hinter ihm, wo später der Vortrag des Dalai Lama zu sehen sein soll. Plötzlich wechselt das Bild auf den Parkplatz vor dem Gebäude. Noch ist nichts zu sehen, dennoch verstummen die Gespräche im Hörsaal augenblicklich. Kurz darauf sieht man, wie ein Polizeiauto vorfährt, gefolgt von fünf schwarzen Wagen mit getönten Scheiben. Aus einem davon steigt Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama.

 

Händchenhalten mit dem Rektor

Als der Dalai Lama den Hörsaal betritt, erheben sich innert Sekunden 500 Studierende. Unter den Zuhörern befinden sich auch einige Exiltibeter, die alle in feierlicher Tracht erschienen sind und auf deren Brust ein Anstecker mit der Aufschrift “Free Tibet” prangt. Der Dalai Lama winkt den nicht enden wollenden Applaus ab und richtet seine ersten Worte an die Anwesenden: “Please, sit down!” So geschehen, setzt sich auch Seine Heiligkeit, wie die offizielle Anrede des Dalai Lama lautet. Dass ihn geplante Abläufe wenig scheren, zeigt sich schon nach wenigen Minuten: Nach der offiziellen Begrüssung durch Martin Täuber will sich dieser zum Publikum setzen. Der Dalai Lama jedoch verlangt nach einem weiteren Stuhl, mit der Aufforderung, Täuber solle sich zu ihm setzen. “Sonst fühle ich mich hier ein wenig einsam!”, meint er. Während der Veranstaltung greift der Dalai Lama immer wieder nach Täubers Hand, als wären die beiden gute, alte Freunde.

 

Die Zukunft ist offen

Der 14. Dalai Lama wurde 1989 für seine Bemühungen, die gewaltlose Befreiung Tibets von der Besatzung Chinas zu bewirken, mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Dass er Gewalt in jeder Form ablehnt, verdeutlicht er während seiner Rede immer wieder. Er hält die Studierenden dazu an, weiter zu denken und nach ganzheitlichen Lösungen zu suchen. Dabei bleibt er nicht dabei, zu referieren. Sein Vortrag ist eigentlich mehr eine Erzählung, ein Gedankenanstoss. “Towards a sustainable future” lautet der Titel der Veranstaltung, der Weg in eine nachhaltige Zukunft soll also diskutiert werden. Er sei froh, zu jungen Menschen sprechen zu dürfen, meint der Dalai Lama. “Vergangenheit ist Vergangenheit und dient nur der Erinnerung. Die Zukunft jedoch ist offen. Wie wird sie sein?”, fragt er die Studierenden.

 

Kein Urteil

Immer wieder überrascht der Dalai Lama mit teilweise gewagten Aussagen. So äussert er sich etwa zu Abtreibung. Im Buddhismus ist das Töten von Lebewesen verboten. In seiner 1990 erschienen Biografie “Das Buch der Freiheit” erklärt der Dalai Lama, dass für viele Buddhisten selbst das Töten eines Insekts unvorstellbar ist. So sieht er auch in einer Abtreibung zunächst den Tod eines ungeborenen Kindes. Es gebe aber Ausnahmefälle, meinte er während seiner Rede, bei denen eine Abtreibung vertretbar ist. Wichtig sei, sich alles im Leben sorgfältig zu überlegen und von Fall zu Fall zu unterscheiden. Dabei fällt auf, dass der Dalai Lama scheinbar nie urteilt. Den ehemaligen Präsidenten der USA George W. Bush betrachte er als Freund. Er möge und respektiere ihn sehr, versichert er den Zuhörern. Dennoch habe er ihm eines Tages sagen müssen, dass er mit seinen politischen Aktivitäten nicht einverstanden sei. “Ich bin sicher, seine Motivation war sehr gut. Er wollte die Demokratie in den Irak bringen. Dennoch ist es falsch, dazu Gewalt zu nutzen”, erklärt er.

 

Respekt und Toleranz

Obwohl das Englisch des Dalai Lama nicht immer leicht zu verstehen ist, lauscht das Publikum über 90 Minuten lang seinen Worten. Einige Studierende dürfen “His Holiness”, wie sie ihn alle respektvoll anreden, eine Frage stellen. Der Dalai Lama antwortet meist nicht mit einer eindeutigen Antwort. Stattdessen erzählt er eine Geschichte, die ihm dazu einfällt. Und ein 78-jähriger hat viel zu erzählen. Dennoch legt er einige klare Statements ab. So spricht er sich eindeutig für eine säkulare Gesellschaft aus. Diese sei nötig und widerspreche keinesfalls der persönlichen Religion jedes Einzelnen. Im Gegenteil: Säkularität sei eine Form des Respekts vor allen Religionen, da sie keine bestimmte vorziehe. Denn obwohl Religion auch kulturell bedingt und somit in der Gesellschaft verankert sei, sollte das Praktizieren eine individuelle Sache bleiben.

 

Verantwortung für die Zukunft

Tenzin Gyatso gilt als Reinkarnation des Dalai Lama und stellt somit den wichtigsten spirituellen Führer im Buddhismus dar. Dennoch wirkt er bodenständig und menschennahe. Der 14. Dalai Lama ist nicht gebieterisch. Er ist eher der Mann, den man sich als Grossvater wünscht: herzlich, offen und immer zu einem Spass aufgelegt. Martin Täuber gerät in Verlegenheit, als auf seine Kosten Witze vom Friedensnobelpreisträger gerissen werden. Zum Schluss der Veranstaltung wird Täuber vom 14. Dalai Lama gesegnet, indem dieser ihm einen weissen Schal um den Hals legt. Die Zuhörerinnen und Zuhörer verlässt der Dalai Lama mit den Worten: “Ich werde morgen aus der Schweiz abreisen. Nun ist es an euch, die Probleme der Zukunft zu lösen.” Und obwohl diese Aussage die Studierenden zum Lachen bringt, scheint sie ernst genommen zu werden. Beim Verlassen des Hörsaals wird angeregt diskutiert, und nicht wenige äussern sich begeistert über die Worte des Dalai Lama.