Kultur | 13.04.2013

Füsse machen Bühne

Text von Kaspar Rechsteiner | Bilder von Katharina Good
Kaspar Rechsteiner ist Redaktionsleiter Solothurn beim Jugendmagazin Tink.ch und arbeitet in seiner Heimat im Stadttheater. Er ist unser Chronist an der 54. Schweizer Künstlerbörse.
Wie schnell doch 20 Minuten vergehen können - oder auch nicht.
Bild: Katharina Good

Meine Heldin des Tages ist Anne Klinge. Ihr Gesicht bleibt im Hintergrund, meist unsichtbar. Denn sie stellt quasi die Füsse auf den Kopf. Sie macht Figurentheater auf allerhöchstem Niveau, indem ihre Hände die tatsächlichen Hände der Figuren sind, ihre Füsse aber die Köpfe. Mit Perücken und Nasen ausgestattet lassen sie das Publikum dahinschmelzen. Im Programm las ich von Fusstheater – was ist denn das? Es ist ungesehen, unvergleichlich und überragt herkömmliches Figurentheater. Zumindest tut das Klinges Performance; sie strotzt vor Tragik und Komik, Körperbeherrschung und Leichtigkeit.

 

 

Wie schnell zwanzig Minuten vergehen. Mehr Bühnenzeit bekommt niemand an der Künstlerbörse. Wenn die Schweinwerfer kurz ausgehen, müssen sich die Performer sputen: Das Mini-Blackout signalisiert das kommende Ende. Aber manchmal will das kurze Dunkel einfach nicht kommen. Die Gruppe “EggiMaaRundiFrou” nimmt sich den kreativen Texten des Emmentaler Mundartpioniers Ernst Eggimann an – doch da bleibt einem das “so läng wie breit wie nou wie lang” ziemlich lang wie breit. Auf jeden Fall ist die gefühlte Zeit ein gutes Mass für Künstler, finde ich. Auch im Theater. Je später ich auf die Uhr schaue, umso besser das Stück. Das hat sich bewährt. Dazwischen bieten die Moderationen Abwechselung. Besonders freue ich mich – wie das ganze Publikum – immer wieder auf eine: die Münchner Satirikerin Sarah Hakenberg. Manchmal wird sie lauter begrüsst als ein Künstler verabschiedet. Ihre Meerschweinchen-Episoden und Fastfoodkritik, vorgetragen mit Stimme und Klavier, bedürften eigentlich eigener zwanzig Minuten. Und auf Youtube amüsiere ich mich dann köstlich über ihre Version des Georg-Kreisler-Klassikers “Tauben vergiften im Park” unter dem Titel: “Hündchen lynchen in München”.

 

 

Sonne versüsst den Nachmittag, eine Ahnung von Frühling kommt auf. Beinahe fühle ich mich auf dem Grillfest einer Grossfamilie, wenn ich zur Piazza, der Outdoorbühne der Künstlerbörse, hinübergehe. Zwischen Rösti, Waffeln und Eiscreme präsentiert sich das Fürstentum Liechtenstein als Gastland. Erstaunlich, wie viel Verschiedenes aus dem Ländle kommt. The Lamperts mit einem Countrybluesreggae-Müesli und Andy Konrad mit Geschichten von Hexen und Scheiterhaufen sind nur zwei Beispiele. Das Familiengefühl setzt sich drinnen fort. Einige Gesichter tragen bereits Namen. Blicke ich von oben auf den vollen Schadausaal, stellen Graustiche und Glatzen zwar die Mehrheit. Doch es zeigt sich kein Silberwald wie beim Publikum in manchen Theatern.

 

 

In die Late Night Bar entlässt uns Nico Semsrott aus Hamburg. Mit Stand-Up-Tragedy behandelt er sein Thema, die Depression. “Soll man über Depressionen Witze machen? Nein, man muss.” Hin und wieder werden seine Witze noch schwärzer als sein Kapuzenpulli, und manchem Zuschauer erstarrt das Lächeln im Mund. Er ist kein Komiker, sondern ein begnadeter Satiriker. Während seinem Tiefgefühl erinnere ich mich vier Stunden zurück an die Berliner Liedermacherin und Schauspielerin Uta Köbernick: “Wenn der Humor flöten geht – na und? Warum soll der nicht auch mal Musik machen?”

 

 

Ein Drittel der Künstlerbörse ist vorbei. Dutzende Auftritte stehen morgen auf dem Programm, genauso wie die Frage: “Was ist Kleinkunst?”, die nicht nur mich, sondern die ganze KTV – KünstlerInnen, Theater und VeranstalterInnen – beschäftigt.